„Gürtel ist dazu da, um Hose halten hoch, Danielsan“
„Karate Kid“ ist ein typischer Coming-Of-Age-Film, wie sie in den Achtzigern in großer Mode waren. Apropos Mode: Die Liaison aus Adolszenzgeschichte und Karate erscheint angesichts der Entstehungszeit als logische Schlussfolgerung gewiefter Produzenten, beim Zielpublikum Kasse machen zu können. Der zwei Jahre später in die gleiche Kerbe schlagende „Karate Tiger“ macht dabei aber im Vergleich eine Sache überdeutlich: Der Produktion von 1984 lagen ihre Figuren und deren Geschichte wesentlich mehr am Herzen als es in dem Abklatsch von 1986 der Fall war. Und mit Avildsen saß jemand auf dem Regiestuhl, der bereits mit "Rocky" 1976 seine Erfahrungen mit der Darstellung menschlicher Eigenarten und Sehnsüchte gesammelt hatte.
Ralph Macchio, Elisabeth Shue, Pat Morita und Randee Heller tragen weite Teile des Films, indem sie zwar keine Glanzleistungen abliefern, dazu wären Drehbuch und Plot dann wohl doch nicht geeignet, jedoch gelingt es allen, ihrer Figur so etwas wie Sympathie zukommen zu lassen. Zudem ermöglicht das Script immerhin etwas Raum zur Charakterentfaltung, die gerade bei Sensei Miyagi eine unerwartete Tiefe erreicht.
Die Figur des Daniel LaRusso kommt als Teenager daher, der sich durch ebenso viel Selbstvertrauen wie Temperament auszeichnet, aber das Herz am richtigen Fleck hat. Wirtschaftliche und familiäre Verhältnisse scheinen eher schwierig zu sein, aber seine stets positive Mutter scheint den Vorsatz, aus der Not eine Tugend zu machen, erfunden zu haben. Er muss sich in eine neue Umgebung einfinden, ist ersatzweise der Mann im Haus und damit etwas überfordert und neigt zu einer eher geringen Frustrationstoleranz. Dadurch nervt er auch mal ganz gerne. Halt ganz Teenie.
Ali Mills als Love-Interest erweist sich als charakterlich einwandfreies Oberklassemädel, das eher am eigenen Wohlstand und dem ihr durch Eltern und Milieu zugewiesenen Lebensweg zu nagen hat, als dass es sich über ihre von materiellen Dingen geprägte Lebenswelt definieren würde. Somit hat die Liebesbeziehung im Film durch das Durchbrechen der sozialen Abgrenzung auch etwas märchenhaftes. Fuck the countryclub!
Der Knaller ist aber natürlich der Sensei, der zwar viele Klischees des weisen Asiaten erfüllt, nebenher aber auch ziemlich launisch oder gar beleidigt sein kann. So erweist sich die Figur nicht wie ein Abziehbild stereotypischer Darstellungen des allwissenden und asketischen Lehrmeisters, sondern wie ein Mensch, dessen Vergangenheit sein Handeln in der Gegenwart erklärt. Ist er Vaterersatz für den vaterlosen Daniel, so ist Daniel gleichermaßen Familienersatz für den vom Schicksal gebeutelten Miyagi. Zudem ist die verschrobene Figur so etwas wie der Mensch gewordene Yoda.
Bei alledem bleibt der Film insgesamt aber kitschig durch und durch, nur ist er eben nicht so strunzdoof wie sein Nachahmer „Karate Tiger“. Kamera, Setdesign und Musik sind auf gutem Niveau angesiedelt. So gibt es beispielsweise ein paar schöne Landschaftsaufnahmen zu bewundern. Kalifornien - Land der Träume...
Fazit
„Karate Kid“ kam 1984 zu einer Zeit heraus, als Kampfsport bereits seit längerem Mode war, schuf aber durch die Kombination von Martial Arts und Jugendfilm etwas Neues, das auf ein dankbares Publikum stieß. Dieses Neo-Märchen hat dabei Herz, teils eine unerwartete Tiefe und brachte grobe Ansätze der asiatischen Philosophie einem diesbezüglich eher unbedarften westlichen Publikum näher. Als Familienfilm ist „Karate Kid“ daher auch heute noch goutierbar. Insofern verwundert es nicht, dass diese klassische Geschichte im damals neuen Gewandt ein Remake erfuhr. Ob ich das sehen muss, weiß ich aber nicht. Bei Bedarf darf es gerne nochmal das Original sein.