Frankreich Anfang der 1970er Jahre: Das frisch verheiratete Pärchen Isa (Sandra Julien) und Antoine (Jean-Marie Durand), unterwegs in einem weißen Cabrio, möchte Verwandte der Braut auf dem Land besuchen. Doch am schloßartigen Herrenhaus angekommen, müssen sie feststellen, daß die Besitzer gerade verstorben sind - nur noch deren Geliebte sowie zwei Zofen sind anwesend. Schon in der ersten Nacht ereignen sich merkwürdige Dinge und das junge Pärchen muß feststellen, daß hier Vampire am Werk sind, zu denen die Verstorbenen gehören und die auch Isa in ihren Kreis ziehen wollen. Während diese immer mehr den Verführungskünsten der Untoten verfällt, versucht ihr eher zurückhaltender Ehemann, sie vor den Vampiren zu bewahren...
Mit Sexual-Terror der entfesselten Vampire liegt ein weiterer erotischer Vampirfilm des französischen Regisseurs Jean Rollin vor, der in der extrem reißerischen deutschen Übersetzung freilich dem gebotenen Inhalt nicht gerecht wird: Obwohl für die deutschsprachige Klientel Sex-Szenen nachgedreht und eingefügt wurden (mit anderen, an der Handlung nicht beteiligten Darstellern, erkennbar an Bild und Schnitt) handelt es sich um einen eher ruhigen Film, der seine eigentümliche Atmosphäre aus bunten Farben und vielen Details, kombiniert mit nihilistischem Soundtrack und dezenter Erotik (die jedoch nie ins Pornografische abrutscht) aufbaut, dabei ein sehr gemächliches Tempo vorlegt und zu keiner Zeit irgendeinen Terror vermittelt. Als solchen mag man bestenfalls die Geschäftstüchtigkeit der seinerzeitigen deutschen Vertriebspartner bezeichnen, die aus dem harmlosen Vampirfilmchen einen Schmuddelfilm fürs Bahnhofskino machen wollten...
Während auf die eigentliche Handlung und einen logischen Ablauf eher weniger Wert gelegt wird (manche Szenen wirken unvollendet bzw. bedürfen einer Erklärung, die nicht kommt), wirkt le frisson des vampires (so der Originaltitel) vielmehr durch ausgedehnte Spielereien mit Vampir- und Geisterschloss-Symbolik: Immer wieder tauchen eine Standuhr, surrealistische Gemälde, Blutspuren, Totenschädel, Särge und Kandelaber auf, zwischen denen sich die Hauptdarsteller bewegen. Die Kammerzofen (eine dunkelhaarige Asiatin und eine Blonde) die mal angezogen, mal in durchsichtigen Nachthemden und mal ganz textilfrei umherschwirren, bereiten ohne erkennbare Mimik und meistens stummm diverse Kulthandlungen vor, deren Logik sich dem Zuseher nicht ganz erschließt, während Isas wiederauferstandene Verwandte wortreich die Vorzüge des Vampirdaseins preisen. Die bleiche Geliebte der beiden (stilvoll in Stiefeln, Ketten und Brustdolchen) versucht derweil nachts mit lesbischen Avancen die frisch Verheiratete zu überzeugen - der seltsam antriebslose Bräutigam erkennt die Absicht viel zu spät und als er dann mit Isa fliehen will stellt er sich so tollpatschig an, daß man sich zeitweilig in einem Trashfilm glaubt. Mitnichten, denn die streckenweise psychedelische Atmosphäre, die besonders durch den passenden Soundtrack der Amateurcombo Acanthus erzeugt wird, macht jeden Vergleich mit Trashgrößen wie beispielsweise Jess Franco (und dessen Vampirfilmen à la Vampyros Lesbos) obsolet: Rollin nimmt die Thematik durchaus ernst und läßt Bilder sprechen - rote und gelbe Farbfilter illustrieren die nächtlichen Szenen in der Burg und ihrem angrenzenden großen Garten und schaffen eine Atmosphäre, die trotz erkennbarer Low-Budget-Produktion entsprechenden Trashfilmen jener Zeit verwehrt bleibt.
Wer sich auf das Ambiente der frühen Siebziger (Sound, Frisuren, Sleaze-Faktor, spärliche hölzerne Dialoge, leicht unscharfe Bilder, Filmfolgefehler etc.) einlassen möchte, ist mit diesem Streifen gut bedient und wird über einige technische Mängel (wie beispielsweise dem fehlenden wegfaden der Vampire in der Morgensonne am Strand oder die erkennbaren Platzpatronen in Antoines Revolver) hinwegsehen können (über die wenigen, vollkommen sinnlosen nachgedrehten Softsex-Szenen sowieso). Ein sicher auch in filmhistorischer Hinsicht interessanter und unterhaltsamer Streifen, der sich darüber hinaus erfreulicherweise selbst nicht allzu ernst nimmt: 7 Punkte.