Ein ‚based upon...‘ taucht in den Opening Credits von Turbulenzen - und andere Katastrophen auf und verweist damit auf einen Artikel des Buchautoren und Journalisten Darcy Frey. Dieser verbrachte fünf Monate auf Long Island und observierte den Arbeitsalltag von Fluglotsen und veröffentlichte seine Beobachtungen unter dem Titel „Something's got to give" im März 1996 in der New York Times. Recht unterhaltsam, aber auch ein Stück weit beängstigend schildert er darin den kaum bekannten Berufsalltag einer Gruppe von Desperados beim Verschieben von Blechbüchsen (Originaltitel des Films: Pushing Tin). Liest man von ausfallenden Radarmonitoren, Funkgeräten und vor allem von ausfallendem menschichen Personal, das unter Stress und dem Druck, pro Schicht hunderte Menschenleben sicher durch den Himmel manövrieren zu müssen zusammenbricht, könnte einem beim Gedanken an eine Flugreise, besonders eine nach New York, schon ein wenig mulmig werden. Doch die Geschehnisse in Turbulenzen - und andere Katastrophen, die zum Glück mehr ‚inspired by...‘ denn ‚based upon...‘ sind, würden erst recht nicht als therapeutische Maßnahme gegen Flugangst taugen.
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Nick ‚The Zone‘ Falzone ist so etwas wie der Top-Jongleur unter den air traffic controllern, die von einem Bunker auf Liberty Island aus den Flugverkehr über New York regeln, einem der geschäftigsten Lufträume überhaupt. Natürlich gefällt sich der selbstbewusste Nick in seiner Rolle, bis der verschlossene Russell Bell zum Team stößt und ihm in allen Bereichen den Rang abläuft. Als Nick schließlich eine Nacht mit Russells junger Frau Mary verbringt kommt es nicht nur in der Luft zu Turbulenzen...
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Für Sport-, Highschool- und Beziehungskomödien ist das Thema des Platzhirsches, der gegen seine Ablösung durch einen Besseren vorgeht und zwecks persönlicher Reifung daran scheitert und wächst, kein ungewöhnliches, nur das es in Turbulenzen - und andere Katastrophen nicht um den entscheidenen Punkt bei einem Footballspiel, oder die Gunst der Ballkönigin geht, sondern um eine ganze Menge Menschenleben. Ein neunmalkluger Schulausflügler erklärt ziemlich zu Beginn des Films, dass der Job des Fluglotsen den höchsten Prozentsatz an Depressionen, Nervenzusammenbrüchen, Herzattacken und nicht zu vergessen Selbstmord hat, weshalb sich die Jungs um Nick Falzone mit kleinen Marotten während der Arbeit und Grillpartys und kleinen Flirts vom Stress ablenken. Regisseur Mike Newell zeigt einen eingeschworenen Haufen und Nick als ihren unumstrittenen Mittelpunkt, was so auch wieder in jedem beliebigen Setting stattfinden könnte. Nicht zuletzt deshalb verschenkt der Film einiges seines nur scheinbar frischen Settings, denn bis auf eine kurze Szene, in der ein Lotse beinahe einen Zusammenstoß zweier Flieger verursacht (was für seine Figur zudem gänzlich folgen- und damit nutzlos bleibt), wird die Bürde des Jobs nicht unbedingt als solche eingefangen und ergibt sich aus dem Charakter des von sich selbst überzeugten Testosteronbolzen Nick sogar überhaupt nicht. Nick ist großspurig und fühlt sich von dem plötzlich auftauchenden Konkurrenten Russell sehr viel mehr herausgefordert, als von seinem harten Beruf.
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Russell, der aus so vielen Mündern »interessant« genannt wird, dass der Film sich nicht mehr die Mühe macht, ihn tatsächlich interessant wirken zu lassen, übertrumpft Nick in allen möglichen Männlichkeitsritualen, hält ein herunterbrennendes Streichholz am längsten fest, wirft beim Basketball die meisten Körbe und landet seine Maschinen schneller und spektakulärer als Nick. Die Bindung an ihr vielversprechendes Setting verliert die Story dabei über weite Strecken fast vollständig, zwar ist es teils ganz amüsant, Nicks Sturz von seinem hohen Ross zu beobachten, den Großteil seines Humors bezieht Turbulenzen - und andere Katastrophen aber aus einigen kleinen Skurrilitäten rund um die Lotsen, etwa wenn Wetten darauf abgeschlossen werden, ob es ein Kollege nach einem Nervenzusammenbruch wieder an seinen Arbeitsplatz schafft. Allerdings wirken solche Szenen fast ein wenig deplatziert, da das Gebalge zwischen dem mehr und mehr paranoiden Nick und dem abgezockten Russell sich fortlaufend in Richtung MidlifeCrisis-Drama verschiebt, dessen überzogen komische Elemente an Wirkung verlieren und den Film recht unentschlossen hin- und herpendeln lassen. Makaberen Gesprächen zwischen Zweit-, Dritt- und Viertehefrauen über die Kosten für die psychiatrischen Behandlungen ihrer Männer stehen sehr ernsthaft angegangene, aber oberflächliche Auseinandersetzungen mit Alkoholismus und Ehebruch gegenüber.
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Diese Unentschlossenheit, dieses von-allem-ein-bißchen, ein bißchen komisch, ein bißchen dramatisch, ein bißchen unterhaltsam, gepaart mit einem erheblichen bißchen Überlänge und keinem bißchen Spannung, führt immer wieder zu längeren Strecken des Leerlaufs und des mangelnden Nutzens vieler Szenen und Gespräche. Nachdem Nick mit Russells Frau Mary geschlafen hat, diese ihrem Mann davon erzählt und Russell nicht etwa ausrastet, sondern in aller Seelenruhe Nicks Frau Connie anflirtet und dessen Paranoia schürt, nimmt der Film zur Konfrontation zwischen Nick und Connie einen völlig unnötigen Umweg über den Tod von ihrem Vater und einer Beerdigung. Hier und in der anschließenden Sequenz, in der Nick und Connie auf dem Rückflug sind und Nick annimmt, Russell lotse sie vorsätzlich durch ein Unwetter, wird mit am deutlichsten, dass der Film Drama und Komödie nicht auf der selben Landebahn zu platzieren weiß, sondern beide recht ziellos in der Luft umherkreisen lässt. Ebenso ergeht es dem aufgesetzten und unglaubwürdig dahergezwungenem Happy End.
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Dennoch ist Turbulenzen - und andere Katastrophen kein ganz und gar schlechter Film, immerhin verfügt er über einige gute Ansätze und ist optisch teils nett gemacht, zum Beispiel durch die Visualisierung dessen, was Fluglotsen ‚the picture‘ nennen (eine Art inneres Auge, vor dem die flachen Monitore zu einem dreidimensionalen Raum werden, in dem sich die Flugzeuge bewegen und der Lotse Konflikte voraus ahnt). Letztlich können auch die Darsteller den Film knapp über den Durchschnitt heben. Die Namen John Cusack, Billy Bob Thornton, Angelina Jolie und Cate Blanchett versprechen zwar mehr, als ihre Rollen einzulösen imstande sind, wobei gerade Blanchett als biedere Kunststudentin ihrer Hautfarbe entsprechend reichlich blass bleibt, aber immer noch einige Szenen mit ihrem vielfältigen Spiel retten kann. Cusack, eigentlich DER Grundsatz-Sympath, darf hier (und da ist es schon wieder) ein bißchen Großkotz, ein bißchen Arschloch sein, ein bißchen über sein Lebensmodell stolpern und wie gewohnt erledigt Cusack dies souverän und gegen Ende mit einem Einschlag zum Wahnsinn auch sehenswert. Wie erwähnt wird Thornton interessanter und geheimnisvoller gemacht, als es sein Charakter ist, denn indianische Abstammung, eine Feder hinterm Ohr und der Wille, die französische Sprache zu lernen, müssten in einer Megametropole wie New York sicher keiner solchen »Ohhh's« und »Ahhh‘s« bedürfen, doch Thornton weiß trotzdem einiges an Ausstrahlung in seine Performance zu packen. Etwas heutzutage nicht mehr vorstellbares, nämlich ein heimliches Highlight des Films ist Angelina Jolie. Sie spielt Mary Bell leicht verwirrt, entrückt und angeödet, aber auch mit spannenderer Persönlichkeit, als sie den übrigen Figuren gegönnt ist. Gleichwohl findet auch sie, wie sie so vieles in Turbulenzen - und andere Katastrophen irgendwie kein Ziel.