Review

Schlock: something cheap, shoddy, or inferior (Wikipedia, the free Encyclopedia)

In den 1970er-Jahren entstanden einige wundervolle Schlocker, die man als Genrefilmfan trotz (oder vielleicht auch wegen) aller Unzulänglichkeiten im Laufe der Zeit sehr lieb gewonnen hat und keinesfalls missen möchte. Unvergeßliche Machwerke wie Octaman (1971), The Giant Spider Invasion (1975), The Food of the Gods (1976) und The Incredible Melting Man wurden da auf geduldiges Zelluloid gebannt. Letzterer, ein loses Remake des Filmes First Man into Space (Rakete 510) aus dem Jahre 1959, kombiniert auf charmante Weise die naive Monster-on-the-Loose-Thematik der 1950er Jahre mit dem zeigefreudigen Splatterkino der 70er. Nicht zufällig erinnert der Titel des Filmes von William Sachs an den Jack Arnold-Klassiker The Incredible Shrinking Man, doch diesmal schrumpft der Held nicht Richtung Mikrokosmos, nein, er zerschmilzt vor den Augen des staunenden Publikums!

Der Mann, dem dieses grausige Schicksal widerfährt, ist der Astronaut Steve West (Alex Rebar), und verantwortlich dafür ist seine Expedition zum Saturn. Nach seiner (höchst wundersamen) Rückkehr zur Erde flieht der radioaktiv verseuchte Mann aus dem Krankenhaus, und da sich der Schmelzvorgang durch Aufnahme von frischem Menschenfleisch etwas aufhalten zu lassen scheint, macht er schon bald die Gegend unsicher, immer auf der Suche nach dem nächsten Happen. Die Aufgabe, Steve wieder einzufangen (und das, ohne Aufsehen zu erregen), obliegt seinem langjährigen Freund Dr. Ted Nelson (Burr DeBenning). Bewaffnet ist der gute Herr Doktor, der wohl gerade auf der Toilette war, als der liebe Gott die Intelligenz verteilt hat, nur mit einem Geigerzähler. Unterstützt wird er bei diesem heiklen Unterfangen von General Michael Perry (Myron Healey) und Sheriff Neil Blake (Michael Alldredge), die allerdings auch feststellen müssen, daß mit einem schmelzenden Astronauten nicht zu spaßen ist!

The Incredible Melting Man ist ein billig heruntergekurbeltes B-Movie, das sich um Logik ebenso wenig schert wie um eine funktionierende Dramaturgie. Dafür punktet der Streifen mit einer gnadenlos guten Grundidee, die vom hochtalentierten Rick Baker derart phantasievoll und enthusiastisch umgesetzt wurde, daß man ihm seine vielen Schwächen gerne verzeiht. Es ist schon beeindruckend, welch schleimig-schöne Effekte der damals 27jährige Baker da mit wenig Geld aus dem Hut zauberte. Egal, ob der Titelfigur das Gesicht zerfließt, das Fleisch von den Knochen bröckelt, oder ein Auge aus der Höhle flutscht, das alles ist große Spezialeffektekunst, die man im Zeitalter der Computer Generated Images schmerzlich vermißt. Weitere Höhepunkte des launigen Streifens sind der einen Bach hinabtreibende Kopf eines Anglers, der am Ende an einem Felsen zerschellt, sowie der finale Meltdown des unglücklichen Astronauten. Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte der Kurzauftritt des späteren Oscar-Gewinners Jonathan Demme (The Silence of the Lambs) sowie die lustige Sequenz mit dem schmierigen Photographen und seinem etwas unwilligen Model, gespielt von Cheryl 'Rainbeaux' Smith. In einer Nebenrolle ist Janus Blythe (Ruby aus Wes Cravens The Hills Have Eyes) zu sehen, die dem monströsen Steve eine Hand abhackt, bevor sie einen spektakulären, hysterischen Zusammenbruch erleidet. Natürlich, The Incredible Melting Man ist Schlock par excellence, aber der Film trägt das Herz am rechten Fleck und holt aus seiner Idee das Maximum heraus. Denn einen Vorwurf darf man The Incredible Melting Man bestimmt nicht machen: daß er nicht hält, was der Titel verspricht!

Anmerkung: Kurz nach dem US-Kinostart des Filmes erschien eine sogenannte Novelization (erstveröffentlicht im Februar 1978), d. h., das Drehbuch von William Sachs wurde in einen Roman umgewandelt, so daß man The Incredible Melting Man nicht nur gucken sondern auch lesen konnte. Zuständig für diese nicht ungewöhnliche Maßnahme (es gibt auch Bücher zu den Filmen Alien, The Thing, Gremlins, The Blob und Videodrome, um nur einige wenige zu nennen) war der Autor Phil Smith, und sein Roman basiert nicht auf dem letztendlich verfilmten Drehbuch, sondern auf einem früheren Entwurf. Das macht das Lesen insofern gleich interessanter, da man auf diese Weise recht gut nachvollziehen kann, welche Szenen aus Budgetgründen gestrichen werden mußten. So mußte z. B. die Erkundung des Planeten (im Roman übrigens der Mars!) und die damit einhergehende Infizierung der Astronauten (geschildert via Flashbacks, als sich der schmelzende Mann an die dramatischen Ereignisse zurückerinnert) zur Gänze weichen. Ebenfalls komplett gestrichen wurden die Nebenhandlung mit einem lokalen Reporter sowie diverse Experimente mit dem verseuchten menschlichen Gewebe, und auch das Ende weicht ein wenig vom Film ab. Außerdem wird genauer geschildert, was es mit dem Schmelzprozeß auf sich hat. Auf Seite 54 erklärt dies Dr. Nelson folgendermaßen: "[…] Doctor Loring and I believe that Steve West's body has been invaded by an alien life form. That it's experimenting on him just as we might experiment with tissue culture, finding the right conditions for breeding. While it does so it's able to control his behaviour. That's why he keeps killing: to ensure new supplies of protoplasmic material for the host to survive and grow." Später berichtet Dr. Loring über weitere beunruhigende Entdeckungen, woraufhin Dr. Nelson erwidert (S. 140): "You mean those cells in Steve have been transmitting data about him ever since they got back? That something out there on Mars is monitoring the changes taking place in his body? Measuring the success of the alien cells which it infected him with?" Und weiter: "He's been a guinea-pig all along. When the crew of Two get up there it will know exactly what to do to breed off them successfully. What they bring back will make Steve's exploits seem like a vicarage teaparty. My God!" Der 159 Seiten starke Roman ist recht flott und flüssig geschrieben, sorgt für kurzweilig-gute wenn auch völlig anspruchslose Unterhaltung und ist für Fans des Filmes definitiv einen Blick wert.

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