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Wu Gang (Wu Lala) ist ein wenig pummelig und glatzköpfig. In seiner Freizeit trägt er einen knielangen Strickpullover, mit Querstreifen, gelb-schwarz. Um eine Erinnerung an die Anime aus Kindertagen aufzugreifen: Willy-Style. Wu Gang hat tatsächlich viel von dem dezent dümmlichen Sidekick der kleinen, lieben Biene Maja. Man wünscht Wu Gang, er würde sehen, was wir, die Zuschauer, sehen. Eventuell fiele ihm dann die Antwort auf die Frage leichter, der Wu Gang sein ganzes Sinnen widmet. Wo, verdammt, ist Mädchen Nummer Eins, die Zweite?
Seinen Lebensunterhalt verdient dieser Wu Gang - natürlich dazu verpflichtet, sich etwas vorteilhafter zu kleiden - als Einlasser in einem Kino. In erster Linie aber, so deutet er an, ist das Kino ein Refugium. Hier hinein kann er sich vor der Lösung seiner Problem ganz hervorragend verkriechen. Er habe Angst vor der Sonne, dem Licht, das ihm einst die Netzhaut versengte, metaphorisiert er in der bedeutungsschwangeren Prosa, mit der er sich in „Dazzling“ von Beginn an zum Narrator aufspielt.
Wu Gang versteckt sich vor der Liebe. Hier, in der künstlich abgedunkelten Halbwelt seines Kinosaals, verschwimmen für ihn Realität und Film. Sein eigenes Reich, sagt er. Hier hat er alles unter Kontrolle. Die Ausschnitte, die er aus den Leben der häufigen Besucher wahrnimmt, verdichtet er zu Surrogaten für die Geschichten, die ihm entgehen, weil er selbst unfähig ist, sich der Welt bei Tageslicht zu stellen. Er „erntet ihre Emotionen“ und hier, in seinem Reich, ist deren Interpretation sein höchstpersönliches Privileg. Und schon von dieser Stelle an, da dem Zuschauer das Prinzip von „Dazzling“ vermittelt wird, ist es nicht mehr nur Wu Gang, der ein Problem mit sich herum trägt.
Wu Gang, der die Episoden von „Dazzling“ imaginiert und via brush-and-touch Verfahren auf ultrakonventionelle Weise ineinandergreifen lässt, taugt für diese, ihm zugeschriebene Funktion eben ganz und gar nicht. Er schwafelt und schwafelt und hat doch ausgewiesen keinen Plan. Was könnten seine Gedanken um die Liebe denn auch anderes sein als alberne, kleine Illusionen, besetzt mit Charakteren, deren Motive, Gefühle, deren Triebe niemals nachvollziehbar werden und die folglich hölzern durch vier von Dramaturgie völlig freie Sequenzkumulationen staksen? Keine der Geschichten berührt, deutet auch nur auf ein vages Potenzial dazu. Nichts gegen Ellipsen, aber das Muster aus Anziehung (die man noch hinnimmt), Distanzierung (für die es keine Erklärung gibt) und Rekonziliation (die in anhaltender Ermangelung einer Erklärung für die Distanzierung völliger Bogus ist), trägt einen Teil der Episoden kein Stück weit, und vielleicht war es nur Konsequenz, dass man den anderen Teil gleich von jedweder Handlung bereinigte.
„Dazzling“ ist nicht mehr als eine Fingerübung. Formalität über alles. Aber es fehlt eklatant an Inhalt, dieses aufgeblasene Konstrukt auszufüllen und zu stabilisieren.

Xin Lee - für sein 96er Debüt „Your Black Hair and My Hand“ als Herold eines neuen, tatsächlichen urbanen Styles im Kino der Volksrepublik China gefeiert – präsentiert sich mit seinem zweiten Spielfilm lediglich als brillanter Handwerker. „Dazzling“ ist ein zwar visuell beeindruckendes, ja durchaus schönes Pastiche, nichtsdestotrotz aber ein sterbenslangweiliger Film.
Man muss Xin Lee einen historischen Verdienst aber ganz gewiss zu Gute halten. Als er 1996 mit „Your Black Hair and my Hand“ einige Konventionen brach, hat er ein Feuer entfacht, das ihn in den Folgejahren durchaus in seiner Entwicklung eingeschränkt haben mag, jedoch den Grund bereitete für einen weiteren, deutlich wahrnehmbaren Generationswechsel im chinesischen Kino. (Siehe auch SPRING SUBWAY) 4/10

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