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Nachdem John Carpenters Low-Budget-Horrorthriller „Halloween“ 1978 das Slasher-Subgenre eingeläutet hatte und zu einem großen Kassenerfolg wurde, ließen die Nachahmer nicht lange auf sich warten. „Warum anderen den ganzen Kuchen überlassen?“, dachte man sich vermutlich im „Halloween“-Lager und entschloss sich, eine Fortsetzung zu drehen, wesentlich höher budgetiert als der Vorgänger: „Halloween II – Das Grauen kehrt zurück“ wurde 1981 unter der Regie des Spielfilm-Debütanten Rick Rosenthal gedreht, das Drehbuch stammte erneut von John Carpenter und Debra Hill.

Nachdem der aus einer Heilanstalt entflohene stumme Killer Michael Myers von Dr. Loomis angeschossen wurde und vom Balkon gestürzt war, war Laurie zunächst in Sicherheit. Doch Myers war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Es dauert nicht lange und es wird klar, dass Myers sich noch immer in seinem Geburtsort Haddonfield aufhält und noch immer hinter Laurie her ist, die – wie sich bald herausstellen wird – seine Halbschwester ist, die seinerzeit von den Strodes adoptiert wurde. Ihr soll es genauso ergehen wie seiner Schwester, die er im zarten Alter von gerade einmal sechs Jahren kaltblütig in der Halloween-Nacht erstochen und seitdem kein einziges Wort mehr gesprochen hat...

„Halloween II“ beginnt mit einer teilweise neu gedrehten Rückblende zum Ende des ersten Teils und knüpft direkt an, spielt also in derselben Halloween-Nacht! Erstmals bekommt der Zuschauer im Laufe des Films die Information, weshalb Michael Myers ausgerechnet hinter Laurie her ist, die im Vorgänger noch wie ein eher zufälliges Opfer wirkte. Um eine Verbindung zum Mord an seiner Schwester herzustellen, erklärte man Laurie Strode kurzerhand zu Myers’ biologischer Schwester, was ihr ebenso neu war wie dem Zuschauer. Damit setzte man in Gang, was sich durch fast alle zukünftigen „Halloween“-Filme wie ein roter Faden ziehen sollte: Michael Myers auf der Jagd nach noch lebenden Familienmitgliedern. Das Mysterium um seine Nehmerfähigkeiten wird zur weiteren Entmenschlichung genutzt (Zitat: „Der Mann – das ist kein Mensch!“); das Mysterium um den Zusammenhang mit dem Halloween-Fest wiederum erklärt man mit einigen Verweisen auf Samhain und Druiden, faselt etwas von Opfergaben – ein Aspekt, der später in Teil 6 (insbesondere im Producer’s Cut) wieder verstärkt aufgegriffen wurde. Soweit zu den „Rahmenbedingungen“, zur Mythologie um Michael Myers, die mit fast jedem Film der Reihe ausgebaut wurde.

Nach der Rückblende greift Rosenthal auf Carpenters im Erstling ebenso geschickt wie häufig eingesetzte subjektive Kameraführung, die „P(oint)O(f)V(iew)“-Perspektive zurück, der Zuschauer hört nur Myers’ schweres Atmen unter der Maske. Er läuft herum, schaut unbemerkt durch Fenster, bekommt sein neues Messer aus einer Küche. In den Fernsehern läuft nicht mehr „Das Ding aus einer anderen Welt“, sondern Romeros Zombie-Klassiker „Night of the Living Dead“. Diese Art von Szenen kennt man bereits von Carpenter, den Rosenthal hier imitiert. Passenderweise erklingt dazu die gleiche, bekannte minimalistische, doch äußerst stimmige Titelmelodie. Neu und beunruhigend ist jedoch die Distanzlosigkeit Myers, der nicht mehr zunächst an Straßenecken oder hinter Hecken auftaucht, sondern unmittelbar bereits zu Beginn des Films in den Gärten der Bewohner Haddonfields umherschleicht. Von nun an heißt es aber „Raus aus dem Verborgenen, rein in die Öffentlichkeit“ und Michael Myers wird zum Populärphänomen, das in den Medien stattfindet und in aller Munde ist. Daraus resultiert eine um sich greifende Paranoia, was wiederum in einer wahrhaft erschreckenden Szene mündet, als eine männliche Person mit der Maske Myers’ unvermittelt bei einem Verkehrsunfall stirbt und bei lebendigem Leibe verbrennt.

Das Tempo wird deutlich angezogen, ebenso der Gewaltgrad – spätestens nachdem sich die Handlung ins örtliche Krankenhaus verlagert hat, wo Laurie sich von ihren Strapazen zu erholen und von ihren Verletzungen zu kurieren versucht. Dort endet die Exkursion über die Straßen Haddonfields; die langen Gänge und vielen Räume des Krankenhauses werden zu einem Labyrinth des Schreckens, in dem viele Unbedarfte ihr Leben lassen müssen. Die recht brutalen und blutigen, aber eben auch slashertypisch kreativen Mordszenen wurden eigens von Carpenter nachgedreht, um dem Film aufzupeppen, ihm zusätzlich Würze und Drastik zu verleihen. Als Myers endlich auf Laurie trifft, wird das ausladende Krankenhaus nicht zuletzt aufgrund ihrer körperlichen Angeschlagenheit zu einer klaustrophobischen Falle, bis das irrsinnig spannende, gut gemachte, brutale Finale eingeläutet wird, das in einem Inferno endet. All diese Krankenhausszenen sind besonders interessant: Blutige Action geht hier Hand in Hand mit langsameren Suspense-Szenen, der seinen späteren Wahnsinn bereits andeutende Nachdruck, mit dem Dr. Loomis auf Gesetze und Autoritäten einen feuchten Kehricht gebend seine Jagd auf Myers fortsetzt, gibt sich mit einer wunderbar unheilschwangere Ruhe, für die sogar der Score verklingt, die Klinke in die Hand. Daraus ergibt sich eine derart gelungene Kombination, dass sie einige weitere „Krankenhaus-Slasher“ offensichtlich inspirierte. Den ausschließlich an Suspense oder eben hauptsächlich an Gewalt und Blut interessierten Teilen des Publikums mag das weniger behagen, dem einen wird’s zu brutal, dem anderen zu ruhig zugehen; neben der Weiterführung der Halloween-Mythologie ist dies jedoch genau das, was meines Erachtens den Reiz dieses Films ausmacht.

Positiv hervorzuheben ist außerdem, dass Jamie Lee Curtis erneut die Laurie Strode verkörpert, wenngleich sie sich diesmal wesentlich stärker in der Opferrolle wiederfindet als zuvor. Donald Pleasence ist ein gewohnt großartiger, weil manischer, kauziger und kantiger, an die Grenzen seines Berufs geratener, opferbereiter Psychotherapeut Dr. Loomis, das bewährte Team aus Teil 1 ist demnach komplett. Angesichts seines Abwechslungsreichtums verläuft „Halloween II“ weit weniger linear als sein Vorgänger; doch auch, wenn er sich hin und wieder etwas in der Dramaturgie verzettelt, ist er doch eine erfreulich originelle, konsequente Fortführung der Ereignisse aus Carpenters „Halloween“ und mit Sicherheit einer der besten zweiten Teile im Bereich dieses Genres. Ein weiterer Film über das unsagbare, nicht erklärbare und schon gar nicht therapierbare Böse, das die Menschen immer wieder zu verstören vermag – ein so simples wie geniales Erfolgskonzept. Wenn mit Einsetzen des Abspanns „Mr. Sandman“ ertönt, das der Film einem frech und zynisch grinsend vor die Füße wirft, spürt man, wie die Anspannung nachlässt, bis man selbst mitlachen kann – denn zu lachen gab es vorher nicht viel, außer in deutschen Synchronisation, die sich einige ärgerliche Logikschnitzer in Bezug auf Zahlen leistete.

Für ein paar Jahre war anschließend Schluss mit „Halloween“ und Michael Myers. Für „Halloween III“ versuchte man sich an einem neuen Konzept. Erst 1988 bekam Michael Myers seine zweite Fortsetzung mit „Halloween 4“, dem letzten (und hierzulande unterbewerteten) der so richtig guten Filme der Reihe. Doch auch die danach folgenden Filme waren bzw. sind sehenswert, bis ausgerechnet Rick Rosenthal im Jahre 2002 „Halloween: Resurrection“ ärgerlich durchschnittliche Teenage-Horror-Ware fabrizierte. Die Mythologie um Samhain und Druiden indes fand eigentlich ihren befriedigenden Abschluss im Producer’s Cut des sechsten Teils „Halloween: The Curse of Michael Myers“, alle darauf folgenden Filme waren prinzipiell unnötig und brachten Mythologie sowie Chronologie der Reihe durcheinander.

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