Nach der Zusammenarbeit des berüchtigten italienischen Regisseurs Dario Argento mit George Romero für den Episodenhorrorfilm „Two Evil Eyes“ wurde „Aura – Trauma“ 1993 seine erste echte US-Produktion, wenn auch italienisch koproduziert, sowie sein erster Film mit Tochter Asia Argento in einer der Hauptrollen.
Komplett in den USA spielend, vermengen sich in „Aura – Trauma“ ein unverkennbar argentoesker Horror-Giallo und eine berührende Außenseiterromanze. Die Heranwachsende Aura (Asia Argento, „The Stendhal Syndrome“) ist an Bulimie erkrankt und möchte ihrem Leben ein Ende bereiten, wird aber vom in der tagesaktuellen Medienbranche tätigen David (Christopher Rydell, „Flesh and Bone“) gerettet. Der in der Stadt umtriebige Mörder, der seine Opfer mittels eines elektronischen Schneidedrahts enthauptet, knöpft sich eines Tages auch Auras Eltern vor, die daraufhin erst recht nicht mehr daran denkt, in die Klinik zurückzukehren, sondern mit Davids Hilfe den Mörder zu ermitteln.
Aus den in den vorigen Jahrzehnten erschaffenen Werken bekannte Giallo- und Argento-Charakteristika finden sich in „Aura – Trauma“ noch so einige: Neben dem erst am Ende enttarnten Mörder mit schwarzen Handschuhen wäre das der psychopathologische Hintergrund des Tatmotivs, der diesmal strenggenommen gar doppelt auftritt, denn auch Aura hat ihre psychischen Probleme. Auch Dopplungen kennt man ja aus Argentos Arbeiten, ebenso den Umstand, dass einer Person etwas Entscheidendes, das zur Auflösung beitragen könnte, ins Unterbewusstsein gerutscht ist und ihr lange Zeit partout nicht einfallen will. Darüber hinaus bekommt Argentos Publikum erneut eine kreative Kameraarbeit mit schönen, schnittlosen Fahrten geboten. Selbst eine gewisse Tiersymbolik fand wieder ihren Einzug, hier sind es Amphibien und Schmetterlinge. Somit sollte sich Argentos Stammpublikum trotz des Ortswechsels über den Atlantik gut zurechtfinden.
War es hingegen die Architektur, die in früheren Filmen Argentos sehr künstlerisch in Szene gesetzt wurde, muss dieser Aspekt hier deutlich zurückstecken zugunsten einer als Tristesse gezeichneten Kleinstadt, die in um Realismus bemühten Bildern eingefangen wird. Mit Asia Argento bekommen wir eine sehr junge Hauptdarstellerin, die unheimlich süß wirkt und nicht nur bei David, sondern auch beim männlichem Publikum Beschützerinstinkte wecken dürfte. Ihre Rolle als todessehnsüchtige, einen Großteil der Handlung über sedierte Teenagerin mit Essstörung (wobei anscheinend Magersucht mit Bulimie verwechselt wird, aber das nur am Rande), meistert sie mit Bravour. Zwischen ihr und David entwickelt sich die Liebesbeziehung zwei sehnsüchtiger, einsamer Menschen, die unter schlechten Vorzeichen steht, aber gerade deshalb etwas Besonderes ist und meine Empathie gewinnt. Das ist ungewöhnlich für einen Giallo und steht diesem hervorragend zu Gesicht. Die psychologischen Theorien um die Ursachen für Auras Probleme, mit denen Dario Argento, der auch das Drehbuch schrieb, einen eigenen innerfamiliären Fall von Essstörung verarbeitet, stehen in einem sensibel eingeflochtenen Zusammenhang mit dem Täter. Als weitere intelligente Nuance der Handlung gibt es Seitenhiebe auf den Umgang der Medien mit der mysteriösen Mordserie.
Die Rolle Davids wurde weniger als die eines toughen Einzelgängers konstruiert, als er vielmehr selbst ein problembehafteter junger Mann ist, der in einer Art „Wir beide gegen den Rest der Welt“-Mentalität in seiner Beziehung zu Aura einen Anlass und Sinn sieht, zu kämpfen. Dadurch hat er nicht viel mit den charismatischen männlichen Hauptrollen anderer Gialli zu tun, was gewöhnungsbedürftig, aber nicht minder interessant ist. Piper Laurie („Carrie“) als Auras diabolische, hexenhafte Mutter Adriana ist ein recht großer Name auf der Besetzungsliste, übertreibt es hier und da aber ein wenig mit dem Overacting. Als ebenso übertrieben mag man es empfinden, die mittels gelungener Tom-Savini-Effekten und für Argento überraschend unblutigen abgetrennten Köpfe teilweise noch sprechen und sogar schreien zu lassen, wirklich gestört haben mich diese Zutaten aber nicht, zumal auch andere Gialli Argentos gerne mal ein bisschen im Übersinnlichen fischten. Letztendlich handelt es sich eben zweifelsohne um einen Horror-Giallo, der in vielen Einstellungen – nicht zuletzt im kruden Finale – auf derartige Genrekonventionen setzt.
Was mich wirklich in diesem von mir ansonsten als angenehm stimmig, spannend und atmosphärisch empfundenen Film gestört hat, ist der stellenweise wirklich extrem unpassende Soundtrack Pino Donaggios, der die Wirkung so mancher Szene ernsthaft gefährdet. Das ist sehr ärgerlich, aber anscheinend Querelen zwischen Produktion und Regie geschuldet. Am überwiegend positiven Gesamteindruck dieses Neo-Giallos, dessen Verzahnung abseitiger Romantik mit psychologisch motivierten Morden in Horroratmosphäre mir ausgesprochen gut gefallen hat, ändert das aber kaum etwas. Allen Unkenrufen zum Trotz wurde ich positiv überrascht, nicht zuletzt von Asia Argento in ihrer von den von mir gesehenen bisher besten Rolle.