Review

Sieht man sich die Frühwerke von Regisseuren an, kann dies Erstaunliches zu Tage fördern. Man erkennt bereits einen Stil oder Motive, die später wieder in ihren bekannten, größeren Produktionen auftauchen. Dabei fällt dann häufig der Begriff des „Auteurs", wenn der Name eines Filmschaffenden - zumeist des Regisseurs - als Exekutive des Films sich in mehreren Bereichen wiederfindet. Ob Lionel Delplanque als solcher zu bezeichnen ist, wage ich zu bezweifeln, auch wenn zwischen seinem zweiten Kurzfilm Opus 66 und Deep in the Woods - Allein mit der Angst, erstaunliche Parallelen bestehen, die über Regie und Drehbuch - wofür sich Delplanque in beiden Fällen verantwortlich zeichnet - durchaus hinausgehen. (Über den Kurzfilm Silver Shadow und Delplanques bisher zweiten und letzten Langspielfilm Président vermag ich dabei mangels Kenntnis keine Aussage zu treffen.)

Zugegebenermaßen muss der Vergleich jedoch zwangsläufig etwas hinken, vergleicht man die Kosten der beiden Filme. Opus 66 kostete nur einen Bruchteil des 20 Mio. Franc-Budgets von Deep in the Woods und besitzt bei einer Laufzeit von 4 Minuten und 6 Sekunden (ohne Abspann) signifikant weniger Möglichkeiten, eine komplexe Geschichte mit einem Dutzend Figuren zu erzählen. Doch weisen beide Filme ein Gespür für atmosphärische, düstere Bilder auf, die der Stimmung in einem Horrorthriller - auch das Genre ist gleich - nur zuträglich sein können. Auch der nächtliche Wald als Handlungsort wird wieder aufgegriffen und Delplanques Vorliebe für den Einsatz klassischer Musik zur Stilisierung, sei es von Allegri und Sallinen oder - wie in Opus 66 - von Chopin und seinem titelgebenden Werk, ist wohl nur schwerlich von der Hand zu weisen. Soweit zu den durchaus als Stärken der jeweiligen Filme zu betrachtenden Parallelen.

Leider scheint Delplanque in den beiden Drehbüchern jedoch auch eine Vorliebe für die Überbetonung falscher Fährten und die Figur eines ge- bzw. verstörten Kindes zu haben, was stets bedenklich nahe an die Grenze der Glaubwürdigkeit führt und diese bisweilen in Richtung Trash überschreitet. So taucht vor einem in ihrem Auto zu Chopins Sinfonie durch den nächtlichen Wald brausendem Paar in Opus 66 zunächst ein mitten auf der Straße abgestelltes Fahrzeug mit angeschalteten Scheinwerfern in den Untiefen des schwarzen Waldes auf. In dieser beklemmenden Situation steigt der Mann (Christopher Gendreau) aus seinem Auto aus, um nach dem Rechten zu sehen und im anderen Fahrzeug dabei neben den Leichen zweier Erwachsener auf den Vordersitz auf der Rückbank ein verängstigtes Kind zu entdecken. Dass dies zwar den Konventionen des Horrorfilms entspricht und mit logischem Verhalten nichts zu tun hat, muss dabei wohl nicht erwähnt werden. Als Spannungselement wirkt es jedoch hervorragend. (ACHTUNG: SPOILER!)
Auch die Idee, dass das Paar dann – nachdem es den kleinen Jungen in seinem Auto mitgenommen hat – scheinbar von dem anderen Fahrzeug verfolgt wird (vom Killer?), ist ein sehr wirksames Spannungselement. Doch seltsamerweise biegt der Verfolger schließlich ab – also eine falsche Fährte. Stattdessen entpuppt sich das mitgenommene, scheinbar ver-, aber enorm gestörte Kind als Mörder, welches der Frau, die schwanger ist (noch so ein irritierendes Element des Drehbuchs), die Kehle durchgeschnitten hat und sich als Psychopath entpuppt, wenn es die schließlich die blutige Klinge der Tatwaffe ableckt. Dies wirkt nicht nur unglaubwürdig, sondern unfreiwillig komisch.
(SPOILER ENDE)

Das düstere und spannende Grundszenario ist dabei clever gestrickt, allerdings scheinen Delplanque nach etwa drei der vier Minuten Laufzeit etwas die Ideen ausgegangen zu sein. Trotzdem bleibt über Opus 66 zu bemerken, dass er pragmatisch daherkommt und sich nicht zu sehr auf die Form (Bilder) verlässt, um den Inhalt zu vernachlässigen, was bei Deep in the Woods ein ums andere Mal auffällig zu Tage tritt. So stört den Zuschauer die Fragwürdigkeit der Auflösung und des Killer-Motivs in Opus 66 weniger als in Deep in the Woods, weil ein Kurzfilm auch als Dreipersonenstück mit minimalen Charakterzeichnungen funktionieren kann und eben auch die Geschichte fragmentarisch und mit dem Mut zur Lücke erzählt daherkommen „darf". Schon aus diesem Grund ist dieser Kurzfilm ungleich des prätentiösen Langfilms Delplanques sehenswert.     

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