Weit hochgezogene Augenbrauen, ein zum Lachen (oder Schreien) verzerrter Schmallippenmund und ein Labyrinth aus Hautfalten und Oberlippenbehaarung… je länger Vincent Prices Karriere andauerte, desto mehr glich sein Spiel dem überzeichneten Ausdruck einer Theatermaske. Passend dazu machten sich die Filme, in denen er mitwirkte, deren Symbolik zu eigen: Bei „Im Todesgriff der roten Maske“ (1969) verbirgt die Gesichtsbedeckung durch Magie herbeigeführte Verunstaltungen, die Titelfigur von „Das Schreckenshaus des Dr. Phibes“ (1971) und der Fortsetzung „Die Rückkehr des Dr. Phibes“ (1972) sieht aus wie ein Moder-Zombie aus einem Fulci-Streifen und bei „Theater des Grauens“ (1973) wird die große Geste zelebriert. In „Madhouse“ ist Prices Gesicht nun mit den Zügen eines Totenkopfes übermalt, sobald er in seiner Rolle als Dr. Death zu Werke geht. Seine realen Züge strahlen dabei noch durch die Maske hindurch, das Makeup wird zu einer Art Überbelichtung des Unmaskierten. Doch in der Filmrealität wird der Schauspieler von einem Imitatoren verfolgt, dessen wahre Identität komplett hinter einer undurchsichtigen, soliden Totenkopfmaske verborgen ist…
In Anbetracht dieses reflexiven Inhalts sowie des Umstands, dass Vincent Price danach kaum mehr große Hauptrollen in Horrorfilmen gespielt hat, ist die Versuchung groß, „Madhouse“ als seine große Abschiedsvorstellung zu interpretieren. Immerhin steigt die Handlung auf dem Höhepunkt des Ruhms ein, als der Star auf einer Gala den x-ten Teil seiner Dr. Death-Reihe vorstellt und sich dabei im Smoking von den Gästen feiern lässt. Dass kurz darauf der große Fall kommt, liest man zu diesem Zeitpunkt bereits an der anachronistischen Anmutung der Szenerie ab: Ein schmuddeliger Gothic-Streifen auf verkratztem Zelluloid, der die Massen begeistern soll? Als ein schmieriger Produzent kurz darauf eine Szene zwischen dem Star und seiner Gattin provoziert, ist das nur die Bestätigung dafür, dass hier nicht das Kapitel über die Blütezeit eines Filmstars geschrieben wird, sondern ihr absteigendes letztes Kapitel.
Obgleich hier also alles auf den alternden Hauptdarsteller Vincent Price zugeschnitten ist, so geht es doch vielleicht nicht um seine Person, sondern vielmehr um die Schauspieler-Generation, die er repräsentiert – und den Typ Horrorfilm, in dem sie zum Einsatz kam. Wir befinden uns schließlich im Jahr 1974, mitten in der New-Hollywood-Bewegung also, im Jahr, als Tobe Hoopers „Texas Chainsaw Massacre“ erschien. In einer Zeit, als Roman Polanski mit „Rosemaries Baby“, George A. Romero mit „Die Nacht der lebenden Toten“ und William Friedkin mit „Der Exorzist“ das Genre bereits grundlegend auf den Kopf gestellt hatten. Dr. Death und seine maskierten Spießgesellen wirken in diesem Kontext wie desorientierte Ausgestoßene, die mit ihrer Fackel durch eine neu aufgezogene Dunkelheit irren, ohne einen Platz in ihr zu finden. Die American International Pictures ist sogar so kühn, Stock Footage aus „Der Rabe“, „Der grauenvolle Mr. X“ und anderen Horrorfilmen ihres 60er-Jahre-Fundus einzubauen, um zur Drehzeit bereits verstorbenen Ikonen wie Basil Rathbone und Boris Karloff Gastauftritte innerhalb des Film-im-Film-Konzepts zu verschaffen. Vincent Price und sein Co-Star Peter Cushing wirken angesichts dessen wie die letzten Überlebenden einer Expendables-Crew aus grauer Vorzeit, die sich nun mit dem modernen Anstrich einer nicht mehr wiederzuerkennenden Branche anfreunden müssen.
Insofern ist es von Vorteil, dass wir es hier mit einer Amicus-Koproduktion zu tun haben, denn anders als die Konkurrenz von Hammer verortete man das Grauen bei Amicus zumeist in der uns bekannten Gegenwart. Der Goth findet sich in einem Gefängnis aus Filmkorn und Schmutzartefakten wieder, auf der anderen Seite der Gitterstäbe entblößt sich das vermeintliche Werk der Fiktion als schnödes Filmset. Dort hüpft ein junger Regisseur umher und setzt gestikulierend seine Hipster-Ideen um, während das Nachwuchs-Starlet es sich in ihr hübsches Köpfchen gesetzt hat, auf dem Rücken der Altstars die eigene Karriereleiter zu erklimmen. Robert Quarry, der den Produzenten spielt, trägt auf einer Kostümparty sogar das Vampir-Dress seiner Count-Yorga-Filme wieder auf und erklärt sein gesamtes Umfeld somit zur Non-Fiktion. Da glaubt man doch zu gerne, dass sich Vincent Price selbst spielt in den Szenen, in denen er von der unberechenbaren Moderne in die Ecke gedrängt wird und mit Verwirrung, wenn nicht sogar Verzweiflung reagiert.
Die Moderne zum wahren Filmmonster zu erklären, ist nämlich die große Spezialität von „Madhouse“. Eine der gewöhnungsbedürftigen Sorte, zugegeben; nicht jedem Publikum dürfte die hysterische Art und Weise munden, wie hier klassische Horror-Legenden mit den Mitteln der Gegenwart dekonstruiert werden. Man merkt, dass Regisseur Jim Clark nicht unbedingt Herr aller Entscheidungen gewesen sein dürfte und seine Arbeit Opfer unzähliger Neuschnitte wurde; stellenweise bemerkt man auch eine gewisse Planlosigkeit bezüglich der Richtung, die eingeschlagen werden sollte. Während der identitätslose Killer mit der Maske nach klassischen Whodunit-Bauplänen in Edgar-Wallace-Machart vorgeht und somit fast schon etwas beruhigend Vorhersehbares verströmt, sorgt die Hinter-den-Kulissen-Realität für die nötige Portion Unberechenbarkeit. Am Filmset oder auf dem eigenen Grundstück kann schließlich alles Mögliche passieren – Arbeitsunfälle könnten sich ereignen, Schauspielkollegen oder deren Angehörige könnten sich zu einem Erpressungsversuch entschließen. Kein wahnsinniger Messerschwinger ist es, der an den Nerven zerrt, sondern die spröde, sinnlose, hinterhältige, undankbare Realität.
Das vermeintlich Unheimliche aus der Horror-Fiktion baut Jim Clark somit zu Oasen des Vertrauten um, was der Grundstimmung durchweg einen raffinierten Twist gibt. Insbesondere trifft das auf die Rolle von Adrienne Corri (Uhrwerk Orange) zu, die als psychisches Einsiedler-Wrack mit einem besonderen Faible für Spinnen (von denen manche echt sind und manche je nach Schauspieler-Interaktion gegen Gummispinnen getauscht werden) in jedem normalen Film ein Quell der Bedrohung wäre – hier bedeutet ein Besuch in ihrem Keller gewissermaßen, nach Hause zu kommen. Diese auf den Kopf gestellte Perspektive hält der Regisseur in den klassischen Horrorsequenzen ebenso stabil wie in den Abschnitten, in denen die 70er hervorbrechen. Vor allem das letzte Drittel profitiert von der chaotischen Vermischung aus Fiktion und Realität mit einem enorm hohen Tempo, geradezu wahnwitzigen Fügungen der Ereignisse (alleine diese Talkshow-Sequenz…) und einer wirren Fährte aus ausgelegten roten Heringen, die selbstverständlich niemals von dem durchschaubaren Plottwist ablenken kann. Und doch fällt dieser unheimlich effektiv aus, einfach weil er großartig gespielt ist und seinen Big Punch mit voller Wucht unterbringt. Vielleicht gerade deswegen, weil er ironischerweise genau in der Machart präsentiert wird, wie sie von den aussterbenden Horror-Ikonen der 60er gepflegt wurde.
All das macht „Madhouse“ herrlich schrill, abwechslungsreich und trotz der altmodischen, vorhersehbaren Horrorfilm-Motive erstaunlich progressiv. Obwohl es sich nicht gerade um typisches Futter für einen Price-Filmabend handelt, so kommen seine Fans doch absolut auf ihre Kosten, sehen sie ihn doch wild die Augen aufreißen, laut schreien und wahnsinnig lachen. Ein Fest der expressionistischen Darstellungskunst. Und die liefert er nicht nur für sich selbst, sondern auch für seinen Partner Peter Cushing, für den altehrwürdigen Boris Karloff und den unvergesslichen Basil Rathbone. Eigentlich fehlt nur noch Christopher Lee. Aber auch so hält der Titel weit mehr, als sein verhältnismäßig geringer Bekanntheitsgrad verspricht.