Bevor Steven Spielberg mit „E.T.“ rekordhaft in die Box Office Charts knallte, dominierten vor allem zwei Außerirdischenbilder im US-Kino: Das buntgemischte „Star Wars“-Ensemble oder die feindliche Killerkreatur der Marke „Alien“.
Mit dem Mythos von „Alien“ spielt „E.T.“ in den ersten Minuten auch: Eine Raumschiff steht auf einer Waldlichtung, leicht bedrohlich scheint Licht aus der Tür und die Außerirdischen sind kaum zu sehen. Sogar Kokon-artige Gebilde stehen rum. Einer wird von der Gruppe getrennt und als Männer mit Taschenlampen auftauchen hauen die Außerirdischen ohne ihn ab – und immer noch sieht man nur Schemen von ihm. Ähnlich wie in „Alien“, denn erst nach einiger Zeit wird man E.T. mal etwas genauer sehen können.
Danach schwenkt „E.T.“ jedoch zur zweiten Hauptfigur des Films, dem kleinen Elliot (Henry Thomas). Mutter Mary (Dee Wallace Stone) ist relativ frisch geschieden, weshalb die Stimmung für sie, Elliot, seinen großen Bruder Michael (Robert MacNaughton) und seine kleine Schwester Gertie (Drew Barrymore) gedrückt ist. Elliot entdeckt den geflüchteten E.T. und freundet sich mit ihm an...
Keine intergalaktischen Kriege, keine Invasion der Erde, kein mordlustiges Alien - „E.T.“ gab dem Thema Außerirdische ein neues Gesicht und spielt ein wenig mit den Genreerwartungen. Elliot besitzt „Star Wars“-Figuren, an Halloween regt ein Kind im Yoda-Kostüm E.T. auf und auch die Rollen der Behörden sind etwas anders. Sie verfolgen E.T., wollen ihn erforschen, aber der groß eingeführte Keys (Peter Coyote) ist alles andere als der erbarmungslose Forscher, sondern hat überraschend viel Verständnis.
Doch die Science-Fiction-Komponente hat einen eher kleinen Anteil, die meiste Zeit über ist „E.T.“ ein Kinomärchen über Freundschaft und Familie. Spielberg beschreibt sehr einfühlsam wie es Elliot geht, der kaum gleichaltrige Freunde hat, meist mit denen des älteren Bruders vorlieb nehmen muss, welche ihn nicht für vollnehmen, und der seinen Vater vermisst. Einige interessante Punkte werden leider nicht vertieft, sondern nur angerissen (Umstände der Elterntrennung, Elliots Verhältnis zu seinen Klassenkameraden), aber doch schafft „E.T.“ es seiner menschliche Hauptfigur Konturen zu verleihen.
Spielberg erzählt davon wie Elliot und E.T. zusammenwachsen, die Geschwister eingeweiht werden, während E.T.s Versuche nach Hause zu kommen zu einer Art rotem Faden werden, den Spielberg doch recht geschickt mit dem Freundschaftsplot verknüpft. Er hat sein Publikum im Griff, was sich vor allem in den wirklich anrührenden Szenen zeigt, wenn sowohl Elliot als auch E.T. schwerkrank mit dem Tode ringen.
Doch ausgerechnet kurz darauf ertränkt Spielberg die rührenden Momente in etwas zuviel Kitsch, gerade die Verabschiedungsszene am Ende will vor lauter Geknuddel und Freundschaftsbekundungen gar nicht aufhören. Zwischendrin lockert „E.T.“ die Chose mit seiner amüsant gemachten, berühmt gewordenen Verfolgungsszene auf, doch etwas weniger Herz-Schmerz hätte dem letzten Drittel wirklich gut getan.
Technisch ist „E.T.“ auch heute noch ansehnlich, die Effekte sind in Würde gealtert, selbst wenn man Sachen wie die fliegenden Utensilien heutzutage einfach als Blue Screen Trick identifiziert. Die Modelltricks, mit denen man E.T. selbst zum Leben erweckt, überzeugen immer noch und Charme hat „E.T.“ sowieso.
Mit Henry Thomas, Robert MacNaughton und Drew Barrymore sind gleich drei Kinder- bzw. Jugenddarsteller in den Hauptrollen zu sehen, doch diese schlagen sich gut und gehen kaum auf die Nerven – und wenn dann liegt es eher daran, dass das Drehbuch ihren Rollen gerade einen besonders schmalzigen Moment aufs Auge drückt. Dee Wallace Stone und Peter Coyote haben da deutlich weniger Screentime, sind aber erstklassiger Support für die junge Garde.
Alles in allem ist „E.T.“ ein schönes Märchen für die ganze Familie im Gewand eines Science Fiction Films. Technisch wunderbar gemacht, sehr rührend und ohne große Effekthascherei, im letzten Drittel aber leider etwas zu übertrieben kitschig, was den Unterhaltungswert leider mindert.