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" Wenn ihr mich nicht liebt, ich liebe euch schon lange nicht mehr."

Maurice Pialat schrie diese Worte in den Saal hinein, nachdem ihm die Jury von Cannes 1987 für "Sous le soleil de satan" die goldene Palme zugesprochen hatte. Man könnte meinen, das der Provokateur, der es seinem Publikum nie leicht machte, 1960 noch von anderem Geist war, als er seinen ersten ca. 19minütigen Kurzfilm mit dem Titel "L'Amour existe" drehte.

Doch schon bei den ersten Bildern und den von Jean-Loup Reynold gesprochenen Worten aus dem Off wird deutlich, dass der Titel nur zutiefst ironisch gemeint sein kann. Liebe mag existieren, aber an den Orten, die Pialat in seiner Dokumentation beschreibt, ist sie nicht zu erkennen.

Es ist die Gegend, in der er in den 30er Jahren und während des Krieges aufgewachsen ist - die Pariser Vorstadt, nur wenige Kilometer von der Champs-Élysées entfernt, "Banlieue" (Bannmeile) genannt. Die ersten Bilder, die seiner Kindheit nachspüren, wirken trotz aller Kargheit der Altbauten noch atmosphärisch und Pialat gelingt es mit wenigen Schnitten und dem Wechsel zwischen Totale und Detail ein stimmiges Bild zu erzeugen, dass - unterstützt von den begleitenden Worten aus dem Off - den Betrachter unmittelbar in seinen Bann zieht.

Pialat verzichtet dabei auf Menschen und zeigt ausschliesslich Häuser, Strassen und Brachland. Selbst der Kinosaal, der an schöne Stunden der Jugendzeit erinnern soll, ist verwaist. Erst nach und nach blendet er in kurzen Sequenzen menschliches Leben ein - im Zug auf dem Weg zur Arbeit, die Hausfrau, die ihr Wohnzimmer zeigt, alte Leute in der Küche sitzend, und er leitet langsam zur Gegenwart - 1960 - über.

Angesichts der grossen Unruhen, die Frankreich in den letzten Jahren erschütterten, kann man seinen Dokumentarfilm nur prophetisch nennen. Während die Einwanderer aus Nordafrika noch in Wellblechhütten hausen - unvorstellbar, dass es in Paris ein solches "Dritte-Welt"-Szenario zu dieser Zeit noch gab - entstehen im Hintergrund die neuen riesigen Wohnblocks. Schicke Architektur mit schmalen, graphisch ästhetisch angeordneten Fenstern, die modern und zukunftsorientiert wirken. Aber Pialat zeigt mit den in den Treppenhäusern spielenden Kindern, dass der Lebensraum darin unmenschlich ist.

Die dazu gesprochenen Worte verdeutlichen zudem die Chancenlosigkeit der hier aufwachsenden Jugendlichen, welche mit Statistiken über den Anteil an gehobenen Schulen, an Büchereien und Kulturveranstaltungsräumen unterstützt wird. Die Stimme aus dem Off, spricht vom Pech, ein paar Kilometer zu weit am falschen Ort geboren worden zu sein.

Das tatsächliche Ausmass der Entwicklung konnte Pialat trotz seines Pessimismus nicht voraussehen. Heute sind die Franzosen, wenn sie die Möglichkeit dazu hatten, längst weggezogen und die Einwanderer leben schon lange in den Wohntürmen. Die Szenen der Gewalt zwischen Jugendlichen und von brennenden Wellblechhütten wirken angesichts heutiger Verhältnisse fast harmlos, aber an der grundsätzlichen Aussage ändert das nichts.

Trotz dieser Gesellschaftskritik lebt Pialats in einer sehr ästhetischen Formsprache gestalteter Dokumentarfilm heute vor allem durch die Bilder von Paris Ende der 50er Jahre, dass so kaum noch Jemand in Erinnerung hat (8/10).

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