Review

Oberflächlich betrachtet ließe sich "Wo der Wildbach rauscht" auf die im Heimatfilm üblichen Liebesverwirrungen und Irrungen reduzieren, die sich nach dramatischen Auseinandersetzungen schlussendlich zum Guten wenden - eine sichere Erfolgsformel im bundesdeutschen Kino Mitte der 50er Jahre, wie der große Zuschauerzuspruch bewies.

Schon die erste Szene, in der sich der massige Bauer Andrä Muralt (Walter Richter) der jungen blonden Magd Maria (Ingeborg Cornelius) aufdrängt, die ihn sich nur mit Mühe vom Leibe halten kann, verteilt die Sympathien in Gut und Böse. Der reiche Muralt glaubt, dass er Jeden kaufen kann, aber an der Jungfrau Maria beißt er sich die Zähne aus. Sie liebt Lorenz Gerold (Jürgen Goslar), den Sohn des Bürgermeisters (Michl Lang), der zwar andere Vorstellungen hinsichtlich seiner zukünftigen Schwiegertochter hat, aber dennoch zustimmt, um die Schmach des im ganzen Ort unbeliebten Muralt noch zu steigern. Mit Agnes (Ingmar Zeisberg), der Haushälterin des reichen Bauern und dessen Großknecht Wolf (Emmerich Schrenk) wird die Konstellation noch komplexer, denn Agnes liebt heimlich ihren Chef, weshalb sie sich wiederum des aufdringlichen Wolf erwehrt.

Die Hochzeitsfeierlichkeiten werden erwartungsgemäß zum Spießrutenlauf für Muralt, dem zuerst der Tanz mit der Braut verweigert wird, bevor der Bürgermeister ihn rauswerfen lässt. Betrunken macht er sich - wieder nach Hause zurückgekehrt - über die willige Agnes her, aber erst ein tragischer Unglücksfall lässt die Situation endgültig explodieren. Wenige Monate nach diesen Ereignissen begegnen sich Muralt und Lorenz Gerold auf einer schmalen Brücke über dem titelgebenden Wildbach, nicht bereit dem Anderen den Vortritt zu lassen. Der junge Ehemann Lorenz verliert den Halt und stürzt tödlich in den Bach, worauf passiert, was passieren muss. Muralt hat keine Chance gegen die vorherrschende Meinung, die ihn des Rachemords beschuldigt - einzig die daran zweifelnde Aussage der Witwe verhindert die Todesstrafe. Doch für zwanzig Jahre wird der vermeintliche Täter weggesperrt, bevor die Handlung eine Generation später denselben Faden wieder aufnimmt.

Unschwer lässt sich die kalkulierte Dramatik aus einer Handlung herauslesen, die erneut die Mär von Liebe und Hass inmitten einer wilden und unberührten Landschaft erzählte, aber am Beispiel dieses Heimatfilms lassen sich gut die Unterschiede zwischen äußerlich ähnlich angelegten Filme analysieren. Der Anteil an Naturaufnahmen oder der Darstellung heimatlicher Bräuche wurde in "Wo der Wildbach rauscht" auf ein Genre-Minimum beschränkt, denn die komplexe Story ließ keine Zeit dafür. Um die Handlung vor und nach dem zentral gelegenen Zeitsprung von 20 Jahren voranzutreiben, jagt hier ein Ereignis das nächste. Liebe, Ablehnung, Hochzeit, sogar der Tod des jungen Ehemanns und die anschließende Verurteilung des angeblichen Mörders werden so schnell abgehandelt, dass sie ohne kitschige oder übertriebene Emotionen auskommen.

Sehr schön wird das an den zwei Liebesgeschichten deutlich, die die jeweiligen Hälften prägen. Sowohl die Gefühle zwischen Maria und Gerold, als auch zwischen Marias Sohn Lenz (Albert Rueprecht) und der hübschen Kellnerin Regina (Helga Frank) zwanzig Jahre später, werden als schon gegeben geschildert. Die häufig konstruiert wirkenden Begegnungs-Stories vieler Heimat- und Liebesfilme fallen hier unter den Tisch, wie auch die zwanzigjährige Haftzeit des auf Rache sinnenden Großbauern wie im Flug vergeht. Dass von den Beteiligten in der zweiten Hälfte des Films Niemand zwanzig Jahre älter aussieht, spielt schon keine Rolle mehr, denn "Wo der Wildbach rauscht" ist ein Heimatfilm im Zeitraffertempo.

Kritisch ließe sich anmerken, dass wegen der dichten, abwechslungsreichen Handlung die emotionale Ebene vernachlässigt wurde, weshalb die hier gezeigten Gefühle von Liebe und Hass kaum Gelegenheit zur Entfaltung bekamen und nur an Hand der eintretenden Ereignisse begründet wurden. Ein gerechtfertigter Einwurf, gäbe es nicht die schauspielerische Leistung Walter Richters, der die zentrale Figur des unbeliebten, reichen Bauern nicht nur mit Leben erfüllte, sondern eine glaubwürdige Wandlung vollzog, die ihn vom Feindbild zum Sympathieträger werden ließ. Steht Muralt zu Beginn noch als rücksichtsloser Machtmensch da, wird er zunehmend zur tragischen Figur. Keineswegs nur wegen der ungerechtfertigten Gefängnisstrafe, die der Film in ihrer tatsächlichen Tragweite gar nicht vermittelte, sondern durch das Verhalten der übrigen Dorfbewohner. Der zu Selbstjustiz neigende Mob unter der Führung des Bürgermeisters und Marias Sohn Lenz, der Muralt den Tod seines Vaters nicht verzeihen kann, übernehmen in ihrer sturen Uneinsichtigkeit zunehmend die Bösewicht-Rolle.

Regisseur Heinz Paul, schon seit Stummfilmzeiten aktiv und während der Zeit des Nationalsozialismus auch mit Propagandafilmen beauftragt („Kameraden auf See“, 1938), drehte nach dem Krieg nur noch wenige Filme. „Wo der Wildbach rauscht“ wurde sein einziger Heimatfilm. Er verzichtete darin nicht nur auf ein eindeutiges Gut und Böse-Schema, sondern unterwanderte auch die moralischen Standards, indem er die Auswirkungen unehelichen Geschlechtsverkehrs nicht negativ bewertete. Hätte "Wo der Wildbach rauscht" auf das zwar kurz gehaltene, angesichts der vorher geschilderten Konflikte aber unglaubwürdige Happy-End verzichtet, gehörte er zu den besten Vertretern des Genres, aber auch so bietet er tadellose Heimatfilm-Unterhaltung.(7/10)

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