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Endlich ein U-Boot-Thriller, der nicht ganz so schlecht ist wie die anderen aus der "Jagd auf Roter Oktober"-Post-Ära.

Gleich zu Beginn werden wir in ein fiktives Kriegszenario geworfen, das unter heutigen Gesichtspunkten so unrealistisch gar nicht ist: Der Tschetschenienkonflikt gerät außer Kontrolle, die Russen haben sich mit Natostaaten zusammengeschlossen um gemeinsam eine Großoffensive gegen den Schurkenstaat mit seinen Terroristen vorzunehmen. Doch deren Nationalisten sind allesamt kleine schlaue Osama-Bin-Ladens und lassen sich nicht so leicht dingfest machen wie Lusche Saddam (vgl. Hellboy / Van Helsing).

Tja, und diese widerborstigen kleinen Racker haben sich in Nordkorea einen Atomwaffenstützpunkt inkl. vier russischer Atom-U-Boote einverleibt. Schon drehen unsere Amis hohl, bilden eine Koalition der Willigen und auf geht's ins Gefecht. Bereits legendär: die Motivationsrede kurz vor Seegang ("das schönste Land auf der ganzen Welt, Sir!").

Gene Hackman ist dabei der Kommandant auf der USS Alabama. Wie später in "Staatsfeind Nr. 1" mimt er eine Person inmitten einer hochtechnisierten Umgebung, die Hackman so gar nicht kennt und schätzt ("ich wußte vor den Dreharbeiten nicht einmal, wie man einen Computer einschaltet"). Nichtsdestotrotz kann er seine Perfektion in Mimik und Dramaturgie voll ausspielen und macht einem Jack Nicholson als Colonel Jessep ("Eine Frage der Ehre") tatsächlich alle Ehre. Kotzbrocken, Besserwisser, Haudegen, Seebär - vereint in einer Person, das kann nur Hackman oder Nicholson ("Wir sind hier um die Demokratie zu halten, wir praktizieren sie nicht").

Gegenpart ist Erster Offizier Hunter, ein Denzel Washington in gewohnter Rolle. Als Theoretiker und Schlaumeier darf er fast auf unsympathische Weise dem Kommandant widersprechen. Sein Gutmensch-Syndrom ist zwar nachvollziehbar und würde ohne Auslebung kaum zur Rolle beitragen, doch nervt es zwischenzeitlich deutlich. Allerdings führt dies genau zu dem beabsichtigten Resultat: Eine nervenaufreibende Krise an Bord, bei der man beide Seiten der Streithähne verstehen kann und hin- und hergerissen ist.

Zu Beginn leichte Unzufriedenheit steigert sich zu offenen Diskussionen, die perfekt vom Drehbuch vorgegeben und von den betroffenen Schauspielern verkörpert werden. Der Plot ist stimmig, jedes Wort realitätsnah und damit für den Zuschauer nachvollziehbar.

Natürlich steuert alles auf den großen Konflikt hin: Atomschlag ja oder nein. Dies war vorhersehbar, doch der Weg ist das Ziel. Der Höhepunkt des Filmes erstreckt sich auf erstaunlich lange Zeit ohne der Spannung Abbruch zu tun. Beste Szene ist zweifellos die atemberaubend lange Anschreiszene der beiden Kontrahenten, als es um die Machtübernahme durch Hunter geht.

"Crimson Tide" ist ein erstaunlich frischer und gelungener U-Boot-Film und Trendsetter im Genre. Allen Kommentaren, die ihn in guter Gesellschaft mit "Jagd auf Roter Oktober" und "Das Boot" sehen, kann ich mich nur anschließen. Platz drei im Genre ist wohlverdient.

(9/10)

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