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„Alte Legenden sterben nie – sie verlieren nur an Gewicht!“

Das Regiedebüt des US-Stuntmans Hal Needham, „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ aus dem Jahre 1977, gilt als Mitbegründer des PS-lastigen Actionkomödien-Genres. Der Film traf den Nerv der Zeit, wurde ein durchschlagender Erfolg an den Kinokassen und die Figur des obercoolen Highway-Raser-Machos zu Hauptdarsteller Burt Reynolds‘ („Navajo Joe“) Paraderolle.

„’ne alte Legende und ’n arbeitsloser Penner sehen sich ziemlich ähnlich...“

Bo Darville, Spitzname: Bandit (Burt Reynolds), verdingt sich als Truckrennfahrer, als er sich von den reichen Geldsäcken Little Enos (Paul Williams, „Phantom im Paradies“) und Big Enos Burdette (Pat McCormick, „Buffalo Bill und die Indianer“) zu einer eigentlich absurden Wette überreden lässt: Er soll eine große Ladung Bier in Texas aufladen und über diverse Staatsgrenzen hinweg in einen weit entfernten Staat schmuggeln, in dem deren Verkauf untersagt ist. Im Gegenzug winken 80.000 Dollar, was letztlich auch Bandits Kompagnon Cledus „Snowman“ Snow (Jerry Reed, „Mein Name ist Gator“) zum Mitmachen bewegt. Gemeinsam schmieden sie den Plan, dass Bandit in seinem TransAm vorwegfährt und ihm Snowman in seinem Truck folgt. Es gilt, die Highway Police auf Abstand zu halten respektive abzuschütteln, was jedoch durch den reaktionären Sheriff Buford T. Justice (Jackie Gleason, „The Honeymooners“) erschwert wird, dessen Schwiegertochter in spe, die Tänzerin Carrie (Sally Field, „Nicht ohne meine Tochter“), als Anhalterin von Bandit mitgenommen wird, nachdem sie Justice‘ unterbelichteten Sohn (Mike Henry, „Die Kampfmaschine“) vor dem Traualter hat stehen lassen. Unerbittlich jagt Justice die beiden Wettkandidaten durch die Südstaaten, fest entschlossen, seinen Sohn unter die Haube und Bandit zur Strecke zu bringen…

„Na reizend... Spießer und Uniformträger!“

Deutschland, damals in den 1980ern: Nur allzu gern versammelte man sich mit der ganzen Familie abends vor der Glotze, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ ausstrahlte, und zwar relativ unabhängig davon, wie man persönlich zum American Way of Life oder zu Themen wie Polizei, Autokult oder Tempolimits stand. Zu verlockend erschien es, einmal in Spielfilmlänge einen Schnauzbartproll und Autoposer mit Cowboyhut dabei zuzusehen, wie er in seinem schicken Sportflitzer über die endlos erscheinenden und Freiheit suggerierenden US-Autobahnen donnert und die Polizei zum Narren hält. Zu Truckreifen in Großaufnahmen dudelt John Reeds Country-Musik, ein Blechschaden-Stunt reiht sich an den nächsten, das Tempo ist hoch, die Verfolgungsjagden sind rasant, Slapstick gibt sich mit losem Mundwerk und dem daraus resultierenden, von der deutschen Synchronisation dankbar angenommenen Spruchfeuerwerk die Klinke in die Hand. Für diesen lausbübischen Anarcho-Spaß für kleine und große Jungs identifizierte man sich bereitwillig mit Burt Reynolds und dem von ihm verkörperten Männlichkeitsideal.

„Es ist völlig unmöglich, absolut unmöglich, dass du auch nur einen Tropfen meines Blutes in dir hast. Sobald ich nach Hause komme, werde ich mir deine Frau Mutter schnappen und ihr erstmal kräftig eins auf die Schnauze hauen!“ - Sheriff Buford T. Justice

Aus heutiger Sicht sieht man sich mit einer Vielzahl ehemals cooler Sprüche konfrontiert, die sich arg abgenutzt haben, und ist evtl. gar zu staunen geneigt, wie sehr man sich von einem Auto-Angeber- und -Raser-Streifen seinerzeit einnehmen ließ – aber auch, wie offen autoritätsfeindlich (nicht nur) diese Actionkomödie auftrat, wenn sie die Exekutive extrem veralbert und in deren eigenem Zuständigkeitsgerangel untergehen lässt, ganz zu schweigen davon, welch offensichtliche Werbeveranstaltung für TransAm-Modelle der Film war. Heutzutage schiene ein solcher Film aus den USA nahezu unmöglich: zu politisch unkorrekt erschiene der Humor, zu unwahrscheinlich wäre es, dass sich Südstaaten-Country-Sänger (à la Jerry Reed, der hier nicht nur an Reynolds Seite spielte, sondern auch Teile des Soundtracks einsang) an einer Produktion beteiligen, die derart unverhohlen die US-Autoritäten angreift.

Die Zeiten sind doch merklich andere, damals jedoch war ein Film wie „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ etwas erfrischend Neues, das neben seinem anarchisch-prolligen Charme mit hohem Tempo, einem hervorragenden Schnitt und wohligen Road-Movie-Anleihen überzeugte, angereichert mit Fernfahrerfolklore und -romantik. Manch einer stattete daraufhin sein Gefährt mit einer CB-Funkanlage wie jener aus, mit der Bandit & Co. auf den weiten Straßen miteinander in Kontakt bleiben, und fühlte sich mit Truck Stop im Kassettenschacht als King of the Road. Unabhängig von ihrer filmhistorischen oder persönlichen Bedeutung bleibt eine leichte, kurzweilige, von jeglicher Komplexität entschlackte und wilden kindlichen Spaß atmende Komödie mit einem spielfreudigen Ensemble mit viel Machismo, aus dem insbesondere Jackie Gleason als Sheriff Justice hervorsticht, sowie die Erkenntnis, dass die Amis anscheinend keine Bierkästen kennen.

Den wahren American Way of Life lernte Reynolds übrigens im Anschluss an den Film kennen, als er seinen für den Erfolgsfall zugesicherten TransAm bei Pontiac einforderte. Obwohl der Film die TransAm-Verkäufe kräftig angekurbelt hatte, besaß die Absprache für das Unternehmen keinerlei Gültigkeit mehr…

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