Wenn europäische Filmemacher den Weg über den großen Teich ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten wagen, um dort Filme für das amerikanische Volk mit amerikanischen Geld zu produzieren, dann endet das nie mit Meisterwerken. Denn so lukrativ und glitzernd die amerikanische Filmwelt samt Hollywood meist erscheint - es ist ein Land, in dem sich der Regisseur sehr den Sehgewohnheiten der Geldgeber, Kritiker und Zuschauer anpassen muss. Und so scheitern die amerikanischen Gehversuche vieler europäischer Regisseure meist bereits am Kunstanspruch, später dann auch an der Kinokasse. Selbiges widerfuhr Dario Argento, der seit seinem '87er "Opera" keinen abendfüllenden Spielfilm mehr inszenierte. 1993 ging er in die USA, um "Trauma" zu drehen.
Argento wurde bekannt durch seine opulenten Horrorfilme und seine perfekt ausgeklügelten Gialli. Für die Vereinigten Staaten mischte Argento seine bisherigen Giallo-Erfahrungen mit dem klassischen Erzählkino des Mysterygenres. Einerseits geht es bei "Trauma" um einen brutalen Mörder, der seine Opfer bei Regen enthauptet, andererseits ist es ein Krimistück mit Puzzle-Attitüde, in der ein Hobbydetektivpärchen das schafft, was die zu simpel denkende Polizei versäumt. Unsere Helden sind gebrochen und schwierig: Aura Peterescu (Argentos Tochter Asia) ist die magersüchtige, labile Tochter zweier Opfer des "Kopfjägers", wie die Presse den Serienkiller betitelte. Zufällig lernt sie den Grafiker und ehemaligen Drogensüchtigen David Parsons (Chris Rydell) kennen, der ihr Unterschlupf und Liebe bietet, und im Handumdrehen nicht nur das Rätsel um den Mord an ihren Erziehungsberechtigten lösen will, sondern sie auch noch von ihrer Bulimie befreien möchte.
Die Story ist mau. Die Auflösung ist typisch für Argento, und der Weg dorthin uninteressant und ärgerlich. David und Aura haben kaum Schwierigkeiten hinter einen unmenschlichen Ärzteskandal zu kommen, während die ermittelnden Cops (unter anderem der schrecklich overactende James Russo) auf jede noch so falsche Fährte hineinfallen. Unterbrochen wird die stringente Krimihandlung durch kurze Szenen, die in dem Nachbarshaus des unbekannten Mörders beginnen. Hier entwickelt ein Spitzbube (Cory Garvin) Interesse für das eigenartige Getier, das sich im Nebenhaus befindet. In den Szenen, in denen der kleine Junge direkt in das Haus des brutalen Killers einbricht, um mit seinen Mordwerkzeugen herumzuhantieren und ein Haustier zu stibitzen, haben wir einige der seltenen Momente echter Spannung und Suspense. Das kindliche Entdecken des Grauens just nebenan ist erschreckender und spannender als die zähen Ermittlungen der beiden Hauptdarsteller.
Argentos Stil in "Trauma" ist ein anderer, als noch der in Filmen wie "Suspiria" oder "Opera". Die architektonische Brillanz, die man in "Suspiria" oder auch "Rosso - Die Farbe des Todes" bewundern konnte, fehlt in dem eher langweiligen Minneapolis gänzlich. Argento spielt immer noch ab und an mit Farben und setzt Steadycams mit Fischaugen-Objektiven ein, um einen POV-Flug eines Schmetterlings zu realisieren - in dem Kontext des sonst eher statischen "Trauma" wirken jene Szenen eher eingequetscht und gezwungen. Dennoch mögen wenigstens die satte Beleuchtung in dem breiten Cinemascope-Film gefallen.
Für die Musik sorgt diesmal Pino Donaggio, der einen sehr klassischen Score entwarf, und somit etwas ungewöhnliches in Bezug auf Argentos bisherigen Schaffen wagte: Waren Argentos Filme in der Vergangenheit durch Pop-lastige, experimentelle Scores von Claudio Simonetti oder Keith Emerson veredelt worden, mutet Donaggios Filmmusik ungewöhnlich unspektakulär und langweilig an. Trotzdem ist der Score, ähnlich wie die Goblin-Klänge in frühreren Argento-Filmen, penetrant in den Vordergrund abgemischt worden, so dass der leise Soundtrack Donaggios nach nur kürzester Zeit stört. Ähnlich ungewöhnlich ist auch Tom Savinis Zurückhaltung beim Blutgehalt der Spezialeffekte. In nur wenigen Mordszenen zeigt uns Argento plastische Gewalt, und wenn, dann nimmt er ihm durch ironische Übertreibung - die separierten Köpfe machen Grimassen oder schreien - den Schrecken.
Argentos Auseinandersetzung mit Magersucht und Todessehnsucht mag eine persönliche Odyssee für den Regisseur zu sein. Gerüchten zufolge basiert die Figur der Aura auf einer älteren Tochter Argentos, die er von einer früheren Ehe hatte. Anna Argento soll an den Folgen ihrer Magersucht kurz nach Erscheinen "Trauma"s gestorben sein.
Argentos erster amerikanischer Film ist wie erwartet nicht so stark und nicht so einfallsreich wie gewohnt. "Trauma" ist sicherlich kein schlechter Film, dennoch nimmt der Mischmasch aus italienischem Giallo und amerikanischem Ambiente dem Film jegliche Funktionalität. "Trauma" ist nicht spannend oder psychologisch von großem Interesse, sondern mag nur wegen wenigen lichten Momenten und durchweg soliden Filmemachens seine Zuschauer gutmütig stimmen. Weder neueinsteigende Mainstreamer, noch Argento-Vollblut-Fans, werden dem Film hundertprozentig etwas abgewinnen können, und so ist auch dieser europäisch-amerikanische Kompromiss gescheitert.