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Was in Jean Rollins Vampirfilmen manchmal als inadäquates Erzählen begriffen wird, beobachtet tatsächlich vielleicht nur seine Neigungen, sich den ungewissen Wegen der écriture automatique auszuliefern, der intuitiv gesteuerten automatischen Signatur. "Le Frisson des Vampires" legt davon besonderes Zeugnis ab: Die überwiegend aus einem Rundturm bestehende Schlosskulisse, die Rollin gerne bei Nacht in leuchtenden Farben als lockeren Szenenübergang inszeniert, dient dem erzählerisch betont losen Werk als kreiselnde Zentrifugalkraft. Marie-Pierre Castel und Kuelan Herce, die inspiriert vom Revolutionsgedanken der späten 60er Jahre meist in durchsichtige Wänder gekleidet schmetterlingsartige Schleifen mit sich ziehen oder gleich ganz nackt durch die kalten Gemäuer streifen, bewegen sich im Rundgang durch die Kulissen, der alsbald zur end- wie ziellosen Ellipse ausartet.

Das liegt auch daran, dass Rollin in Sachen Handlungsfortschritt kaum aktiv wird, sondern sich stattdessen äußerst verspielt zeigt, was den Umgang mit den Kulissen angeht. Viele Sets werden durch blaue und rote Beleuchtung in zwei Ebenen aufgeteilt und mit weiteren Farbakzenten, vornehmlich Grün, zusätzlich punktiert. Die Farbkompositionen nehmen überhaupt einen großen Anteil der Wirkung ein, ebenso wie das Spiel mit Schnitt und Perspektive. Gerne positioniert der Regisseur die Kamera statisch an einer Stelle und lässt sie entweder an einer Wand entlanggleiten, um die Vampirdienerinnen mit einem Blick durch die eingesetzten Fenster zu erhaschen oder er blickt von oben auf eine Wendeltreppe aus Stein auf sie hinab, während sie dekoriert mit prunkvollen Kerzenständern schleichende Bewegungen nach oben machen. Dies stets mit einem entrückten Ausdruck in den Augen, der als Schlafzimmerblick einerseits eine erotisierende Wirkung verströmt, andererseits aber auch die Vampirmythologie um das Zwischenreich von Leben und Tod bekräftigt. Wenn später zwei vampirisierte Männer in das Geschehen eingreifen, improvisieren diese auch gerne direkt in die Kamera, ja sie rücken sich geradewegs in das begrenzte Bild und wechseln sich damit ab, intellektuellen oder vielleicht auch nur assoziativen Nonsens zu äußern.

Entsprechend repetitiv zeigt sich auch der Soundtrack von geheimnisvoller Herkunft, der bisweilen ungewöhnliche Motive bildet, dabei aber (insbesondere seitens des Schlagzeugs) aus der Basis des Rock'n'Rolls der 60er heraus spielt, was sich wiederum mit der ausgefallenen Dekoration vieler Räume deckt, die vor jahrhundertealten Steinmauern einen spürbaren anachronistischen Effekt ausüben.

Wenn das Drehbuch einen Schritt nach vorne macht, dann meist begleitet von sprunghaften Spezialeffekten, die von Rollin mit dem technischen Grundprinzip einer Laterna Magica realisiert werden. Wann immer die Vampirfürstin ins Bild gelangt (diese tritt in androgyn anmutender Gestalt auf durchaus beeindruckende Weise in Erscheinung), so geschieht dies mit harten Schnitten, die eine plötzliche Komplettmanifestation zur Folge haben (wenn ein Bild auf Zelluloid nur Kulisse zeigt und das nächste gleich einen halbnackten Frauenkörper als Blickfang), oder mit der real gefilmten Plötzlichkeit, mit der sie sich der Schlossbesucherin plötzlich hinter einem Vorhang oder aus dem Körper einer Standuhr heraus zeigt.

Abgesehen vom erstaunlich geschmackvollen, ausrangierten und kontrolliert erscheinenden Schwarzweiß-Prolog folgt jedes Produktionselement diesem Ablauf, der reihenweise Löcher reißt und eine stabile Narration nach vorherrschendem Standard nicht ermöglicht, jedoch auch nicht ermöglichen muss. Denn schließlich gelingt Rollin ja trotz allem ein poetisches Ende an einem Strand, der die gleiche schmutziggraue Färbung annimmt wie jener aus Harry Kümels "Les Lèvres Rouges"; und die wundersamen Vorgänge im Schloss sind retrospektiv nicht weniger obskur als die sorgfältig umschriebenen Abläufe im klassischen Vampirkino. Wenn auch in jedem Fall missverständlicher, wie der verzerrte deutsche Filmtitel "Sexual-Terror der entfesselten Vampire" und die damit einhergehenden Nachdrehs expliziterer Erotik unter Beweis stellen.

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