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So unauf- wie eindringlich, das ist es, was Clint Eastwood uns seit 1990 des öfteren mal kredenzt hat; es scheint, als hätte das Spätwerk die menschliche Seite in dem oft unnahbar erscheinenden Kerl noch transparenter und offenbarer gemacht.
Seine letzten Werke sind nicht selten von altmodischem, aber solidem Handwerk geprägt, was heutzutage im Zeitalter des pc-generierten Films geradezu als Meisterschaft angesehen werden kann. Spröde und voll von lakonischem Humor gerät auch „Million Dollar Baby“, ein menschliches Drama, das sich zunächst effektvoll als Boxer-Aufstiegsgeschichte tarnt, um dann das Verhältnis zweier einsamer Menschen, die sich trotz starker Unterschiede gefunden haben, bis zur Schmerzgrenze auszureizen.

Überhaupt ist „Million Dollar Baby“ kein Film, der Ereignisse nachzeichnet und auf die Sensationslust und die Erwartungen der Zuschauer spekuliert, sondern gefühlvoll das Spiel der Charaktere miteinander aufzeigt.
Im Fokus steht dabei die Einsamkeit. Obwohl Morgan Freeman aus dem Off dem Zuschauer von der Seele des Boxens und des Boxers berichtet, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, daß es hier um den Wunsch nach Nähe geht, der sich mit den Zielen und Wünschen in diesem Geschäft nicht vereinbaren läßt.

Und so umkreisen sich die Charaktere langsam und vorsichtig wie abwartende Boxer: die Kellnerin Maggie (Hilary Swank in einer beeindruckend zurückhaltenden Studie des White Trash) nähert sich langsam und eliptisch dem alternden Boxtrainer Frankie (Eastwood wieder mal als knorriger Ast im Sturm) an, der sie nicht trainieren will, aber später nicht anders kann, als niemand sonst seinen Idealen nachsieht. Gleichzeitig hat er eine gewisse Abhängigkeit von seinem Hallenhelfer Scrap (Freeman), da beide ein einschneidendes Erlebnis vor einem Vierteljahrhundert zusammenschmiedet. Irgendwo zwischen Beleidigungen und Fürsorge schafft es Scrap, Maggie leicht anzulernen und Frankie übernimmt schließlich, da er in Maggie Entschlossenheit, Kampfbereitschaft und den Willen zur Unterordnung findet.

Es ist schwer, den letzten Teil des Films nicht zu verraten, der eine ganze andere Richtung dramaturgischer Art einschlägt, aber im Vater-Tochter-Verhältnis der beiden nur eine folgerichtige Weiterentwicklung ist, wenn auch folgenschwer.
So wird das Drama zu einem Wunsch nach Erlösung: Frankie, der scheinbar seiner Tochter nicht vergeben kann (den Grund erfährt man nie), schreibt wöchentlich, was nicht mal der Priester glaubt – Eastwood in der Rolle des stumm Leidenden. Maggie erscheint mit ihrer Selbstaufopferung da wie das Ziel aller Träume und eine Weile geht es auch gut – und als es schlecht läuft, zieht Frankie aus Menschlichkeit die einzige Konsequenz, die ihm noch bleibt, zerstört sich selbst und rettet die anderen. Maggie selbst erfüllt sich ihren Traum – Scrap findet schließlich seinen Frieden in einem kurzen letzten Kampf und in dem Wissen, vielleicht eine Wende herbeigeführt zu haben.

Die Schauspieler sind, gelinde gesagt, eine Augenweide. Freemans Helfershelfer ist eine getreue Weiterentwicklung seiner bereits nominierten Figur Red aus „Die Verurteilten“, der die Weisheit des alten Mannes verkörpert; Swank ordnet sich den Großen unter und leistet so noch Größeres, nämlich in allen ihren Szenen neben einem Turm wie Eastwood zu bestehen, indem sie möglichst wenig tut. Eastwood allerdings hat sich am meisten weiterentwickelt, auch wenn er nicht den Oscar dafür bekam – nach anfänglich knorrigen Standards läuft er im letzten Viertel mit seinem Stone Face zur Höchstform auf und ihn am Ende in der Kirche weinend sitzen zu sehen, während diesem Idol der Rotz aus der Nase läuft, ist schon ein Moment, den man in dieser Form nie erwartet hätte.

Die wahre Leistung liegt aber in der Regie dieses Dramas, das im triumphalsten Moment in tiefste Tragik umkippt und dabei stets leise Töne anschlägt, die sich um so mehr einprägen.
Ein stiller, gefühlvoller und emotional ausfüllender Film – was könnten wir mehr verlangen? (8,5/10)

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