Review

1971. Vietnam.
Kriegsberichterstatter John Converse [ Michael Moriarty ] lässt durch seinen alten Freund Ray Hicks [ Nick Nolte ] ein Paket Heroin nach Amerika überschiffen. Hicks soll es Johns Frau Marge Converse [ Tuesday Weld ] übergeben, die aber nicht nur von Nichts weiss, sondern auch plötzlich die beiden Killer Smitty [ Ray Sharkey ] und Danskin [ Richard Masur ] im Haus hat...

Der aus der Tschechoslowakei stammende britische Filmjournalist, Cutter und Regisseur Karel Reisz drehte mit Dreckige Hunde seinen zweiten amerikanischen Spielfilm nach Spieler ohne Skrupel, wobei er hier auf den preisgekrönten Bestseller „Dog Soldiers“ von Robert Stone zurückgriff. Stone war neben Judith Rascoe auch am Drehbuch beteiligt und achtete darauf, dass man die Vorlage nicht zu einem Actionthriller umwandelte; was sowohl von der Ausgangsidee als auch den gesamten Elementen durchaus möglich gewesen wäre.
Protagonisten und Antagonisten sind vorhanden; auch beide Parteien mit genügend Motiven ausgestattet, die eine friedliche Lösung unvermeidbar machen. Dazu werden verschiedene Gefahren aufgeworfen und auch ein stetig unwohles Gefühl von Verfolgung und deswegen berechtigter Paranoia aufgeworfen, die sich in mehreren Entscheidungssituationen entlädt.
Der Gang zur Polizei ist versperrt, selbst die Guten in der Geschichte haben Unrecht begangen und müssen sich deswegen der Problematik stellen; die Finsterlinge arbeiten zwar in den Diensten der Staatsgewalt, missbrauchen aber die Befugnisse zum Erreichen eigener Ziele.

Anfangs noch unsicher, in was für eine Art von Genre man sich befindet und welchen Gang man einlegt nimmt der Film den Zuschauer auf eine Reise nicht nur durch verschiedene Erzählungen, sondern auch Länder und sogar Personen; man stellt die Charaktere und ihre Veränderungen an vorderer Stelle und individualisiert durch sie die Bestandsaufnahme des Lebens in Amerika.
Dabei startet man die erste Einstellung sinnbildlich mit dem Vietnamkrieg, dessen Trauma zur Herstellungszeit noch unheimlich stark auf der Amerikaner eingewirkt hat – Coming Home und Die durch die Hölle gehen erschienen im selben Jahr, Apocalypse Now 1 Jahr danach - und heutzutage seine Neuaufnahmen und Nachwirkungen durch die Golfkriege erhält.
Begonnen wird dort vielsagend mit einem Fehlschlag der eigenen Streitkräfte: Ein Flächenbombardement ist zu dicht an der Geschützstelle und trifft die Einheit selber. Converse kann nur mühsam sein Leben aus der Schusslinie bringen und muss mitanziehen, wie die Leute um ihn herum sterben oder sich in Schmerzen winden.
Er schreibt einen Brief an seine Frau: „Weisst du. In einer Welt, in der Elefanten aus der Luft angegriffen werden - [ weil sie Nachschub für die Vietcong transportieren und deswegen als „Agenten“ angesehen werden ] - ,ist es nur natürlich, wenn die Menschen ab und zu das Bedürfnis verspüren, high zu sein.“

Wegen den Grausamkeiten, den Irrationalitäten und dem nicht auszuhaltenden Zustand von Angst und Schrecken flieht er in seine Form einer Traumwelt und will zum ersten Mal in seinem Leben selber etwas auf die Beine stellen. In die Wege leiten tut er dann ausgerechnet den Drogendeal, 2kg Heroin sollen nach Amerika verschifft werden, 25000 $ Erlös davon sind für ihn. Converse denkt überhaupt nicht über sein Handeln und dessen Folgen nach; er ist zwar ein Hasenfuss, aber fühlt sich absolut sicher, weshalb er sich erst an die Sache heranwagt. Die Verletzten und Toten um ihn herum lassen ihn jede Furcht, jede Logik vergessen; er führt zwar nur mit der Kamera Krieg, aber bekommt ja trotzdem alles mit und hält es sogar noch für die Ewigkeit und in seiner Erinnerung fest. „Ein bisschen Aufregung reinigt das Blut“ sagt ihm Hicks; diese Aufregung des Drogengeschäftes ist in Converse‘ Vorstellung auch ein Nichts gegen das tägliche Schlachtfeld.
Erst in Amerika - vor dem Buchladen seiner Frau, wo die Blumenmädchen Gitarre spielen - kann er wieder klar denken.
Und nun ist zu spät.

Der Stoff ist durch Hicks und per Handelsflotte sicher ins Land gelangt, aber Hicks merkt sofort, dass ihm jemand folgt. Und Marge wurde durch John nur informiert, dass Hicks sich geschuldete 1000 Dollar abholen will, aber von mehr nicht. Sie hat das Geld noch nicht einmal bei sich; Marge ist mit der kleinen Tochter und dem Job schon so vollständig ausgelastet und dazu noch tablettensüchtig. Die Schmerzmittel lassen sie die Zeit ohne John und die Belastungen besser überstehen. Hicks schaltet die beiden hereinstürmenden Killer für den Moment aus, lässt die Tochter nach Kanada zu Verwandten schicken und macht sich mit der unselbstständigen Marge auf dem Weg von San Francisco nach Los Angeles. Dort verschanzt er sich mit ihr in einem Geheimversteck über der Stadt und versucht, den Stoff gewinnbringend umzusetzen.
Vietnam spielt den Hintergrund für die Geschichte; Drogen in allen Varianten und in jeder Anwendung damit dann die grösste Rolle. Stone und sein Regisseur Reisz zeigen die Folgen der Sucht und des Krieges für das gesamte Land auf, welches nach den ehemaligen Idealen der Hippie – Bewegung nun vor die Hunde geht. Jeder in der Geschichte ist von etwas abhängig und nur der Befriedigung dieser Gier verpflichtet; dieser Trieb danach ist nur der letzte Teil in der Reihenfolge. Man ist der Droge bereits zum Opfer gefallen; die ehemals neue Generation hat sich zu einer verlorenen umgewandelt, welche das Heroin braucht um ihre verbleibenden Tage angenehmer zu machen. Man trauert den alten Zeiten nach; dem Traum von Happening, der nun nur noch eine verklärte Erinnerung ist und selbst durch eine versuchte Auflebung nicht mehr wiederholt werden kann.
„Man muss mit der Zeit gehen.“
„Die Zeit ist beschissen.“


Hicks und Marge starten von San Francisco aus; der Stadt, wo ab 1965 die Wurzeln dieser Subkultur liegen. Die Drogen werden im Hafen von Oakland an Land gebracht; dem Ort, wo sich 1966 die radikale Black-Power-Bewegung formierte. Und Marge wohnt in Berkeley, wo 1964 mit dem Free Speech Movement die Studentenrevolten eingeleitet wurden. Sie fahren durchs Land, im Radio spielen Creedence Clearwater Revival ihr „Who‘ll stop the rain“, dass dem Film statt seinem ursprünglichen Titel den Namen gibt. Es geht gar nicht mehr darum, den Verfolgern zu entkommen, sondern sein Leben vor der Eintönigkeit und der Tristesse zu retten. Sich nicht mehr anzupassen, wie Hicks es die ganze Zeit bei den Marines tun musste und wie es Marge als überaus sittsame Frau rein von sich aus getan hat. Sie ist nun von Ehemmann und Kind und auch dem Vater befreit, und lebt sich bei einem anderen Mann aus; schläft mit diesem ohne jedwege Art von Schuld. Wenn ihr die Situation zu bewusst wird, weil ihre Tabletten mittlerweile ausgegangen sind, schickt sie Hicks als Kundiger auf dem Gebiet auf einen Trip und alles ist wieder in Ordnung.
Für John ist es dies nicht; er kam nur einen Tag nach Hicks zurück, aber fand nichts mehr an seinem angestammten Platz vor. Die Wohnung zerstört, Familie weg, kein Job, kein Geld. Fühlt sich ausgeschlossen, weil Marge und Hicks alleine los sind. Hat nur die beiden Killer, die von Antheil [ Anthony Zerbe ] vom Rauschgiftdezernat losgeschickt wurden. Er lässt sich auch willig von ihnen mitzerren, kann gegen die Folter kaum Gegenwehr leisten und tritt mit ihnen mehr freiwillig als gezwungen die Verfolgung an. Schliesslich führt ihn dieser Weg zu den einzigen Leuten, zu denen er noch eine Bindung hat.

Reisz zieht zwar anfangs das Tempo und die Spannung an, schlüsselt aber dann mit viel Zeit und Geduld die Beweggründe für das Verhalten der Figuren auf, ohne sie alles in Worte kleiden zu lassen. Die meisten Bilder sprechen auch ohne Dialoge oder Monologe für sich selber und lassen an jeder Ecke recht eindeutige Interpretationen zu. Die psychologischen Momente werden beinahe zu detailliert herausgearbeitet und im Gegenzug die rationelle Wirklichkeit durch Symbolkraft ersetzt; auch die Kriminalgeschichte wird mehr und mehr zurückgedrängt und muss einer Mischung aus beabsichtigtem Stumpfsinn, Mühsal und Langeweile weichen. Ein Esel wird erschossen, weil man einfach nichts besseres zu tun hat. Die Killer spielen Schach, obwohl es der eine gar nicht beherrscht. John sitzt bei seinen Geiselnehmer und blättert in einem Nietzsche. Ein Drogendeal artet zu einer beängstigenden Party aus, die mehr den Anschein einer Massentötung hat.

Nun werden nicht nur die Abläufe der Figuren ziehend und eintönig, sondern damit auch der Film selber; ausser man mag und kann sich noch länger in das Stillleben hineinversetzen. Der musikalische Klangteppich gibt die besinnende Stimmung vor, wenn man einmal wirklich in Bewegung gerät. Aber vieles wirkt leblos und abgestorben, weil man nur kleine Schritte macht; die Atmosphäre dabei lähmend warm und schwül. Alles bleibt für mehrere Augenblicke stehen, dehnt sich durch Wiederholungen unendlich aus und wird zum Desinteresse paralysiert.
Action fast Fehlanzeige; es wird oft hantiert, aber selten geschossen.
Der Showdown findet treffend an einem ehemaligen rituellen Rückzugsort der Jesuiten mitten im Gebirge von Arizona statt. Hicks lenkt die angreifenden Häscher mit stroboskopischen Farb – und Lichtkaskaden von Scheinwerfern und Lautsprechern ab, welche einstmals installiert wurden um die halluzinogenen Effekte eines LSD - Trips durch Gruppenekstase zu verstärken.

Der Film vollzieht dort seine Querverbindung zum Anfang, findet aber trotzdem nicht den Weg zurück. Und auch weiter nach vorne ist für diejenigen Schluss, die sich nicht mehr anpassen können. Oder wollen, weil sie ausgelaugt wurden. Oder schon lange angekommen sind. Am Ende läuft Hicks wie zuvor Neal Cassady [ wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg oder Herbert Huncke eine Schlüsselfigur des amerikanischen Beat ] eine Eisenbahnstrecke mitten in der Einöde entlang, und sieht erst in diesem Moment wie das perfekte Abbild eines Kriegsheimkehrers aus.

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