Review

Die Kritik beruht auf der ungeschnittenen DVD-Fassung vom Label RAPTOR FILM ENTERTAINMENT!

Mit "Tenebrae" aus dem Jahr 1982 kehrte Dario Argento nach seinen zwei übersinnlichen Horrorfilmen "Suspiria" und "Inferno" zurück zu seinen Wurzeln und inszenierte einen harten Giallo, der zweifellos zu seinen besten Beiträgen innerhalb dieses Genre gezählt werden darf.

Der amerikanische Autor Peter Neal reist nach Rom um Verträge für ein neues Buch abzuschließen. Sein letzter Roman "Tenebrae", der von einem geisteskranken Serienkiller handelt, steht seit Wochen an der Spitze der Bestseller-Listen. Kaum angekommen, sieht er sich mit einem realen Frauenmörder konfrontiert, der offensichtlich das Buch als Vorlage für seine Taten benutzt.
Peter ist nicht nur zwischen seinem Ehrgeiz den Fall zu klären und der Angst um sein eigenes Leben hin- und hergerissen, auch die Zuneigung zu seiner langjährigen Assistentin Anne und das Auftauchen seiner labilen Verlobten Jane sorgen für Unruhe.
Der Mörder zieht sein Netz immer enger um Peter, als aber der Hauptverdächtige ebenfalls brutal ermordet wird, scheinen die Karten neu gemischt...

Mit "Tenebrae" schuf Argento nicht nur einen Giallo, sondern verbeugt sich mit seiner Handlung vor den großen Schriftstellern der Kriminalliteratur, angefangen von den klassischen Detektivgeschichten eines Sir Arthur Conan Doyle oder einer Agatha Christie bis hin zu den Werken von Raymond Chandler und Mickey Spillane. Vor allem eines der berühmtesten Zitate des Sherlock Holmes aus "Der Hund von Baskerville" kommt hier zur Anwendung, die den ermittelnden Polizeibeamten zur alles entscheidenen Frage nach dem Täter führt:

"Wenn Du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, wie unwahrscheinlich sie auch ist."

Von diesem Zitat einmal abgesehen, liefert der von Italowestern-Star Giuliano Gemma dargestellte Polizist immer wieder Hinweise darauf, das er ein eifriger Leser von Kriminalromanen ist und offenbart die Lösung des komplizierten Falls ganz im Stil eines Hercule Poirot (einem belgischen Privatdetektiv und Agatha Christies Pendant zu Sherlock Holmes), indem er alle Stücke des Puzzles zu einem Gesamtbild fügt und ... als den Täter entlarvt.

Mit der intensiven musikalischen Untermalung von Goblin schuf Argento mit "Tenebrae" ein albtraumhaftes Szenerio, das von dem Werk eines Schriftstellers handelt, dessen beschriebener Wahnsinn von einem kaltblütigen Killer in der Realität umgesetzt wird, der mit unvorstellbarer Grausamkeit Frauen mit einem Rasiermesser tötet.
Wie bei Argento üblich sind auch hier die rauschartig wirkenden Inszenierungen spektakulärer Morde Höhepunkte der spannenden Handlung, die im Vergleich zu späteren Filmen wie "Phenomena" oder "Opera" logisch aufeinander aufgebaut ist und dem Zuschauer eine nachvollziehbare Entlarvung des Täters bietet, wobei auch hier unter anderem eine psychosexuelle Pathologie des Täters im Vordergrund steht, auf die in bewährt traumähnlichen Rückblenden hingewiesen wird.
Von der psychologischen Charakterisierung des Täters ausgehend zähle ich "Tenebrae" im Rahmen von Argentos Giallo-Verfilmungen zu seinem ausgereiftesten und glaubwürdigsten Werk.

Abgesehen von den unzähligen Stilelementen des Genre, die Argento maßgeblich geprägt und somit auch den modernen Horror- und Slasherfilm stark beeinflusst hat, setzt der Regisseur auch hier auf langsame, endlos wirkende Kamerafahrten, die zusammen mit dem nervenaufreibenden Soundtrack nicht nur für eine unheimliche Atmosphäre, sondern auch für atemberaubende Spannung sorgen.

Nicht zuletzt legt Argento viele falsche Fährten um den Zuschauer geschickt in die Irre zu führen und sorgt für einige überraschende Wendungen, wobei das, was der Zuschauer zu sehen bekommt, nicht immer das ist, wonach es anfangs den Anschein hat.

Mit seinem fünften Giallo hat sich Dario Argento endgültig zum ungekrönten König des Genre erhoben und inszeniert ein fintenreiches, blutiges Verwirrspiel mit einem furiosen Finale, das einem Inferno aus Blut und Wahnsinn gleicht.
Die ungeheure Wirkung des finalen Plottwists funktioniert nur beim ersten Zuschauen, ansonsten verliert "Tenebrae" auch bei der dritten Wiederholung nichts von seiner beeindruckenden Intensität und bietet spannende Unterhaltung auf höchstem Niveau.

8,5 von 10 Punkte!

Geübte Zuschauer werden eindeutige Parallelen zum Erotikthriller "Basic Instinct" (1992) von Paul Verhoeven auffallen, für den "Tenebrae" in Bezug auf Handlung und inszenatorischer Finessen Vorbild war.

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