Schwitzend umhüllt von Stahl und Blau
„Crimson Tide“ ist eine Überraschung. Wer waschechte Unterwasseraction erwartet könnte enttäuscht werden. Es gibt zwar Torpedos und Blubberexplosionen, doch handelt es sich eher um einen atemlosen Thriller und ein Psychoduell zweier starker Figuren. Die dicksten Qualitäten hat „Crimson Tide“ in seiner Spannung, in seinem Abwarten, in seinen schwitzigen Männergesichtern und vor allem in seinem Duell zweier Hollywood Generationen und Schwergewichte… Tony Scott, von dem bzw. dessen Style ich eigentlich ein ziemlicher Fan bin, erzählt vom Rande des dritten Weltkriegs: Russland spielt verrückt und ein bombastisch bewaffnetes US-U-Boot scheint die letzte Bastion gegen den atomaren Untergang der Welt zu sein - doch innerhalb der massiven Seewurst kommt es zu heissen Meinungsverschiedenheiten zwischen den charakterstarken Führungskräften…
Blubberblasen & Egoanfälle
MTony Scott hält sich mit seinen visuellen Speedspielereien zurück, die Action bleibt wie gesagt eh recht minimal, viele der bekannten Nebendarsteller verkommen zu netter Staffage (Gandolfini, Zahn, Mortensen). Und dennoch geht „Crimson Tide“ nie unter. Und das liegt an seinen wirklich gekonnten Spannungsmomenten, etwa wenn Torpedos im Anschwimmen sind. Das liegt an der Parallelwelten, die sich in solch einem testosterongeladenen Unterwassergiganten auftut - inklusive Aquarium, Boxraum, Rockmusik, VHS-Ecke und dem Jack Russell des Chefs. Das liegt an Hans Zimmers (mal wieder) meisterhaftem und epischem Score, ganz in seiner damaligen Tradition von „The Rock“ oder „Gladiator“. Und vor allen: das liegt an dem wohl packendsten Charakterduell, das je unter Wasser ausgetragen wurde. Hackman als stoischer, hartgekochter, alter Seebär gegen einen aufstrebenden, intelligenten Denzel ist einfach nur hammer und den Eintritt allein schon wert. Diese beiden im Clinch tragen das Teil, verleihen ihm Glaubhaftigkeit in all den Turbulenzen und sie geben alles was sie haben - was genug erklären und Lob sein sollte. Man ergreift zwar eher Washingtons Seite, aber beide Typen haben ihre Vorzüge und Schwächen. Und durch diese beiden Legenden gewinnt „Crimson Tide“ - passend zum Thema - gehörig an Tiefe. Meint man gar nicht. Ist aber so.
Meuterei auf der „Da staun' sie“
Fazit: sicher kein „Das Boot“, aber für Hollywood wohl immer noch eine eigentlich schon längst überfällige Messlatte in Sachen „U-Boot-Blockbuster“. Zusammen mit Connerys rotem Oktober. Vor allem die bedrückende Atmo, das legendäre, absolut packende Charakterduell Washington vs. Hackman und Zimmers pushender Score bleiben bleiern stehen. Gegen jede Welle, gegen jede Langeweile, gegen jeden Torpedo. Dennoch muss ich immer wieder feststellen, dass Unterwasseraction nicht zu meinen Spezialitäten und Interessen zählt - selbst bei einem solchen Kaliber… Daher bei mir ein Punkt weniger als bei den meisten.