"Wenn du tot bist, kannst du ausruhen."
Für "Million Dollar Baby" bewegt sich Clint Eastwood ("Mystic River", "Erbarmungslos") einerseits vor der Kamera und zieht gleichzeitig die Fäden auf dem Regiestuhl.
Frankie Dunn (Clint Eastwood), ein in die Jahre gekommener Boxtrainer, träumt bereits Jahre davon, eines seiner Boxtalente zu einem Titel zu führen. Gemeinsam mit dem einstigen Boxer und langjährigen Freund Eddie (Morgan Freeman) unterhält er ein Sportstudio und trainiert Big Willie Little (Mike Colter), der bereits monatelang auf die Möglichkeit für einen Titelkampf wartet. Frankie zögert allerdings und will auf Nummer sicher gehen, um seinen Schützling vor einer Niederlage zu bewahren. Kurz nachdem die übereifrige Boxerin Maggie Fitzgerald (Hilary Swank) an Frankie heran tritt und fragt, ob er sie trainieren würde, kündigt ihm Big Willie und wechselt zu einem anderen Manager. Obwohl Frankie bei seiner Meinung bleibt, Frauen nicht trainieren zu wollen, meldet sie sich in seinem Sportstudio an. Ihr Traum und einzige Leidenschaft ist das Boxen. Ihrer Meinung nach kann sie mit Frankies Hilfe einen Titelkampf erreichen. Also bleibt sie verbissen aber auch dankbar in Frankies unmittelbarer Nähe. Obwohl Frankie hart an seinen Eigenheiten festhält, erkennt er zunehmend die Leistungen von Maggie an und sieht Parallelen in ihrem und seinem Privatleben, das unausgefüllt ist. Nachdem Maggie einen Kampf im Ring gewinnt übernimmt Frankie endgültig die Trainerrolle für die Sportlerin und führt sie dem Titel immer näher.
Das Boxerdrama gehört zu der Art von qualitativ hochwertigen Kinofilmen, die es heutzutage leider nur noch sehr selten gibt, da sie nur eine kleine Klientel von Kinogängern anspricht und völligst ohne Effekthascherei auskommt. Allein die Aufteilung des Films in drei Kategorien, die in einzelnen Dritteln abgehandelt werden, erinnert maßgeblich an die Inszenierung klassischer Filme.
Zu Beginn steht die Charakterisierung der Figuren auf dem Programm. Liebevoll werden diese in die Handlung eingeführt und in ihren Stärken und Schwächen völligst ausgeleuchtet. Kurz und knapp sind deren Dialoge, doch jedes Wort ist ein Treffer. Paul Haggis hat hierzu ein Drehbuch geschaffen, wie es besser kaum sein könnte. Alles worauf es ankommt ist enthalten, nichts wirkt überflüssig.
Mit Clint Eastwood, Hilary Swank ("11:14 - Elevenfourteen", "The Core - Der innere Kern") und Morgan Freeman ("Glory", "The Dark Knight") finden die Zeilen ihre idealen Interpreten. Wozu unnötig um den heißen Brei reden, wenn die Chemie zwischen den Darstellern auch ohne große Worte stimmt. Eastwood und Freeman ergänzen sich als kauzige, gescheiterte Box-Legenden wie ein langverheiratetes Ehepaar. Der eine ganz in seinen eigenen Prinzipien gefangen, der andere immer väterlich um den Nachwuchs bemüht. Dazu gesellt sich Swank als geborene Fighterin, die Franks Charakter nicht unähnlich ist. Schon bald entwickelt sich aus dem reinen Trainer- / Boxer- ein Vater- / Tochter-Verhältnis, das bis zum bitteren Ende währt. Für das Darstellertrio eine gute Gelegenheit, um zur absoluten Bestform aufzulaufen.
Der Film hätte ohne seine hervorragenden Protagonisten vermutlich nicht so gut funktioniert. Eastwood selbst gibt wieder mal den gebrochenen, alternden Mann mit familiären Problemen, der nach außen eine raue Schale, aber innen einen weichen, einfühlsamen Kern hat. Dies macht er so überzeugend, dass seine Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller tatsächlich gerechtfertigt ist. Hilary Swank spielt die junge Boxerin hervorragend. Und auch Morgan Freeman ist in seiner Rolle perfekt. Nebenbei handeln einige Darsteller durch ihre Nebencharaktere äußerst erfrischend. Dies gilt beispielsweise für Jay Baruchel ("Mein Name ist Fish"), der mit seiner Figur, trotz der vorwiegend ruhigen, depressiven Stimmung, kurzweilig für Heiterkeit sorgen kann und sogar eines der Schlussworte erhält.
Der zweite Teil befasst sich ausführlicher mit dem Boxen. Mit vielen Details und eindrucksvollen Licht- / Schatten-Kontrasten wird der Weg des Aufstiegs der leidenschaftlichen Boxerin bebildert. Dabei fallen insbesonders die exzellent ausgeleuchteten Szenen im schlicht eingerichteten Sportstudio ins Auge. Gerade diese handwerkliche Schlichtheit der oppulenten Bilder tauchen das Boxerdrama in eine Stimmung, welche die Figuren selbst kraftvoll unterstreicht, sind diese doch ebenso schlicht und einfach in ihrer menschlichen Ausführung.
In diesem mittleren Teil offeriert das Boxerdrama auch seine meisten erheiternden Passagen. Losgelöst und geprägt durch einen fast leisen Sarkasmus in so manchen Dialogen erscheinen die Kämpfe einerseits sehr hart und ergreifend, andererseits in einer Leichtigkeit die beinahe schon bissig wirkt.
"Million Dollar Baby" ist aber selbst während den zahlreichen Boxkämpfen kein stumpfer Unterhaltungsfilm oder eine actionreiche Interpretation des Sportfilm-Genres. Das Boxen ist Mittel zum Zweck und schafft im Grunde "nur" eine attraktive Brücke zwischen Charaktereinführung und dem noch folgenden emotionalen Drama. Somit lässt der Film zu keinem Zeitpunkt eine unverfolgbare Schnittfolge von Schlägen der im Ring stehenden Kämpferinnen zu, sondern dokumentiert das Geschehen in aller Übersichtlichkeit. Manchmal auch als augenzwinkernde Metapher im Off des Geschehens. Wer also einen actionorientierten Sportfilm, wie die späteren "Rocky"-Filme erwartet, ist hier falsch. "Million Dollar Baby" ist vielmehr Gefühlsdrama, dass auch während des sportlichen Abschnittes den Zugang zu seinen Figuren gewährt.
Das letzte Drittel offenbart eines der eindrucksvollen Dramen der Filmgeschichte. Eindringlich und in aller Ausführlichkeit, die zeitweise schleppend wirken könnte, werden die Konsequenzen des Kämpfens im Ring erzählt. Dies geht bis zu Themen über menschliche Abgründe sowie der moralischen Entscheidung über Leben und Tod eines Menschen. Manche Szenen treffen so hart wie ein Faustschlag direkt in der Magengrube, wobei wohl so manchem Zuschauer die Luft weg bleibt. Und wessen Tränendrüse zum Finale hin immer noch ihren Dienst verweigert, sollte wohl besser einen Arzt konsultieren.
In diesem finalen Abschnitt spielt auch der emotionale Soundtrack eine größere Rolle, der ansonsten auf sehr subtile aber passende Weise mehr im Hintergrund zu erfassen war.
Zusammengefasst ist "Million Dollar Baby" eine schnörkellose Figurendokumentation mit einer spannend und ergreifend erzählten Geschichte, die ohne Klischees und Effekte des modernen Kinos auskommt. Eastwoods gemächliche Art des erzählens entfaltet die Geschichte nur langsam, dafür umso eindringlicher und detaillierter. Im zweiten Drittel weicht die Ruhe dem lautstarken Aufstieg der Boxerin der auch für ein paar witzige Seitenhiebe Pate steht. Umso härter erscheint dann das physisch und psyichisch selbstzerstörerische letzte Drittel bei dem kein Auge trocken bleibt, und das im wahrsten Sinne.
10 / 10