Schon in den späten Folgen der Sitcom „Chaos City“ bewies Charlie Sheen das er in der Lage ist eine Serie als Hauptdarsteller zu tragen, mit Witz, Charme und schauspielerischem Können. Ein knappes Jahr nach dem Ende der Show bekam der alte Charlie dann seine eigene Show – und die ist ein echter Glücksfall für die nur noch rar mit Oasen bestückte Wüste moderner Sitcoms.
Das Konzept von „Two and a Half Man“ ist ebenso einfach wie effektiv: Charlie Sheen spielt Charlie Harper nicht nur, sondern legt ungemein viel von seinem eigenen Charakter in die Figur und macht sie somit zu seiner persönlichsten Rolle. Mit großer Lässigkeit und gewinnendem Charme bringt er den erfolgsverwöhnten Lebemann rüber und lässt ihn mit all seiner Gedankenlosigkeit und Dekadenz absolut sympathisch wirken. Genauso gut wie Sheen geht aber auch der restliche Cast auf, angefangen bei Charlies Bruder, dem schüchternen Allan. Jon Cryer schafft es ein verklemmtes und schwer neurotisches Gegenstück zu bilden zu Charlies Unbekümmertheit und die Chemie zwischen den beiden stimmt einfach haargenau. Die Diskrepanzen zwischen den beiden führen in jeder Folge zu köstlicher Situationskomik und herrlichem Wortwitz. Gegenstand der Konflikte ist oftmals Allans pubertierender, übergewichtiger und bereits ziemlich zynischer Sohn Jake (Angus T. Jones). Der ist ein Paradebeispiel für einen abgestumpften und faulen Teenager, obwohl er noch am Anfang der Pubertät steht. Sein trockener Witz ist grandios und der Kleine ist ein klarer Sympathieträger. Weiterhin sind zu erwähnen: Die zynische Haushälterin Berta (Conchata Ferrell), Charlies Stalkerin Rose (Melanie Lynskey) und natürlich die unausstehliche Mutter der beiden Hauptcharaktere.
Anders als andere Serien ist „Two and a Half Man“ nicht auf ein junges Publikum zugeschnitten und so bleibt Jake nur der dritte Hauptdarsteller und wird nicht zur zentralen Figur. Anders als zum Beispiel in „Alle lieben Raymond“ spielt der Sohn (bzw. die Kinder in „Raymond“) aber keine untergeordnete Rolle sondern ist stets wichtiger Protagonist in der Handlung. Ein wichtiger Aspekt für das Funktionieren der Sitcom ist der offene Umgang mit dem unerreichbaren Lebensstil der Hauptpersonen. Mehrfach wird von Charlie selbst der verantwortungslose Umgang mit Geld geradezu zelebriert und sarkastisch überstilisiert. Sein Leben besteht durchweg aus Vergnügen, Liebesabenteuern und Luxus. Anders als der Wohlstand in älteren Sitcoms (wie zum Beispiel „Prinz von Bel-Air) musste dieser nicht hart erkämpft werden, im Gegenteil: Er wird locker finanziert durch anspruchslose Arbeit. Somit fehlt „Two and a Half Man“ glücklicherweise die moralisierende und leicht heuchlerische Attitüde der alten Sitcoms.
Inszeniert wurden die meisten Episoden von routinierten TV-Regisseuren wie Gary Halvorson („Friends“, „Roseanne“), Rob Schiller („King of Queens“, „Ellen“) oder Andy Ackerman („Cheers“, „Becker“, „Frasier“). Die reichhaltige Erfahrung der gesamten Crew ist nicht nur spürbar, sie ist geradezu omnipräsent und so stimmt wirklich alles: Das Timing der Witze ist stets perfekt und findet schon nach wenigen Folgen einen eigenen Stil. Die originellen Drehbücher warten mit gut geschriebenen Dialogen auf und bieten etliche geniale Pointen und Story-Wendungen. Innerhalb der ersten vier Staffeln (auf die sich dieses Review bezieht) machen sich keinerlei Abnutzungserscheinungen bemerkbar, was ebenfalls zu einem großen Teil den starken Büchern zu verdanken ist. Emotionale Momente finden sich fast überhaupt keine da die Dysfunktionalität der Familie und die dazugehörigen Traumata von Charlie und Allan sehr sarkastisch und zynisch abgehandelt werden. Wirkte die seltsame Personenkonstellation in den ersten Folgen noch etwas gewöhnungsbedürftig, so gewinnen die zwischenmenschlichen Beziehungen immer mehr an Glaubwürdigkeit. Und das trotz einiger wirklich haarsträubender Details (zum Beispiel in Bezug auf Rose oder Charlies/Allans Mutter) und ein paar überflüssigen Übertreibungen.
Wie in jeder guten Sitcom gibt es auch in „Two and a Half Man“ einige illustre Gäste zu bestaunen, in teilweise wirklich abgefahrenen Nebenrollen. Denise Richards, Steven Tyler, Martin Sheen und Jenna Elfman sind nur einige Beispiele für die prominente Unterstützung der Serie. Nötig gehabt hätte sie es aber nicht, denn schon die gar nicht unbedingt so jugendfreien Zweideutigkeiten sind bereits die halbe Miete wert. Mit klassischen Mitteln erzeugen die Macher und Darsteller ein ganz neues Sitcom-Gefühl und schlagen die meisten ihrer Vorgänger bereits nach wenigen Staffeln um Längen. Die Haltbarkeit der Sitcom ist als hoch einzuschätzen, auch wenn eine durchgängige Storyline fehlt. Das ist für eine Sitcom zwar nicht ungewöhnlich, doch selbst etappenhafte Veränderungen hat es bisher noch nicht gegeben. Dadurch fällt der Einstieg außerordentlich leicht, im Prinzip kann ein neuer Zuschauer bei jeder beliebigen Episode dazu kommen und hat keinerlei Verständnisprobleme. Zusätzlicher Hingucker sind die stetig wechselnden Frauen mit denen Charlie (gelegentlich auch Allan) Affären hat.
Schon der Vorspann hat Stil, ist nicht zu lang und passt einfach zur Serie, Charlies Klamotten und natürlich die schicken Kulissen können sich sehen lassen. Der Großteil der Handlung spielt in Charlies teuren Haus oder in teuren Restaurants und anderen extravaganten Orten. Kamera und Schnitt sind aber minimalistisch gehalten und anders als bei „Malcolm“ oder „Scrubs“ verzichtet man auf jegliche technische Spielereien oder Effekte – nicht aber auf das typisch amerikanische Sitcom-Lachen aus dem Hintergrund. Durch hochwertige Sitcoms wie „Eine schrecklich nette Familie“, „Roseanne“ oder auch „Cheers“ habe ich aber selbst dieses künstliche Stilmittel lieben gelernt und bin froh das es nicht ganz ausstirbt (obwohl ich natürlich für die Innovationen der oben genannten Serien dankbar bin).
In Deutschland lief die Serie zunächst unter dem deutschen Titel „Mein cooler Onkel Charlie“, wird aber seit einiger Zeit auch hier nur noch unter dem Originaltitel ausgestrahlt. Insgesamt gefällt mir fast jede Episode und der Unterhaltungswert ist extrem hoch. Eine gewisse Sympathie für Charlie Sheen ist allerdings Voraussetzung denn mit ihm steht und fällt diese Sitcom.
Fazit: Eine der besten der modernen Sitcoms, mögen noch viele Staffeln folgen. Selbst in der deutschen Synchronisation ein Fest, beinahe jede Episode hält den hohen Standard aufrecht und nach einer gewöhnungsbedürftigen ersten Staffel geht’s richtig los. Zu Recht ein großer Erfolg in den USA, vielleicht kommt auch in Deutschland der Serie der verdiente Respekt zu. Zeit wird’s für eine komplette Veröffentlichung auf DVD…
08 / 10