Review

Der Erfolg dieses Machwerks sollte uns allen zu denken geben...

Sowas kommt wohl dabei heraus, wenn man die Geschichte des Kinos durch Zensur und Verbote maßgeblich verfälscht: Dann kommt halt Ende der Neunziger ein Machwerk in die Kinos, das wohl jeder nachdrehen könnte, der über einen handelsüblichen Camcorder und einen geeigneten Schnittplatz verfügt, und die halbe Welt spricht von "filmischer Innovation" und "realitätsnaher Gruselatmosphäre", am besten noch einer "psychologischen Meisterleistung".
Man darf jenen Kritikern jedoch wohl guten Gewissens unterstellen, die mühevolle Suche nach (oftmals illegalisierten) filmischen Bodensätzen der Frühachtziger gescheut zu haben; schließlich ist "The Blair Witch Project" film- und storytechnisch besehen nichts weiter als ein halbwegs gelungenes Plagiat tragender Elemente aus Filmen wie "Tanz der Teufel" ("Evil Dead") und "Cannibal Holocaust", vermengt mit dem klassischen Dramenstoff "Hänsel & Gretel" der Grimmschen Märchenschreiber, die in gewisser Weise ja auch Pate für Raimi's ersten Teufelstanz darstellte.
Eingangs wird zunächst die "Cannibal Holocaust"-Psychologie wiedergekäut, nach welcher durch seine gewollte Amateurhaftigkeit auf "realistisch" getrimmtes Filmmaterial eines verschollenen Reporterteams geborgen wurde.
Auf eben diesem sehen wir drei sich abwechselnd gegenseitig filmende US-Studenten, sozusagen die modernisierte Ausgabe von Hänsel und Gretel plus noch irgendjemand, auf der Suche nach der sagenumwobenen Hexe von Blair durch den Wald irren. Da sie hierbei jedoch nicht so clever wie die Märchencharaktere vorgingen und vergaßen, sich den Weg durch eine Schnur zu markieren, wird dieses zudem von wohl mystisch gemeinten Phänomenen der Marke "X-Factor für Arme" dekorierte Herumirren ein hoffnungsloses Unterfangen.
Die "Realitätsnähe" dieses Filmmaterials zumindest ist dank dem recht authentischen, wenngleich auch bisweilen etwas zu hysterischen Agieren der drei Protagonisten, dem Unterlassen Deodatohafter Filmfehler wie dem Auftauchen des gesamten Forscherteams in den vermeintlich selbstgedrehten Aufnahmen sowie durch gelegentliche Raimi-eske Kameraführungen und allerlei gewollte Verwacklungen, Unschärfen und Belichtungsfehlern ("Techniken" also, wie man sie bisweilen auch aus misslungenen Urlaubsvideos, Amateurdokumentationen prägnanter Familienfeste und "Dogma"-Filmen kennt) als recht gelungen zu bezeichnen.
Dies ist jedoch die einzige Errungenschaft, den "Blair Witch Project" für sich beanspruchen kann: Die Filmpsychologie der realitätsnahen Abbildung dramatischer Geschehnisse, die sonst im Hollywood-Mainstream bekanntermaßen häufig nur durch die im Vorspann eingeblendeten Worte "Based on a true Story" aktiviert wurden, auf eine noch nicht mal wirlich neue Dimension innerhalb des Mainstream-Kinos gehievt zu haben ("Ist das wirklich so passiert?").
Dies täuscht jedoch auch nicht darüber hinweg, dass den gesamten Film so gut wie nichts erwähnenswertes passiert, ausser dass die durchs Umherirren allmählich zu Irren werdenden Studenten hin und wieder auf ein paar dürftige, "mystisch-symbolische Omen" stoßen, die auf die allgegenwärtige Präsenz einer dunklen Macht schließen lassen sollen. Leider beläuft es sich bei jenen auf Profanitäten wie Steinhäufchen oder Waldholzkonstrukte.
Damit ist auch schon Schluß. Während sowohl bei dem märchenhaften Geschwisterpaar als auch bei Sam Raimi's fiesen Leichen die Geschichte mit dem personifizierten In-Erscheinung-Treten der Hexe bzw. der bösen Mächte erst richtig beginnt, ist "Blair Witch Project" bereits gerade an eben diesem Punkt bereits zuende, an welchem der Zuschauer eigentlich zum ersten Mal so etwas wie Spannung im Filmverlauf erhoffen zu dürfen vermeinte.

Insofern stellt das gesamte "Blair Witch Project" für Genrekenner inhaltlich eigentlich nur so etwas wie den Auftakt zu einem wirklichen Horrorfilm dar; der für die meisten Gelegenheitsgrusler psychologisch jedoch schon absolut ausreichend scheint und zudem angesichts vermeintlichen Filminnovationen mit Höchstnoten um sich schmeissen lässt. Ich hingegen kann mich des Eindrucks kaum erwehren, Zeuge des audiovisuellen Endergebnisses einer spontanen Sufflaune zweier märchenlesender Jungregisseure geworden zu sein: "Wetten, dass man mit zwei Handycams und drei Deppen im Wald einen total gruseligen Film machen könnte?"
Wer für diese bahnbrechende Erkenntnis nun jedoch meint, sich siebzig Minuten lang durch gut zur Hälfte absichtlich bis zur absoluten Unkenntlichkeit missratenes Bildmaterial und hysterisches Gekreische kämpfen zu müssen, dem sei sein zweifelhaftes Vergnügen herzlichst gegönnt.

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