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Nostalgie-Politur mit anhaltendem Glanz


„Auftragen rechte Hand, polieren linke Hand. Auftragen, polieren. Einatmen durch Nase, ausatmen durch Mund. Auftragen, polieren.“

Wer jetzt an das Kleingedruckte oder die YouTube-Erklärung einer Politur denkt, der ist weder ein Kind noch ein Fan der 80er Jahre. Denn ansonsten wäre ein überbordender Nostalgieflash so unausweichlich wie Chuck Norris Roundkick. Vor unserem geistigen Auge sehen wir den hitzköpfigen Teenager Daniel LaRusso (Ralph Macchio) und seinen weisen Lehrmeister Mr Miyagi (Pat Morita) und nicken ihnen verklärt zu. Gleich wird die bezaubernde Elizabeth Shue als Ali Mills um die Ecke biegen und nicht nur Daniel gehörig den Kopf verdrehen, Jahre bevor Michael J. Fox und Tom Cruise dieselbe Ehre zuteil wurde. Gebannt fiebern wir dem finalen Turnier entgegen, bei dem unser Außenseiter-Dreamteam gegen eine Horde bissiger und aufgepeitschter Schlangen bestehen muss. Ja, das war ROCKY für Teenager und das nicht nur, weil der Regisseur John G. Avildsen hieß und Survivor einen schmissigen Song beisteuerte.

KARATE KID, ihr habt es längst erraten, ist ein Zeitgeistvolltreffer mit Langzeitwirkung. Der unerwartete Megaerfolg der aktuellen Webserie COBRA KAI ist der schlagende Beweis. Natürlich hilft der immer noch Fahrt aufnehmende Kult um die 80er Jahre. Aber das wäre zu simpel, zu oberflächlich, zu kurz gedacht. Die Geschichte um einen herum gestoßenen Außenseiter, der erst zu sich selbst finden muss, um andere für sich zu gewinnen und am Ende über alle Widrigkeiten und Widersacher zu triumphieren, ist universell. Die klassische Heldenreise als knuffiger Coming of Age-Stoff.

Die Geschichte vom schrulligen, weisen Mentor und seinem aufbrausenden, nassforschen Schüler hat auch den zweiten Star Wars-Film (also den echten zweiten, nicht das vergessenswerte erste Prequel) in den Kult-Olymp geführt. Die Parallelen sind geradezu verblüffend. Der eine hebt Steine und Droiden, der andere streicht Zäune und schleift Holz. Beide hören dabei das Manta von innerer Ruhe, Ausgeglichenheit und Friedfertigkeit in eigenwilligem Satzbau. Die dennoch erlernten Kampftechniken sollen nur der Verteidigung dienen, niemals dem Angriff. Am Ende warten auf beide die Mächte des Bösen in Gestalt ihrer persönlichen Nemesis. Wie Luke verschlägt es Daniel unvermittelt in die Fremde, wo neben allerlei Abenteuern auch eine hübsche Prinzessin wartet. Und wie Yoda hofft auch Mr Miyagi, dass sein noch nicht vollends ausgebildeter Schützling gegen den erfahreneren Gegner bestehen kann.

Und der kennt keine Gnade. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn für Sensei John Kreese (Martin Kove) ist die propagierte Gnadenlosigkeit nicht nur irgendein Spruch, sondern eine offensiv ausgelebte Lebensphilosophie, die der Vietnam-Veteran folglich auch seinen jugendlichen Schülern einhämmert. So wirkt seine Karate-Schule Cobra Kai auch weniger wie ein Fitnesstempel, sondern mehr wie ein Boot Camp zur Kriegsvorbereitung. Besonders empfänglich dafür scheint seine Nummer 1 Johnny Lawrence (William Zabka), der mit seiner Motorradgang auch gerne mal Strandparties und Schulbälle aufmischt. Da kommt ihm ein widerspenstiger Neuankömmling wie Daniel LaRusso gerade recht, zumal der auch noch bei seiner Ex-Freundin Ali zu landen scheint, die ihm kurz zuvor den Laufpass gegeben hat.

Konflikte gibt es also reichlich, genauso wie vermeintlich unüberwindbare Gegensätze und Herausforderungen. Vor allem aber gibt es eine gehörige Portion Herz, womit wir wieder bei dem ungleichen Dreamteam Daniel LaRusso und Mr Miyagi wären. Der hitzköpfige Teenager und der in sich ruhende Karate-Meister nähern sich nur langsam an. Beide brauchen einander mehr, als sie zunächst ahnen, nicht nur weil der eine den anderen erdet und der andere ihn wiederum aus dem selbst gezimmerten Schneckenhaus befreit. Ganz besonders schließen sie sich gegenseitig die Wunde eines fehlenden Vaters und eines bei der Geburt verstorbenen Sohnes.

Daniel hat nun ein Vorbild an dem er sich reiben und orientieren kann, das ihn fordert und fördert. Denn auch für Mr Miyagi ist Karate weit mehr als nur ein Kampfsport, auch wenn er eine völlig entgegengesetzte Philosophie zu der „Strike first, strike hard“- Botschaft von Cobra Kai verfolgt. Durch die Ausbildung Daniels verändert er sich aber auch selbst. Plötzlich lässt er wieder Gefühle wie Stolz, Ehrgeiz und Mitgefühl zu und öffnet sich so wieder der Außenwelt und letztlich dem Leben.

John Avildsens Verdienst ist hier nicht hoch genug anzusetzen. Wie schon in ROCKY vermengt er ein im Kern simples Sportdrama mit einer anrührenden Beziehungsgeschichte, ohne sich dabei in kitschige Untiefen zu verirren. Handlung und Figuren bleiben stets fokussiert und blasen gemeinsam zur unwiderstehlichen Charmeoffensive. Die Besetzung ist bis in die Nebenrollen ungemein stimmig und die ganze Inszenierung trotz ihres Tempos angenehm unaufgeregt. Trotz seiner unverkennbaren 80er-DNA funktioniert der Film auch gut 35 Jahre später noch prächtig als ansteckend sympathisches Potpourri aus Martial Arts-, Coming of Age-, High School- und Freundschaft-Drama. Und wer danach immer noch an sich zweifelt, der verinnerliche einfach zwei von Mr Miyagis Weisheiten:

„Lernen zu stehen, dann lernen zu fliegen“. „Wer Fliege fangen mit Stäbchen, der vollbringen alles.“ 

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