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Ein Autounfall zerstört das Leben des jungen Medizinstudenten Hiroshi: Nicht nur stirbt die Frau, die er liebt, auch er selbst verliert sein Gedächtnis - und die Orientierung im Leben: In lebensechten Visionen pendelt er zwischen der Realität und der Jenseits-Welt, in der er mit der Geliebten wieder glückliche Stunden verbringen kann. Oder sind es nur Erinnerungen? Währenddessen landet ihre Leiche auf dem Obduktionstisch seines Anatomiekurses. Lange kann dieses Schwanken zwischen den Welten allerdings nicht gut gehen...


Das japanische Liebesdrama mit Fantasy-Elementen überzeugt mit seiner dichten Atmosphäre, die dank gekonnter Tempowechsel immer wieder zwischen tiefer Melancholie und schriller Skurrilität hin und her pendelt. Dank der Schnittmontage und Bildern, die von düster-dreckiger Dunkelheit bis zu verliebt-heiterer Buntheit reichen, entstehen immer wieder diametral entgegengesetzte Sequenzen, die „Vital" eine tatsächlich vitale Rhythmik verleihen. Der tiefen Trauer um den Verlust der Geliebten und des eigenen stabilen Lebens setzt der Film romantische Bilder von leiser, emotionaler Kraft entgegen, so zerbrechlich (sprich: eingebildet) diese vielleicht auch sein mögen - wobei die Realität der Jenseits-Welt durchaus offen bleibt.

Diese dichte, fesselnde Atmosphäre wird mit starken Dialogen zwischen Alltagsschmerz und faszinierender Philosophie über Leben und Tod, die Wahrnehmung der Realität und den Umgang mit Verlusten angereichert und von den überzeugenden Darstellern getragen. Auch wenn die Mimik der meisten Beteiligten eher überschaubar bleibt, vermögen sie doch, die inneren Konflikte und verborgenen Schmerzen ihrer Figuren intensiv zum Leben zu erwecken. Auch die vielleicht nicht ganz glaubwürdige, aber packende Konstellation der Charaktere - die fragile Freundschaft zwischen Hiroshi und dem Vater der Toten, das Üben an ihrer Leiche im Anatomiekurs, die vorsichtige Annäherung an eine Kommilitonin - sorgt für spannende, vor allem aber anrührende Szenen, die einen nicht so schnell loslassen.

Womöglich wirkt der Wechsel zwischen Realitäts- und Jenseitsebene mitunter etwas willkürlich, und es dauert auch eine Weile, bis man als Zuschauer wirklich hinter die Zusammenhänge einzelner Sequenzen steigt - das zumindest mag daran liegen, dass japanisches Kino oft nach ganz anderen dramaturgischen Mustern funktioniert, als wir das im westlichen Film gewohnt sind. Gerade diese Sperrigkeit kann aber auch den Reiz dieser düsteren, aber nicht pessimistischen, traurigen, aber nicht deprimierenden Geschichte ausmachen - wenn man sich darauf einlässt.

Mit seinen ausdrucksstarken Bildern, einem zurückhaltenden, einzelne Szenen aber sehr stark intensivierenden Soundtrack und dem meistens gelungenen Wandeln auf dem schmalen Grat zwischen Realität und Wahn, Liebes- und Seelendrama gelingt „Vital" auf jeden Fall eine faszinierende Geschichte von dichter Atmosphäre, die den aufgeschlossenen Zuschauer tief in ihren Bann zu ziehen vermag. Für Freunde asiatischer Kinokunst auf jeden Fall zu empfehlen.

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