Kawalerowiczs Historiendrama "Matka Joanna od aniolow" (1961) über den Schauprozess in Loudun während der 1630er Jahre stieß seinerzeit auf regen Widerstand der katholischen Kirche, löste einen kleinen Skandal aus und ging - so wird gemunkelt - vor allem wegen dieses Skandals mit weniger Preisen als verdient aus manchen Festivals hervor... und lief in vielen Ländern - darunter Deutschland! - erst mit mehrjähriger Verspätung an. Die Kirche mochte es nicht, wenn man ihr auf die Füße trat: und sei es auch bloß mit einem ambitionierten, seriösen Drama über wahre Begebenheiten. Auch Rivettes Diderot-Verfilmung "Suzanne Simonin, la Religieuse de Denis Diderot" (1966) löste ihrerzeit einen ungeheuerlichen Skandal in Frankreich aus und blieb daher gleich für über ein Jahr verboten, um im Anschluss einen veritablen Skandalerfolg abzugeben.
Es war dieser Skandalerfolg, der etwas ins Rollen brachte: Luchino Viscontis Neffe Eriprando lieferte kurz darauf "La monaca di Monza" (1969) ab; eine weitere Verfilmung des historischen Skandals um Schwester Virginia Maria(nna de Leyva y Marino), die Nonne von Monza, der bereits für "La monaca di Monza" (1947), Gallones "La monaca di Monza" (1962) und die Totò-Komödie "Il monaco di Monza" (1962) Pate gestanden hatte und noch mehrfach als Inspirationsquelle für italienische Filmemacher dienen sollte. Das mit Anne Heywood - die als Lesbe in "The Fox" (1967) einen Popularitätsschub erlebte und hier als zweite Wahl nach Sophia Loren vor die Kamera trat - und Hardy Krüger prominent besetzte Kostümdrama betonte im Gegensatz zu den früheren Verfilmungen des Falles, zu Rivettes Skandalfilm oder den anderen, harmlosen Nonnen-Melodramen à la John Huston ("Heaven knows, Mr. Allison" (1957)) oder Fred Zinnemann ("The Nun's Story" (1959)) verstärkt das Liebesleben der Nonnen, lieferte Streicheleinheiten, blanke Brüste und einige sadoerotische Folterungen an nackten Nonnen, um damit einer ganz eigenen Exploitation-Sparte den Weg zu bahnen. Zwar mutet Viscontis "La monaca di Monza" heutzutage relativ zahm & dezent an, setzt seine Sadismen & Erotizismen bloß spärlich ein, ging für damalige Verhältnisse allerdings bereits an die Grenzen des guten Geschmacks, was die Darstellung von Nacktheit & erotisierter Gewalt im seriösen Mainstreamfilm betraf. Katholischer Filmdienst & evangelischer Film-Beobachter waren hierzulande zwar wenig angetan von diesem Kostümfilm spekulativer Ausrichtung, der mit seiner nicht sonderlich komplexen Kirchenkritik wenig Neues zu erzählen hatte, für einen nennenswerten Skandal reichte es aber weder hierzulande, noch anderswo: Es war ein bisschen so, als hätte der Rummel um den Rivette-Skandalfilm gemeinsam mit dem allmählichen Siegeszug von Freizügigkeit & Sadoerotik dazu geführt, dass man etwas gelassener Anstoß nahm.
Zeit für Ken Russell, Englands skandalträchtigsten Regie-Exzentriker, eine neue Filmversion des Loudon-Skandals auf das Publikum loszulassen: "The Devils" (1971) nach Aldous Huxleys "The Devils of Loudun" (1952). Das ambitionierte, inszenatorisch & handwerklich herausragende und brillant gespielte satirische Historiendrama löste mit seiner Obszönität, seiner Brutalität und seinen Blasphemien, die in der Vergewaltigung Christi mündeten, einen enormen Skandal aus... Was zuviel war, war zuviel: Die Kirche lief Sturm, der Film wurde zensiert und ist noch heute nicht ohne weiteres in seiner ursprünglichen Form zugänglich - was angesichts von Ken Russells Größe ein Skandal ist! - und der Festivalleiter der Internationalen Filmfestspiele Venedig, wo "The Devils" zu sehen war, sah sich plötzlich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.
Das Interesse an Russells Skandalfilm war dementsprechend groß und eine wahre Welle antiklerikaler, blasphemischer, pornografischer und sadistischer Nonnenfilme setzte ein: Meist pure Exploitation, mit der Produzenten die Popularität dieser neuartigen Exploitation-Sparte, die alsbald nunsploitation getauft worden war, ausnutzen wollten; häufig mit dem Deckmäntelchen ambitionierter, seriöser Kirchenkritik verhüllt - und zum Großteil darauf bedacht, die Messlatte in Sachen Erotik oder Sadismus besonders hoch zu legen: Nonnentrachten als Fetisch, sündige & lüsterne Nonnen als verbotener Reiz, gequälte Nonnen als vornehmlich männliche Allmachtsphantasie, genüssliche Kirchenkritik als Triumph eines sündigen Publikums, das sich hiermit bestätigt sieht, dass es auf die Verunglimpfung solcher Filme durch die Kirchenvertreter nichts geben muss.[1]
Auffällig ist dabei, dass gerade die katholischen Länder die ungeheuerlichsten & die meisten dieser Filme(macher) hervorbrachten: Italiens Exploitation-Filmer liefern die Mehrzahl dieser Nonnenfilme ab, während der Vatikan ausgerechnet in zwei (Exil-)Spaniern seine schlimmsten Feinde erblickte, nämlich in Jess Franco und Luis Buñuel, die beide an Filmen über sündige Nonnen (bzw. Mönche) arbeiteten: Buñuel, der schon in den 50er & 60er Jahren an einer Verfilmung von M. G. Lewis' berüchtigter gothic novel "The Monk" (1796) arbeitete - in welcher satanische Weiber in Mönchkutten verführerisch wirken, in welcher ein lüsterner Mönch schändet & mordet, in der eine blutige Nonne ihr Unwesen treibt! -, ließ Ado Kyrou nach seinem Drehbuch "Le moine" (1972) drehen, Franco inszenierte am Rande des Subgenres "Les démons" (1973), "Les Chatouilleuses" (1975), "Die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne" (1977) - oberflächlich inspiriert von den "Les Lettres portugaises" (1669)! - und "Sinfonía erótica" (1980); auch sündige, gar mörderische Priester gab es zudem bei beiden Filmemachern zu bewundern ("Le charme discret de la bourgeoisie" (1972), "Le fantôme de la liberté" (1974), "Exorcisme" (1974), "El sádico de Notre-Dame" (1979)).
In Mexiko, wo Buñuel in den 40er, 50er und frühen 60er Jahren rund 20 Filme drehte, hinterließ die Inszenierung von "Le moine" durch den Surrealismus-Experten Kyrou nach einem Drehbuch Buñuels, der längst wieder in Frankreich lebte & arbeitete, Eindruck in der Exploitation-Szene, zumal die blasphemischen Klosterstoffe ohnehin gerade boomten...
Der angehende Produzent Jorge Barragán schrieb - von Buñuels & Kyrous "Le moine" inspiriert, aber auch vor dem Hintergrund der Popularität des "The Devils"-Skandals - die grob umrissene Geschichte einer teuflisch besessenen Nonne nieder und ließ seinen Freund Adolfo Martínez Solares daraus ein richtiges Drehbuch basteln. Solares sagte zu, bat aber darum, dass sein - bis heute ungleich populärerer - Vater Gilberto Martínez Solares die Regie übernehmen würde; so kam es dann auch, wobei Solares sr. schließlich ebenfalls am Drehbuch mitarbeitete und im Gegensatz zu seinem Sohn auch im Vorspann als Autor Erwähnung fand.
Der hauptsächlich auf Komödien, Dramen und Musicals, später auch auf Action- & Abenteuerfilme eingeschossene Vielfilmer hatte bereits mit den eher schundigen Streifen "Face of the Screaming Werewolf" (1964), "Blue Demon contra las invasoras" (1968), "Santo el enmascarado de plata y Blue Demon contra los monstruos" (1969), "El mundo del los muertos" (1970) oder "Chanoc contra el tigre y el vampiro" (1972) im Sektor des phantastischen Films gearbeitet. "'Satanico Pandemonium' (La Sexorcista)" kann seine Herkunft aus der Exploitation-Ecke zwar nicht leugnen, mutet aber dennoch ambitionierter an, als es bei den phantastischen Superhelden- & Ringer-Filmen des Regisseurs der Fall ist.
Herausgekommen ist der einzige mexikanische nunsploitation-Film der 70er Jahre neben Moctezumas "Alucarda, la hija de las tinieblas" (1977) - und zugleich einer der besten (weil ruchlosesten) Beiträge, die das Subgenre nach Russells Autorenfilm überhaupt hervorgebracht hat. Zu den Höhepunkten dieses Subgenres zählt zum einen Mingozzis "Flavia, la monaca musulmana" (1974), zum anderen Moctezumas "Alucarda, la hija de las tinieblas".[2] "'Satanico Pandemonium' (La Sexorcista)" komplettiert dann das Subgenre-Dreigestirn als bis dahin radikalster, blasphemischster und dreistester Film, der den Katholizismus kübelweise mit Scheiße überhäuft[3] - was dieser immer dann verdient, wenn er sich hinter bloß heuchlerisch vorgeschobener Fassade christlicher Nächstenliebe höchst unchristlich um seine eigenen Interessen kümmert...
In Mexiko, wo sich seit den spanischen Missionaren der Kolonialzeit der Katholizismus rasant ausgebreitet hatte, bis weit über 80% der Bevölkerung katholisch waren, hatte die katholische Kirche im Gegensatz zu Italien und Spanien einen weniger guten Stand: Im 19. Jahrhundert begann sich die Einheit von Staat und Kirche aufzuspalten; die Kirche des größtenteils katholischen Landes sah sich zunehmend antiklerikalen Attacken der Politik ausgesetzt, was sich während der Revolution in den 1920er Jahren noch verstärkte und im Bürgerkrieg der katholischen Cristeros gipfelte. In den 30er Jahren wurden diese Spannungen mit einem Kompromiss beseitigt, der die Kirche allerdings dazu nötigte, sich aus politischen Fragen herauszuhalten - was die Kirche dann auch lange Zeit weitgehend tat, ehe Johannes Paul II. 1979 während seines Mexiko-Besuches dazu aufrief, sich stärker politisch zu engagieren. Das war vor 1979 tendenziell alles etwas anders: Als sich im Oktober 1968 kurz vor den Olympischen Spielen das Massaker von Tlatelolco ereignete, bei dem eine halbe Stunde lang vom Batallón Olimpia - bestehend aus Militär, Geheimdienst und Präsidentengarde! - unentwegt in die Menge tausender friedlicher Demonstranten hineingefeuert worden war und bei dem letztlich mehrere hundert Menschen starben (und mehrere tausend Menschen verhaftet & misshandelt worden waren und teilweise auch spurlos verschwanden), um Tage später ungestört eine Olympiade des Friendens getaufte Olympiade feiern zu können, kamen Reaktionen der Kirche bloß in Form individueller Stellungnahmen einzelner, mutiger Kleriker; die Kirche an sich enthielt sich jeglichen offiziellen Kommentars. Schlimmer noch: Sie öffnete nicht einmal die Kirchenpforte, als die Flüchtenden während des Massakers an ebendiese hämmerten. Es war sicher die schwerwiegendste Unterlassung der katholischen Kirche in Mexiko, die zwar seinerzeit wahrlich keinen Skandal darstellte, aber immerhin dem kritischen Blick ein eher unglaubwürdiges Bild christlicher Nächstenliebe lieferte...
Solares sr. und Solares jr. - beide katholisch und nach eigener Aussage durchaus gläubig - entwerfen nun wahrlich keine wirklichkeitsnahe Kritik an der katholischen Kirche und ihren unchristlichen Kompromissen, denen sie aus reinem Eigennutz & Selbstschutz nachging; aber sie liefern - von Russell- & Buñuel inspiriert, derweil die italienischen Vertreter eher weniger Einfluss gehabt haben dürften - ein durch & durch unverschämtes Bild des Klerus ab, das sich die katholische Kirche in Mexiko (als Institution, nicht als Summe all ihrer Mitglieder) redlich verdient hat... ob und inwieweit sich Solares sr. & Solares jr. der Verfehlungen der Kirche bewusst waren und diese zum Anlass für ihren Film nahmen, ist kaum noch in Erfahrung zu bringen; man sollte die Ambitionen dieses Exploitation-Klassikers nicht überbewerten - zumindest war es der verdiente Film zur rechten Zeit am rechten Ort.
"'Satanico Pandemonium' (La Sexorcista)" beginnt [Achtung: Spoiler!] während seines Vorspanns mit verschwommenen, gemalten Eindrücken, die wie auf spiegelnder Wasseroberfläche und hinter vorbeiwehenden Rauchschwaden undeutlich bleiben: Wie kann man wiedererkennen, was da undeutlich umherwabert? Zum Wiedererkennen überhaupt wird oft & gerne angeführt, dass das Pandemonium-Modell des Informatikers Oliver Selfridge bzw. das spätere Pandemonium-Modell des Philosophen & Kognitionswissenschaftlers Daniel Dennett im Prozess der Mustererkennung eine Vielzahl unbewusster mentaler Inhalte der bewussten Sicht vorausgehen sieht. "'Satanico Pandemonium' (La Sexorcista)" spielt sich gewissermaßen in einem satanischen Pandemonium der unbewussten Inhalte ab; es sind aber freilich nicht visuelle oder sprachliche Muster, sondern insgeheime Begierden & Ängste, die hier das Gewimmel unbewusster Inhalte veranlassen.
Bevor gegen Ende nämlich enthüllt wird, dass einiges, vieles oder alles dem Fieberwahn einer sterbenden Ordensschwester entsprungen sein könnte, taucht "'Satanico Pandemonium' (La Sexorcista)" voll & ganz in diesen mutmaßlichen Fieberwahn, dessen vermeintlichen Geschehnisse ihrerseits von mutmaßlichen oder tatsächlichen Einbildungen durchzogen werden, ein: nichts von alledem muss real sein, nichts muss bloß imaginiert sein. Das Ende, mit dem man die blasphemischen & antiklerikalen Inhalte des Films für die Zensur abzumildern gedachte, erweist sich dabei als eigentlich Stärke, weil es gerade nicht - ganz katholisch - teuflisches Treiben als Ursache des ganzen Spuks ausmacht, sondern - ganz psychologisch - das Innenleben einer Nonne zum möglichen Quell der Perversionen werden lässt. (Das hat der Film Francos ähnlich blasphemischen & geschmacklosen "Die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne" voraus.) Das Pandemonium des Titels lässt offen, ob es als satanisches Sammelbecken böser Geister äußere Geister oder aber die Dämonen des eigenen Innenlebens umfasst, ob reale Eindrücke verarbeitet werden oder doch bloß innere Bedürfnisse...
Die scheinbar irgendwann um 1700 angesiedelte Handlung setzt ein, als Schwester Maria - und schon diese Namenswahl besitzt etwas sehr blasphemisches! - im Freien, inmitten blühender Blüten und piepender Spatzen bunte Blumen pflückt: bis ihr plötzlich der mysteriöse Luzbel mit freiem Oberkörper über den Weg läuft. Maria flieht entsetzt - sei es, weil sie das plötzliche Auftauchen überrascht hat, sei es, weil Luzbel seinen attraktiven, maskulinen Oberkörper etwas zu verführerisch ausstellt. Mit einer Träne im Auge betet sie nach gelungener Flucht an einem Kreuz am Wegesrand. Der Hirtenjunge Marcello, der mit einem Lamm auf dem Arm ihren Weg kreuzt, lenkt Maria von dem vorherigen Schrecken ab. Aber Luzbel besucht - diesmal im Schafspelz! - beide inmitten der Schafsherde und bietet Maria einen verlockenden Apfel an. Wieder flieht die Nonne, die eben noch fürsorglich eines der Lämmer gepflegt hat.
Im Kloster, wo eine strenge Vorsteherin permanent und höchst unchristlich zwei farbige Nonnen schikaniert, sieht die wesentlich eher der Nächstenliebe zugeneigte Maria weiterhin Luzbel hinter Fensterscheiben auftauchen und mit Äpfeln locken. Und wenn sie ihn nicht auftauchen sieht, erinnert sie sich zu ihrer großen Verstörung inmitten der Gebete an den nackten Mann. Zur Freude des Exploitation-Publikums geißelt sie sich in ihrer Nonnentracht - aber mit entblößtem Oberkörper - per Dornengürtel & Peitsche: Doch sie wird aus der Bestrafung ihrer sündigen Gedanken gerissen, als zwei Schwestern sie zu einer erkranten Kuh schicken, die Marias Pflege benötigt. Während sie im Stall nach getaner Pflicht einschläft, erscheint abermals Luzbel neben ihr: Es scheint ein Traum zu sein, dann jedoch findet Maria nach ihrem Erwachen einen angebissenen Apfel.
Zurück im Kloster erwartet sie eine Verlockung der ganz anderen Art: Eine Ordensschwester gesteht der sich wieder halbnackt geißelnden Maria ihre liebevolle Zuneigung, die kurz darauf in Fleischeslust umschlägt. Maria gibt ihre ohnehin bloß verhaltene Gegenwehr schnell auf, genießt zunächst verzweifelnd, dann aber immer erregter das lesbische Gefummel. In rauschhafter Befriedigung sieht sie Luzbel auf sich liegen, der ihr auch seine weiteren Namen verrät: Luzifer... Mephisto... Er lässt Maria tiefenentspannt zurück, bis sie von hallendem Gelächter aus ihrer Trance gerissen wird.
Am nächsten Tag begibt sich zum Knaben Marcello, den sie mit ihren entblößten Füßen & Waden zu verführen gedenkt. Als er nicht reagiert, beginnt sie damit, ihn zu küssen: Marcello flieht.
Beim gemeinsamen Abendessen erblickt Maria eine nicht vorhandene Schlange in ihrem Weinbecher. Mutter Oberin wird skeptisch, Maria reagiert nachhaltig verstört und entleibt sich beinahe in ihrer Zelle mit einen Schere - würde sie nicht Besuch von einer Nonne erhalten, die sich einen blauen Fleck von Maria behandeln lassen will. Maria lässt ihre Einreibungen in lesbische Annäherungen übergehen: Die Schwester reagiert widerwillig, Maria sticht sie mit ihrer Schere nieder; die Verwundete stürzt aus dem Zimmer. Kurz darauf begeht Maria ihre nächste Sünde: sie beobachtet den Suizidversuch einer farbigen Schwester, welche die harsche Behandlung der Oberin nicht mehr erträgt - und greift in das Geschehen ein, indem sie aus dem Suizidversuch kurzerhand einen Mord macht. Nach gelungener Untat schleicht sie sich in das Haus von Marcello und seiner Großmutter: Nackt legt sie sich ins Bett des Knaben, dem die Situation nicht geheuer ist. Als er sich wehrt, sticht Maria dutzendfach auf ihn ein. Als sie ihr Werk betrachtet, liegt aber nicht mehr der erstochene Marcello, sondern dessen erstochene Großmutter im Bett. Maria flieht panisch, brennt dabei das Haus nieder und sieht - in ihre Zelle zurückgekehrt - ihre mörderischen Hände dampfen (ganz so wie die Hände des Biests in Cocteaus "La belle et la bête" (1946)).
Den mittlerweile aufgebahrten Opfern muss sie später ein Medaillon entreißen, das während des Mordes von ihrem Hals gerissen worden war. Die Oberin beobachtet Maria dabei und nötigt sie zur Aussprache: Maria gesteht ihre teuflische Besessenheit - und als die Mutter Oberin für sie betet, stranguliert Maria die Frau mit einem Seil, das aus dem Nichts in ihren Händen auftaucht. Die Leiche beseitigt sie in den Grabkammern des Kellergewölbes...
Bei der Beerdigung von Marcello samt Großmutter rennt Maria erschrocken & reuig davon: Vor einer Marienerscheinung betet sie die vielleicht gescheitesten Drehbuchzeilen des Films runter: Der Herr möge sie in die Hölle verdammen, wenn sie stets nur aus Angst vor der Hölle zu ihm gebetet hätte; er möge sie erlösen, wenn sie um seiner selbst willen zu ihm gebetet habe. Wieder einmal erscheint der teuflische Verführer: Er stellt Maria in Aussicht, die Mutter Oberin des Klostes zu werden, wenn sie sich auf ihn einlasse. Maria verneint; anschließende Visionen ihrer peinlichen Befragung durch die Inquisition - brutale Szenen des Vebrühens, Zerschneidens und Blendens! - lassen sie allerdings umdenken...
Infolgedessen wandeln sich die mit brennenden Kreuzen bestückten Ordensschwestern, die Maria der Inquisition übergeben wollen, in - mit blumengeschmückten Kreuzen ausgestatte - Schwestern, die Maria zur neuen Mutter Oberin ernennen und sie wieder mit sich ins Kloster nehmen.
Dort feiern nackte & bekleidete, tanzende, musizierende Nonnen inmitten prall gefüllter Obstkörbe und dekorativ glitzernder & kreisender Kronleuchter. (Ken Russell lässt grüßen!) Maria ist verblüfft. Als sie auf Geheiß Luzifers ans Fenster tritt und dort die nunmehr hirtenlose Schafsherde umherstreunern sieht, scheint sie ihren Beschluss zu bereuen. Die übrigen Nonnen - darunter auch die von Marie ermordeten Schwestern - stechen gemeinsam auf Maria ein, die sich sterbend in ihre Zelle schleppt.
Vor ihrem Zimmer versammeln sich die wieder friedfertigen Nonnen - darunter erneut auch die scheinbar Verstorbenen - und beten für Maria, die nach sieben Tagen des Leidens endlich erlöst worden sei: Die Verstorbene liegt friedlich mit gefalteten Händen auf ihrem Bett. Happy End? Weiß der Teufel... Luzbel jedenfalls geht in der letzten Einstellung selbstbewusst auf die Kamera zu und beißt kraftvoll in einen Apfel.
Doppeldeutig, ja tripledeutig kommt "'Satanico Pandemonium' (La Sexorcista)" daher: Hat man nun die sowohl genussvollen, als auch plagenden Einbildungen einer leidenden, sterbenden Nonne gesehen oder doch ihr garstiges Treiben mit der Unterstützung und infolge der Verführung finsterer Mächte? Und waren im letzten Fall - der die ersten 85 von insgesamt 90 Minuten der einzig denkbare Fall zu sein scheint - vermeintliche Einbildungen nicht doch teuflischer Spuk (und mancher Spuk nicht doch Einbildung)?
Der Film legt sich nicht fest, und bietet widersprüchliche Lesarten an, deren rationalste sicherlich die ist, eine sterbenskranke Nonne im repressiven, lustfeindlichen Klima zwischen verlockender Sünde und hehren Idealen schwanken zu sehen. Und man bekommt dabei nicht nur eine Nonne geliefert, die sich durchaus von der Sünde in Versuchung geführt sieht - und die Fleischeslust zumindest der Regung nach durchaus kennt -, sondern auch die Fragestellung, ob man automatisch frei von Sünde sei, weil man das Böse aus bloßer Angst vor der Strafe nicht begehe. In ihrer vermeintlichen Imagination ist Maria, die sich aus Angst vor der Folter mit dem Leibhaftigen einlässt - wie der gefallene Mönch Ambrosio in Lewis' "The Monk" und Kyrous & Buñuels "Le moine"[4] -, so schuldig wie auch die farbige Nonne, die sich zur Sünde des Suizids getrieben sieht, weil sie die Strapazen der rassistischen Mutter Oberin nicht mehr erträgt. Das hat in Mexiko, wo sich die katholische Kirche aus gravierenden Menschenrechtsverletzungen heraushielt, um nicht den Kompromiss mit der Regierung zu gefährden, durchaus eine Aktualität besessen, die den europäischen nunsploitation-Streifen meist fremd war. Und die rassistische Mutter Oberin verweist auf die überwiegend unchristliche, selbstgerechte und überhebliche Arbeit der Missionare, die im Rahmen der gewaltsamen Kolonialisierung den Katholizismus (nicht nur) in Mexiko etabliert hatten... (Während heute also der Anschein entstehen könnte, dass "'Satanico Pandemonium' (La Sexorcista)" recht feige eine längst unschuldige Institution attackiert, die ohnehin die andere Wange hinhält, verhielt es sich damals durchaus noch etwas anders: Schuldig war die katholische Kirche als Institution allemal - und aus anderen Gründen ist sie das auch nach wie vor - und bei unliebsamen Filmen mit hohen Bekanntheitsgraden plärrte sie auch sehr wohl nach Zensur & Rücktritten...)
"'Satanico Pandemonium' (La Sexorcista)" ist gewiss geschmacklos, beleidigend und respektlos - ganz so, wie die Kirche es verdient hat -,[5] aber kein rundum blöder Film. Das Aktualität beschwörende Gebet Marias lässt das erahnen: und man kann sich danach auch sicher sein, dass der in sich unlogische Ausruf, Maria solle zum Herrn beten, dass dieser ihre Lästereien nicht gehört habe, welcher der rassistischen, überheblichen Mutter Oberin in den Mund gelegt wird, wohlüberlegt derartig formuliert & platziert worden ist.
Auf formaler Seite verfügt der mit kleinem Budget auskommende "'Satanico Pandemonium' (La Sexorcista)" über durchschaubare, aber effektive Splatterszenen, über eine vergleichsweise saubere Austattung, über hübsch-kitschige Kulissen während der idyllischen Szenen (die man mit ihren Lämmern, bunten Vögeln & Blumen, sattgrünen Weiden und frommen Marienerscheinungen & Nonnen auch als Parodie auf verkitschte Gruß- & Postkarten mit christlicher Symbolik begreifen kann), über naive Trickeffekte und eine meist einfach gehaltene, aber dabei ordentliche Kameraführung. Die Beleuchtung sorgt lediglich in den Nachtszenen mit dem blauen Mondlicht und den warmen, orange-farbenen Kerzenlichtern für atmosphärische Eindrücke, der Sountrack wurde simpel, aber wirkungsvoll zusammengezimmert und die Montage macht es sich einfach...
Das ist formal nicht unbedingt bestechend und wird von "Alucarda, la hija de las tinieblas", dem nunsploitation-Klassiker des künstlerisch versierteren Landsmanns Moctezuma, eindeutig geschlagen;[6] auch ist der Film nicht so explizit politisch wie Mingozzis ambitionierter "Flavia, la monaca musulmana". Aber als bis dahin heftigste, respektloseste Schmähung überzeugt dieser mexikanische Genreklassiker auf ganzer Linie.
Nicht bloß Jess Franco ließ sich für seine "Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne" hiervon inspirieren - auch Quentin Tarantino und Robert Rodriguez setzten diesem Exploitation-Klassiker ein Denkmal, als sie in "From Dusk Till Dawn" (1996) die von Salma Hayek verkörperte, erotische Vampirin Santanico Pandemonium tauften. Zwar ist nicht bekannt, ob Tarantino den zitierten Film 1996 auch schon gesehen hatte, aber angesichts des Umstandes, dass die blutdürstige Hure bei Tarantino/Rodriguez und die blutdürstige, lüsterne Nonne bei Solares sr./jr. gleichermaßen ihr erstes Opfer mit vollem Einsatz ihrer hübschen Füße zu verführen gedenken, spricht einiges dafür...[7]
An die seriösen Skandalfilme Kawalerowiczs, Rivettes und Russells kommt dieses mexikanische Genre-Kleinod ganz sicher nicht heran - aber unter den vielen nunsploitation-Klassikern der 70er Jahre ist er einer der besten... und nicht grundlos bis heute einer der berüchtigtsten.
7,5/10
1.) Lässt man die japanischen Beiträge einmal unberücksichtigt, wären bis 1975, dem Erscheinungsjahr von "'Satanico Pandemonium' (La Sexorcista)" - um welchen es hier ja hauptsächlich geht -, bereits acht Titel zu nennen: "Le moine" (1972), "Les démons" (1973), "Storia di una monaca di clausura" (1973), "Le Monache di Sant'Arcangelo" (1973), "Flavia, la monaca musulmana" (1974), "Le Scomunicate di San Valentino" (1974), "La badessa di Castro" (1974), "Les Chatouilleuses" (1975). Weit mehr Filme sollten - insbesondere in Italien - bis Mitte der 80er Jahre folgen...
2.) Also einmal der inhaltlich engagierteste Film und einmal der inszenatorisch furioseste Film: Mingozzis Film ist nämlich zu nennen, weil er nicht bloß dank talentierter, seriöser Mitarbeiter(innen) (Nicola Piovani, Ruggero Mastroianni, Florinda Bolkan) formal aus der Masse herausragt, sondern zugleich Mingozzis ernsthafte Beschäftigung mit dem Tarantismus (im Dokumentarfilm "La Taranta" (1962)) weiterführt und auf subversive Weise mit der sexuellen Revolution und den Emanzipationsbestrebungen, die Anfang/Mitte der 70er Jahre boomten, koppelt; seriöse, politische Kost also, formal und inszenatorisch überdurchschnittlich, an seinen exploitativen, spekulativen Szenen in seinem ernsten Anliegen allerdings ein wenig leidend... Und "Alucarda, la hija de las tinieblas" ist hingegen das unpolitische, nicht einmal antiklerikale und nur vereinzelt blasphemische Meisterwerk des Subgenres, das Le Fanus erotische Vampir-Erzählung "Carmilla" (1872) in die Form des nunsploitation-Films gießt: Inhaltlich aufgrund mangelnder Subversivität weniger interessant, ist es formal trotz begrenzter Mittel ein kleiner Höhepunkt des Subgenres und des mexikanischen Genrefilms, handelt es sich doch um beste mouvement panique-Tradition.
3.) Jess Francos "Die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne" wird diesem Film zwei Jahre darauf nacheifern: Auch hier gibt es satanische Nonnen, Kindesmissbrauch durch Kirchenvertreter, Folterungen der Inquisition, erotische Orgien und Homosexualität zu bestaunen; wo Solares allerdings ein frei flottierendes, titelgebendes Pandämonium abliefert, bleibt Franco dramaturgisch reichlich konventionell - was den Nebeneffekt hat, dass das tatsächlich teuflische Treiben bei Franco die antiklerikale Stoßrichtung leicht verwässert (insofern es die Bemühungen der von Irrtümern nicht gefeiten Inquisition grundsätzlich rechtfertigt), während das womöglich ausschließlich imaginierte, teuflische Treiben bei Solares in dieser Hinsicht unschädlich bleibt...
4.) Auch die Verführung der Hauptfigur durch das verkleidete Böse in schöner Frauengestalt wird hier aus diesen Vorbildern übernommen.
5.) Eine blasphemische 'Vergewaltigung Christi', also die Masturbation am Kruzifix, wie sie Ken Russell einst inszeniert hatte, fehlt hier allerdings als frevelhafter Höhepunkt dann doch. Die Sünde in Gegenwart von Kreuzen musste hier reichen: angesichts des Umstandes, dass die Szene aus "The Devils" bis heute in vielen Fassungen fehlt, mag diese Zurückhaltung im ansonsten arg respektlosen "'Satanico Pandemonium' (La Sexorcista)" entschuldbar sein. Allerdings bewies Friedkin zwei Jahre zuvor mit der Blatty-Verfilmung "The Exorcist" (1973), dass die Kruzifix-Masturbations-Nummer mittlerweile im Horrorfilm durchaus gezeigt werden konnte. Ganz bis zum Äußersten gingen Solares sr. & Solares jr. also nicht: dennoch gingen sie eindeutig weiter, als die vorherigen nunsploitation-Filme im kostengünstigen Exploitation-Sektor.
6.) Bloß Hauptdarstellerin Cecilia Pezet zieht sich hier weit eleganter aus der Affäre als Tina Romero bei Moctezuma... überhaupt hinterlässt sie einen glaubwürdigen Eindruck, der im Exploitation-Bereich so nicht unbedingt selbstverständlich ist.
7.) Wie sehr der Genre-Mix von Tarantino/Rodriguez auf das Exploitation-Kino der 70er Jahre rekurriert, zeigt nicht bloß die Besetzung mit Fred Williamson oder Tom Savini, sondern auch das dem Drehbuch vorangestellte Epigraph: "'I earnestly wish an end would come to this bloody race I am forced to run.' [] Countess [] in: 'La Comtesse Noire' [] by Jess Franco" (http://www.dailyscript.com/scripts/from_dusk_till_dawk.html).