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Als Burt Reynolds nicht nur der Kaspar sein wollte: Nach den Tagen als ausgekochtes Schlitzohr war auch mal der Einstieg ins ernstere Fach angedacht, der aber mit Werken wie „Die Anwältin“ nur teilweise gelang.
Die einprägsamste und daher auch am meisten zitierte Szene des Films ist der Auftakt, in der ein versuchter Selbstmörder beim Sprung von einer Brücke sich selbst in einem Seil verheddert und dabei die Leiche eines ermordeten kriminellen Elements findet. Irgendwie abstrus, aber auch irgendwie sehenswert, denn Derartiges gibt es sonst kaum in anderen Filmen zu sehen, zumal diese Stelle völlig isoliert steht, die Figur des Selbstmörders danach keine Bedeutung mehr besitzt.
Besonders beliebt war der tote Widerling nicht, doch ein Streit kurz vor seinem Tod mit dem Ex-Cop Joe Paris (Burt Reynolds) bringt eben diesen ziemlich in die Tinte, hat er doch für die Mordnacht kein Alibi. Als Anwältin steht ihm die aufstrebende Jenny Hudson (Theresa Russell) zur Seite und da hätte man dann schon den gewohnten Clash zweier Lebensstile: Die Karrierefrau mit dem Yuppie-Boyfriend daheim, auf der anderen Seite der versoffene, abgewrackte Ex-Cop mit Hang zu Prügeleien – Reibereien zwischen den beiden sind an der Tagesordnung, mal mehr, mal weniger pointiert geschrieben, aber durchaus vergnüglich.

Tatsächlich können sich Joe und Jenny irgendwann zusammenraufen, doch gegen den Staatsanwalt James Nicks (Ned Beatty) zu bestehen ist nicht einfach. Also sucht man lieber nach dem wahren Täter…
Mit Michael Crichton war hier durchaus jemand mit Ahnung als Regisseur an Bord und auch die Besetzung liest sich nicht schlecht. Doch darf man hier keine Höchstleistungen erwarten: Theresa Russell gibt die Unterkühlte, die noch mal so richtig von Raubein Joe aufgewärmt werden muss, und das macht sie echt okay, während Burt Reynolds in der Rüpelrolle wesentlich mehr daheim ist und von daher meist in den gemeinsamen Szenen dominiert. Ned Beatty als emsiger Anwalt ist eine solide Bank, Ted McGinley als Schmierlappen-Yuppie darf als Comic Relief herhalten und es nebendarstellert ebenfalls solide, wenngleich nicht herausragend.
Der Film an sich hat also stereotyp, aber gut besetzte Darsteller vorzuweisen, doch irgendwie weiß das Script nicht so recht, wo es denn nun hin will, ob es Gerichtsfilm, Whodunit oder Krimikomödie sein will. Denn gelegentlich blitzt schon ein wenig Humor durch, gerade bei der Schilderung der Privatleben der Hauptfiguren, die sich natürlich selbstverfreilich ineinander vergucken – dass Jenny ihren Schnöselfreund absägt, das ist von seinem ersten Auftritt an ersichtlich. Leider ist die Schilderung des Privatlebens auf der einen Seite nicht überzeichnet genug, auf der anderen dann wiederum nicht realistisch genug, als dass der Film hier wirklich Boden gutmachen könnte.

Recht stark, aber zu isoliert hingegen sind die Gerichtsszenen, die alles bieten, was man sich von dem Genre wünscht: Mitreißende Plädoyers, das Widerlegen von Indizienbeweisen, Deals außerhalb des Gerichtssaals – jedoch sind das Schmankerl, die es immer wieder zwischendurch gibt, doch für einen durchgehende Spannungsbogen entfernt man sich zu oft von der Verhandlung zugunsten der Whodunit-Komponente.
Und die Wahrheitssuche ist gar nicht schlecht gemacht, es gibt eine Handvoll von Verdächtigen, von denen jeder ein Motiv hätte, denn die Feinde des Ermordeten sind zahlreich. Nie ist der Pool der potentiellen Mörder zu unübersichtlich, kein Motiv erscheint zu abwegig, doch dann will „Die Anwältin“ im letzten Drittel zuviel, baut eine komplizierte Lösung auf, in der gleich mehrere Figuren mit drin hängen, die gleichzeitig für den Zuschauer kaum abzusehen war, weshalb man sich nach emsigem Mitraten etwas betrogen fühlt. Ein wenig Action und Konfrontation im Finale sind dann Ehrensache, das ist auch ganz spannend gemacht, doch die Enttäuschung angesichts der Auflösung, die kann der Showdown nicht kaschieren.

Insofern ist „Die Anwältin“ durchaus unterhaltsam, so uneinheitlich der Stil auch sein mag, der zum einen diverse Konventionen wiederkaut, dabei jedoch verschiedene Bausteine so ungelenkt zusammensetzt, dass der Film wieder seine Brüche hat. Dank der versierten Regie Crichtons und vieler gelungener Passagen durchaus unterhaltsam, nur insgesamt eben nicht ganz stimmig und am Ende leider etwas zu konstruiert.

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