Review

GODZILLA, KING OF THE MONSTERS!

Ishirô Honda und Terry O. Morse, Japan/USA 1956

Achtung – das folgende Review beinhaltet SPOILER!

Gesagt, getan: Hier sei die dreist für das amerikanische Publikum „überarbeitete“ Fassung des Ishirô-Honda-Klassikers Godzilla betrachtet, die zwei Jahre nach dem Original erschien und unter dem eigenen Titel Godzilla, King of the Monsters! in die US-amerikanischen (und sogar japanischen) Kinos gelangte.

Der für die „United World News“ arbeitende Reporter Steve Martin ist dienstlich auf dem Weg nach Kairo und legt unterwegs einen kleinen Zwischenhalt in Tokio ein, um seinen alten Bekannten, den Wissenschaftler Dr. Serizawa, zu besuchen. Der allerdings lässt sich von einem zum Flugplatz entsandten Mitarbeiter entschuldigen, da er gerade mit wichtigen Forschungen beschäftigt sei und somit keine Zeit habe. Auch nicht schlimm: In Japan herrscht gerade große Aufregung, denn vor der Küste des Landes sind zwei Schiffe unter mysteriösen Umständen verschwunden (beziehungsweise „vom Meer gefegt“ worden), und das weckt natürlich sofort das Interesse unseres Vollblut-Journalisten Steve. Er holt sich die Erlaubnis ein, exklusiv über die Ereignisse zu berichten und, ähm ... berichtet exklusiv über die Ereignisse. Bald schon sind acht Schiffe verschwunden, und noch immer weiß niemand so recht, wie es dazu kommen konnte. Erst Dr. Yamane, der führende japanische Paläontologe, findet einen Lösungsansatz und empfiehlt zunächst, dass Regierung, Behörden und Wissenschaftler ihre Aufmerksamkeit auf die unweit der Küste gelegene Insel Odo lenken mögen. Aufmerksamkeit allein verhindert indes nicht, dass es dort zu einem opferreichen nächtlichen Angriff durch etwas „großes Lebendiges“ kommt, und so entsendet man eine Expedition zur Insel, an der natürlich auch unser Protagonist Steve Martin teilnimmt – immer in Begleitung eines Polizeioffiziers, der zudem als Dolmetscher fungiert. Auf Odo findet man inmitten der vom nächtlichen Besucher hinterlassenen Trümmer riesige, radioaktiv verseuchte Fußspuren, und kurz darauf taucht hinter einem Hügel ...

Der Rest ist bekannt.

Unter Leitung von Terry O. Morse wurde der Original-Godzilla hier mit neu gedrehten Szenen rund um eine amerikanische Identifikationsfigur versehen, rein rechnerisch um etwa eine Viertelstunde Ursprungsmaterial erleichtert und überwiegend in der ersten Hälfte auch kräftig umgeschnitten. Dass es sich dabei um eine aus kultureller Sicht geradezu kriminelle Legendenschändung handelt, ist zunächst unbestreitbar und soll an dieser Stelle auch noch einmal kritisch hervorgehoben werden. Wie aber funktioniert diese US-Version, und was macht sie aus Hondas Original? Nun, zunächst funktioniert sie recht ordentlich. Ich denke, dass man über weite Strecken gut mit ihr leben könnte, wenn man in Unkenntnis des Ursprungsfilms an sie geraten würde. Der Streifen beginnt mit einer Szene, in welcher der neue Protagonist Steve Martin nach dem Monsterangriff auf Tokio verletzt unter einem Trümmerhaufen zu sich kommt und per apokalyptischem Voiceover ein paar allgemeine Bemerkungen zur Lage macht, die klingen, als wäre gerade das halbe Universum vom Untergang bedroht. Danach wird in Rückblenden und immer vom Voiceover getragen erzählt, was bis zur Eingangsszene geschah. Das ist zweifellos sehr professionell und auch liebevoll gemacht – die zahllosen kleinen und größeren Umschnitte fallen kaum auf, sodass sich die neu gedrehten Szenen weitgehend organisch in das Grundkonstrukt des Film einfügen. Dass diese Szenen erhebliche Störungen im Spannungsaufbau erzeugen, ist indes unverkennbar – ein Manko, das auch durch ein noch so reißerisches Voiceover nicht kompensiert werden kann. Im Gegenteil: Das Geschehen wird auf eine nüchtern-dokumentarische Ebene heruntergebrochen und verliert erheblich an Atmosphäre und Faszination (nicht jedoch an seiner lieben Not mit der Logik ...). In der zweiten Hälfte des Films wird zudem ein weiteres prägendes Problem augenfällig: Terry O. Morses Adaption weiß mit ihrem menschlichen Protagonisten schlichtweg nichts mehr anzufangen. In den Katastrophensequenzen kann Steve Martin nur noch in wenigen Glücksfällen untergebracht werden – ansonsten steht der Reporter in der Gegend herum und ... berichtet. Das aber fällt Morses Arbeit gewaltig auf die Füße: Erstens ist es für den Betrachter vollkommen sinnfrei, wenn ihm jemand erzählt, was sowieso gerade zu sehen ist, und zweitens wird man endgültig dafür sensibilisiert, dass hier etwas nicht stimmt, weil der Reporter mit jedem seiner unnützen Auftritte deutlicher als Fremdkörper enttarnt wird. Wenn man sich dieses Betrugs aber endgültig bewusst ist, gerät die Figur Steve Martins zur veritablen Peinlichkeit. Kenner des Originals sind in dieser Hinsicht natürlich noch einmal um Größenordnungen empfindlicher – aber von denen ist hier ohnehin schon generell viel Wohlwollen gefordert. Bei alledem habe ich mich im Nachhinein gefragt, aus welchen Teilen des Originals sich die rund fünfzehn Minuten zusammensetzen, die in der US-Version fehlen (Godzilla, King of the Monsters! ist schon um mehr als zehn Minuten kürzer als das Original, und die neuen Szenen beanspruchen ganz sicher auch mindestens fünf Minuten). Auf den ersten Blick ist mir kaum etwas aufgefallen – alles, was auch nur entfernt unter den Begriff Spektakel fällt, ist mit an Bord und sogar einige meiner Meinung nach heiße Schnittkandidaten wie ein ritueller Tanz auf Odo oder das Klagelied des Jugendchors sind vollständig vorhanden. Den Großteil des entfernten Materials bilden letztlich Szenen und Sequenzen, die das Verhältnis zwischen Emiko, Ogata und Serizawa beleuchten, welches in der vorliegenden Fassung nur kurz erwähnt wird – so kurz, dass es das Skript ohne Weiteres auch gänzlich hätte unter den Tisch kehren können. Wie man (abgesehen von der grundsätzlichen Verurteilung von Schnippeleien in fremden Filmen) dazu steht, ist Ansichtssache: Man könnte meinen, die US-Adaption sei knackiger und kurzweiliger als Ishirô Hondas Ur-Godzilla, andererseits aber auch bemängeln, dass ihr die Tiefe des Originals fehlt – wenn man denn glaubt, dort ein gewisses Maß an Tiefe vorzufinden.

Zur Optik ist anzumerken, dass auch die US-Fassung im 1.37:1-Format daherkommt und in ihr tatsächlich herkunftsbedingte Qualitätsunterschiede auszumachen sind: Die Bilder der jenseits des Ozeans neu gedrehten Szenen weisen eindeutig weniger Schäden und Verunreinigungen auf als ihre japanischen Ursprungs-Kollegen und wirken auch deutlich kontrastreicher. Ansonsten bleibt natürlich alles beim Alten – wie auch in Sachen Schauspiel. Hier muss lediglich Raymond Burr zusätzlich erwähnt werden, der als Steve Martin zumindest einen halbwegs sympathischen Eindruck macht. Etwas Nennenswertes zu tun hat er freilich nicht, und es wird von Minute zu Minute weniger, bis sich seine Rolle endgültig darauf beschränkt, betroffen oder gar bestürzt in Richtung Kamera zu blicken und die Reporterpflichten seiner Figur wahrzunehmen, sprich schwer nach Weltuntergang klingende Kommentare zum ohnehin Sichtbaren vom Stapel zu lassen. Neben ihm haben sich noch ein paar asiatisch aussehende Statisten ein paar Dollar verdient – zum Beispiel als Polizeioffizier und Dolmetscher Martins oder (für die Interaktions-Szenen mit Martin von hinten gefilmt) als Ersatz-Emiko und Ersatz-Serizawa. Der kultige Score von Akira Ifukube wurde schließlich dankenswerterweise übernommen beziehungsweise beibehalten – zumindest in allen wichtigen Momenten und Passagen.

Damit bleibt ein zumindest technisch, also im Schneideraum gut umgesetzter Patchwork-Streifen, der sich aus niederen (in diesem Fall rein wirtschaftlichen) Beweggründen heraus an einer oder sogar der Ikone des Monsterfilms vergreift und nie die Qualität des von ihm entstellten Originals erreicht. Als ausgewiesener Liebhaber der titelgebenden japanischen Kult-Riesenechse sollte man ihn demnach zwingend meiden und verachten. Ich für meinen Teil bin ein ausgewiesener Liebhaber der titelgebenden japanischen Kult-Riesenechse, hatte hier aber dennoch mein Vergnügen: Immerhin darf man die Auftritte des Großen Grünen in voller Länge genießen und bekommt kaum eine Sekunde Zeit, um sich zu langweilen. Das kann durchaus gewürdigt werden, denn als Leitsatz zum Kaijū Eiga gilt natürlich nach wie vor, dass in ihm gefälligst die Monster die erste Geige spielen sollen. Über diesen Gedanken hinaus bleibt freilich nichts von Wert – Godzilla, King of the Monsters! ist nicht nur ein Film, dem Herz und Seele fehlen, sondern auch absolut überflüssig. Aber das wussten wir ja schon vorher.

6 von 10 Punkten, dem Großen Grünen zuliebe.

(10/23)



Details
Ähnliche Filme