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Stark inszeniert, gut gespielt, mit einem überraschend guten Drehbuch versehen und doch kein Hit. „The Expert“ verfügt für ein B-Movie über eine Reihe auffallender Qualitäten, kann sich als Genrebastard aber dann nicht zwischen B-Actioner und Psychothriller entscheiden. Schade eigentlich, denn so enttäuscht „The Expert“ auf einem Niveau, von dem andere Machwerke nur träumen dürfen.
Regisseur und Stunt-Koordinator Rick Avery („Deadly Outbreak“) schickt Kampfsport-Ass Jeff Speakman („A Perfect Weapon“, „Street Knight“) in seine persönliche Vendetta.
Als der brutale Psychopath Martin Kagan (gut und dämonisch: Michael Shaner, „Crime Zone“, „Bloodfist“) seine Schwester Jenny (Michelle Nagy) in ihren eigenen vier Wänden überfällt, brutal zusammenschlägt und schließlich bestialisch ermordet, brodelt es in dem Elitekämpfer, der sonst Spezialeinheiten drillt. Kagan wird schnell geschnappt und zum Tode verurteilt, der Senator gibt seinem Gnadengesuch aber statt. Also beschließt John Lomax (Speakman) das Todesurteil selbst zu vollstrecken, seine sieben Sachen zu packen und in die Anstalt einzudringen. Das passt sich ohnehin gerade...

„The Expert“ gehören zu den unverhohlen konservativen, reaktionären Genrebeiträgen, die Selbstjustiz und Todesstrafe propagieren. Diese fragwürdige Ideologie spiegelt sich nicht nur in der Handlung wieder, die Lomax final natürlich recht gibt, sondern auch in den wichtigsten Figuren. Besonders Gefängnisdirektor Munsey (in Topform: James Brolin, „Relative Fear“, „Blood Money“) behandelt in seiner Anstalt seine kranken Patienten wie Tiere, prügelt sie zusammen, schüchtert sie ein, treibt seine Späße mit ihnen und zelebriert genießerisch jede Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl als wäre es das Größte dabei zuzusehen, wie ein Mensch gar gebrutzelt wird. Man möchte meinen, er gehört selbst in eine der Zellen.

Jeff Speakman agiert hier gewohnt sympathisch, erhält vor allem in den ersten zwei Dritteln aber nur ganz selten die Gelegenheit seine hervorragenden Martial Arts – Fähigkeiten zur Schau zu stellen, spielt dabei allerdings sehr ordentlich und stellt erneut klar, dass er schon damals eine echte Alternative zu Steven Seagal („Under Siege“, „Exit Wounds“) gewesen wäre, wenn ihm der Durchbruch geglückt wäre.
Zunächst geknickt und unbeherrscht bei einer Gegenüberstellung Kagan attackierend, folgt der aufmerksam dessen Prozess im Gerichtssaal. Da Lomax ihm selbst ganz in der Nähe des Tatorts noch über den Weg lief und die Beweislast erdrückend ist, macht er sich keine Sorgen über den weiteren Verbleib des Mörders. In Trauer und Wut versunken, prügelt er sich zunächst nachts betrunken durch die Bars, hört nicht auf die gut gemeinten Ratschläge seiner Kollegen beziehungsweise seiner Freundin und trifft schließlich einen folgenschweren Entschluss als er erfährt, dass Kagan nicht hingerichtet wird.

Die naive Psychologin Dr. Alice Barnes (Alex Datcher, „Passenger 57“), die Kagan tatsächlich für unschuldig beziehungsweise krank hält und sich deswegen so sehr für ihn einsetzt, um schließlich eines Besseren belehrt zu werden, gehört genauso zum üblichen Repertoire eine solchen Prämisse wie ein paar durchgeknallte, gewaltbereite Irre in der Anstalt. Kagan macht auch dort nicht Halt und ermordet schließlich einen Mithäftling, um sofort zur Flucht anzusetzen. Aber da wartet Lomax ja noch...

Tragen die ersten zwei Drittel von „The Expert“ noch eher die Grundzüge eines Psychothrillers so entwickeln sich die letzten Minuten dann zu einem straighten B-Actioner, in dessen Verlauf sich Speakman in gewohnter Manier um eine kleine Anzahl ausbrechender Psychopathen kümmert. Soll heißen, sein Messer und die Handkanten kommen nicht zu kurz. Die blitzschnellen Kämpfe sind ziemlich blutig und brutal, zeugen gleichzeitig aber auch von einer guten Choreographie und dürften recht schmerzhaft für die Stuntmen gewesen sein. Es könnten nur mehr davon sein. Natürlich läuft dann alles in dieser donnernden Gewitter-Nacht auf einen Zweikampf hinaus...

Der überzeugende Score Ashley Irwins rundet den Film genauso ab, wie das Drehbuch kitschige Untiefen vermeidet oder nur so weit wie nötig dazu vordringt, um sich schnell wieder der recht spannenden Geschichte zu widmen, deren Fortlauf dem erfahrenen Genrefan aber kein großartiges Rätselraten abringen wird. Dafür ist sie schön kurzweilig und mit 85 Minuten auch nicht zu lang. Die alles andere als billig ausschauenden Kulissen und das nächtliche Finale besorgen das Übrige.


Fazit:
Klar überdurchschnittliches B-Movie, das lediglich mehr Action vertragen könnte. „The Expert“ darf sich gleich mit einer Vielzahl von Attributen brüsten, die für das Genre alles andere als selbstverständlich sind und gehört trotzdem nicht zu seinen Highlights. Darsteller und Regie geben keinen Anlass zur Klage und sind auf einem ungewohnt hohen Niveau angesiedelt, das Drehbuch ist in der ersten Stunde allerdings eher ein Psychothriller, in dessen Verlauf der Psychopath Kargan sein teuflisches Spiel treibt und alle außer Lomax zu täuschen vermag, wohingegen der Schlussakt die Charakterzüge eines reinrassigen B-Actioners trägt, indem der Filmheld pünktlich auf der Bildfläche erscheint um mächtig Remmidemmi zu machen. Das Ergebnis ist etwas unglücklich, seine Qualitäten hat „The Expert“ aber ohne Frage.

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