Review

Wie der gefeierte Xin Lee („Dazzling“, „Your Black Hair and My Hand“ ) hat auch Zhang Yibai, bevor er sich seinem ersten Spielfilm widmete, vor allem für die Werbebranche gearbeitet. Zhangs Debüt - „Spring Subway“ - widmet sich, analog den Arbeiten Xin Lees, der Liebe seiner Protagonisten inmitten eines urbanen Settings mit dezidiert internationalisiertem Flair. Geschickt werden die Parameter aus der vermessenen Interpretationshoheit von Orientalisten hinein in den globalen Diskurs um die Postmoderne verschoben. Auch auf eine internationale Auswertung ist mit dieser ersten Produktion des Indie Electric Orange Entertainment zweifellos spekuliert worden. Keine Sperenzchen. „Spring Subway“ ist ein offiziell genehmigtes, durch und durch gestyltes, starvehikelndes, also völlig auf Nummer sicher geschossenes Picture - und, darüber hinaus, sogar noch ein richtig guter Film.
Ganz zu Recht hat dieses Debüt im letzten Jahr in China für Furore und auf internationalen Festivals für einiges Aufhebens gesorgt. Dass nun im Kontext mit diesem Geniestreich gerne auf Wong Kar-wai gewichtet wird, ist durchaus nachvollziehbar, jedoch in erster Linie natürlich Marketing.
Zhang Yibais Charaktere sind mitnichten Außenseiter, nicht übertrieben seltsam, skurril, nicht von einer faszinierenden Ambivalenz zwischen Melancholie und Aggressivität. Sie sind wunderbar transparent, sie wirken in ihrer Entwicklung (potenziell) überaus nachvollziehbar und integrativ.
Bereits bevor das modern treibende, von der Erhu melancholisch angestrichene Titelthema sich unter die Opening-Credits legt, führt sich die Protagonistin in die Handlung ein: „Alle nennen mich Xiao Hui. Und ich bin sehr zufrieden“ - schon klar, sie hat ein Problem. Aus der siebenjährigen Beziehung mit Jian Bin (Geng Le) ist die Magie verflogen. In der Küche tropft der Wasserhahn, tropft, tropft, und beide nehmen es zur Kenntnis, aber weder Xiao Hui (Xu Jinglei) noch Jian Bin bemühen sich, etwas zu unternehmen. Beide sind sich sicher, dass es innige Gefühle sind, die sie füreinander hegen - aber ob das noch Liebe ist?
Das verflixte siebte Jahr. Es ist die Gewohnheit, die sie entzweit hat. Hinzu addieren persönliche Schuldkomplexe. Jian Bin ist seit drei Monaten arbeitslos. Kein Wort darüber zu Xiao Hui, stoisch spielt er ihr die tägliche Routine vor. Niemand möchte es aussprechen, dass es ein erhebliches Problem gibt, niemand möchte sich darauf verlegen lassen, Schuld am Ende der Beziehung zu tragen - aber ist es denn schon so weit, nichts mehr zu retten?
Während des Abendessens in einem Restaurant nimmt Jian Bin einen Anruf auf Xiao Huis Mobiltelefon entgegen. „Ich wollte nur sagen, dass ich dich sehr mag“, sagt jemand, den Jian Bin per Display als Lao Hu - Tiger - identifiziert. Er schweigt gegenüber Xiao Hui, beschließt aber augenblicklich das Unausweichliche zu katalysieren: „Meine Firma wird mich nach Frankreich versetzen“, lügt er. Damit wird ein Stichtag gesetzt...
Neben den Subplots, die sich daraus entwickeln, dass beide Protagonisten versuchen, ihre Attitüde gegenüber ihrer gemeinsamen Zukunft über potenzielle Alternativen zu reflektieren, wird die titelgebende U-Bahn-Line zur Schnittstelle mit zwei weiteren Handlungsfäden, die sich der Thematik auf eine fast schon entmythologisierende Weise nähern. Da sind zum einen ein dicklicher Bäcker und eine Trine aus der Provinz, die in der U-Bahn an „ausgehungerte Yuppies“ „Iron-Rice“ verkauft -Tubennahrung mit absonderlich hohem Nährwert, so etwas wie modernes Lembas-Brot. Die einzige Gemeinsamkeit, die man zwischen Bäcker und Landpomeranze ausmachen kann - sie halten sich beide für schrecklich unglücklich. Nach dem verzweifelten Topf-Deckel-Prinzip kann das wohl genügen, ihre euphorisch angekündigte Hochzeit verspricht jedoch eher so eine Zweckgemeinschaft zu werden. Mag sein, dass ich das jetzt viel zu zynisch sehe, generell lasse ich mir Zynismus nicht gern unterstellen. Und gerne würde ich als Argument hier meine zunächst herrlich blauäugige Sicht auf den zweiten Nebenschauplatz anführen... aber nein, ich bringe es nicht fertig, diese doch sehr hartherzige, furztrockene und ganz gemein unkitschige Pointe zu verderben. 8/10

Spring Subway
Kaiwang Chuntian de Ditie
VR China 2002
Regie: Zhang Yibai
Drehbuch/Produktion: Liu Fendou
Kamera: Zhao Xiaodong & Gao Fei
Schnitt: Liu Miaomiao
Musik: Zhang Yadong
Darsteller: Geng Le, Xu Jinglei, Zhang Yang, Wang Ning, Fan Wei

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