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Die beiden Polizisten Ah Lui [ Danny Lee ] und Ah Keung [ Alex Man ] sind nicht nur Partner, sondern auch beste Freunde. Deswegen sieht es Ah Lui gar nicht gerne, dass sein Kumpel nach einer überzogenen Festnahme und dementsprechenden Rüffel seinen Dienst schmeisst. Ah Keung wird LKW – Fahrer im Steinbruch; muss aber auch die Tätigkeit schnell lassen, die ihm ein ungeduldiger Gläubiger den Laster anzündet.
Als ihn Ah Lui bei einem Juwelenraub als Täter in der Bande von Lung [ Shing Fui On ] sieht, lässt er ihn entwischen und gibt auch eine Falschaussage ab; gerät dadurch aber nur ebenfalls in den Abgrund...

Brotherhood ist aus einer Epoche, in der das Heroic Bloodshed Genre gerade erst anfing; die Themen in dem Umfeld noch relativ frisch waren und die Struktur noch nicht so festgelegt und abgenutzt wie nur wenige Jahre später.
Ausserdem gelingt es dem Film, seine Szenerie naturalistischer als gewohnt zu halten; man porträtiert keine eloquente Gangsterwelt, sondern bewegt sich viel weiter unten in der Einkommensschicht. Direkt auf der Strasse gesetzt, bekommt man die Bilder der Hochhäuser nur im Vorspann zu Gesicht; dort wird ein anonymes Glasgebäude nach dem anderen in Augenschein genommen und Hongkong als Großstadtschlucht anskizziert. Das eigentliche Leben spielt sich aber ganz woanders ab; die Polizisten Lui und Keung schauen nicht einmal an den Fassaden hoch, da es für sie keine Realität darstellt und sie selbst in den kühnsten Träumen nicht daran glauben, grossartig aufzusteigen.

Sie haben auch ganz andere Sorgen; das Einkommen langt vorne und hinten nicht und ist schon gar keine Entschädigung für das Risiko, dem sie tagtäglich ausgesetzt sind. Bei Observationen getarnt als Taxifahrer werden sie von Passanten belästigt; selbst Verkehrskontrollen arten zu Schiessereien aus, die nur mit Glück und ständiger Aufmerksamkeit gemeistert werden. Der Aufstiegsweg ist versperrt, da sie ohne die entsprechenden Fähigkeiten keine Trainings- und Fortbildungsmöglichkeiten erhalten und so notgedrungen auf ihrem bisherigen Platz in der Gesellschaft stehenbleiben müssen. Ah Luis kleiner Bruder Raymond [ Chow Fong ] hat die entsprechende Ausbildung genossen und steht ab seinem ersten Tag in der Dienststelle sofort über den beiden Altgedienten, die schon ein Jahrzehnt dort sind.
Keung ist angesichts dieser trostlosen Aussicht eindeutig mehr angefressen als Lui, was sich aber mit seiner zusätzlichen Bürde – er hat andere zu verpflegen und auch die Arztkosten für ein Familienmitglied zu tragen – rasch erklären lässt. Ausserdem kommt er auch mit seinem jetzigen Job noch in die Bredouille, als Kredithaie ihr geborgtes Geld mit allen Mitteln zurückhaben wollen. Und da nützt sein Job als Polizist gar nichts, da er nichts unternehmen kann, ohne vom Vorgesetzen eins auf den Deckel zu bekommen.

Diese Umstände für seinen unfreiwilligen Ausstieg aus der Rechtmässigkeit und Legalität des Gesetzes auf die andere Seite werden gleichzeitig ruhig und betont bebildert; die Erzählung Stephen Shins beruft sich auf einfachen Mitteln, um den Sachverhalt mitsamt seinen Fakten möglichst klar und deutlich darzulegen.
Die ungeschliffenene Inszenierung erinnert viel mehr an die Werke eines Ringo Lam, Johnny Mak oder Alex Cheung als an die Killerepen eines John Woo; man verzichtet ganz auf eine Stilisierung oder Glorifizierung der Handlung und hält diese durch mangelnde Umwege selbst klein und begrenzt. Getreu seiner Figuren, die in den Hauptrollen allesamt Unterprivilegierte sind, wird selbst poetischer Realismus aussen vorgelassen, aber andererseits auch das soziale Drama nicht zu sehr überzogen.

Sicherlich verhüllt man den Schauplatz sehr oft in die Nacht; lässt allein optisch wenig Sonnenschein anklingen und hält auch die gesamte Ausstattung sehr frugal. Aber man suhlt sich anders als bei z.b. On the Wrong Track nicht im Milieu von Pessimismus und Entindividualisierung und fährt auch keine personifizierten Stolpersteine wie in Brothers from the Walled City auf; sondern äussert sich mit zurückhaltenden Gefühlen. Ohne sich in die Gefahr von Übertreibungen zu begeben. Szenen, wie in der Keung sich nach den ersten Überfällen vor der ganzen Welt versteckt, die Tür verschliesst und erst recht vor seinem Freund Lui am liebsten im Erdboden versinken will, wirken durch die simple Wiedergabe von ganz allein. Man braucht keine Interpretationen, um verschiedene Möglichkeiten zu klären, sondern bekommt die blanken Fakten ohne Umschweife geliefert. Die Lebenslage spricht dann für sich selber.

Regisseur Shin [ Black Cat, Codename: Cobra ] beachtet dabei natürlich auch die bereits im Titel vorgegeben Themen der Freundschaft, Bruderschaft und Loyalität, wobei er hier mit einem realen Bruderpaar und einem aus der Kameradschaft entstandenen auch die Rivalität und Konkurrenz untereinander anspricht. Raymond kommt an seinen älteren Bruder gar nicht mehr heran und kann ihm deswegen überhaupt nicht helfen; seine nunmehr höhere, angesehene Stellung ist auch eindeutig mit ein Faktor, der dies verhindert. Und er ist auch nicht mit Keung befreundet, weswegen er nur im Sinn hat, Lui zu bremsen. Ihn zu hindern, seinem Freund zu helfen.
Die Erstlingsautoren James Fung und Kim Yip konstruieren um dieses Dreieck einen Plot, der abwechselnd bei den Kriminellen und der Polizei spielt; diese Wechselpartie gibt knappe Einblicke in beide Institutionen und löst daraus seine Spannung ab. So nutzt Keung später seine Erfahrungen als Polizist, um die Überfälle vorzubereiten, da er weiss, wie die Streifen positioniert sind. Bei der geplanten Geldübergabe kann er die anwesenden Ex – Kollegen detektieren und den zu gefährlichen Austausch abblasen; er wird zum Denker der Bande. Dort kann er seine Fähgkeiten einbringen und etwas erwirken; dort ist er wichtig. Aber der richtige Weg sieht trotzdem anders aus, und das bekommen auch alle Beteiligten zu spüren.

Ein Actionfilm ist es übrigens nicht, und es bedarf auch keiner ausführlichen Shootouts und grosser Explosionen; teilweise ist die gedämpft – nihilistische Stimmung auch gar nicht dafür geeignet.
Sicherlich werden einige Einstellungen eingeworfen, so schiesst sich die Bande die Flucht aus ihrem Versteck frei oder setzt sich hier und da mit einer Verfolgungsjagd ab; aber die Beachtung liegt eindeutig auf anderen Merkmalen.
Wirkung erfolgt über die guten darstellerischen Leistungen und die Situation an sich; das Tempo wird durch knappe Beschreibungen der jeweiligen Szenen ebenfalls selbstständig vorgegeben. Der grummelnde, minimalistische Score von Richard Chang kommt zwar einige Jahre zu spät und hört sich auch mehr nach einem apokalyptischen Endzeitfilm an, passt aber ungemein gut auf die kargen Bilder und kleidet das Ambiente noch mehr in ein ernüchterndes, bedrohliches Klima.

Nun fehlt nur noch das gewisse Überraschungsmoment, eine unerwartete Szenenfolge; was angesichts der tradierten Themen schwer ist und hier nicht noch zusätzlich geboten werden kann. Nicht der Fortgang der Handlung von sich aus ist spannend, aber die Erzählweise macht sie dazu. Bis zum bitteren Ende.

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