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Es ist unumstritten, dass sich der literarische Ruhm wohl selten so sehr anhand eines einzigen Werkes festmachen ließ wie im Falle des Schriftstellers Daniel Defoe. Sein Buch über den Schiffbrüchigen Robinson Crusoe machte ihn über kurze Zeit weltberühmt und hat hunderte Jahre später auch in unzähligen Versionen Eingang in die Filmgeschichte gefunden. Schon in der Stummfilmzeit gab es die ersten Kurzfilme über Robinsons Abenteuer. In den folgenden Jahrzehnten orientierten sich die Werke entweder eng an der Buchvorlage, wie der bekannte ZDF-Vierteiler aus den 60ern, oder aber interpretierten den Stoff etwas freier wie im Film „Crusoe" (1988), indem die Rolle des Wilden auf der Insel als eher gleichberechtigt geschildert wird. Oder man machte es wie Sergio Corbucci, der 1976 mit „Robinson Jr." eine schrille Klamotte drehte und manch Crusoe-Fan arg vor den Kopf stieß.

Bei dieser neueren französischen Adaption war ich etwas voreingenommen bezüglich der Besetzung der Hauptrolle. Pierre Richard ist ja hierzulande kein unbekannter Schauspieler. Mit ihm verbindet man normalerweise lustige Rollen. Doch wie schlägt er sich abseits seines komödiantischen Fachs? Bloß gut, dass er sein Äußeres bereits vor seiner Robinsonade so sehr verändert hat, dass man nicht unbedingt an den großen Blonden oder Alfred, den Unglücksraben erinnert wurde. Denn Crusoe hat eine gar üppige Haarpracht, Vollbart inklusive. Reicht das, um den lustigen Teil von Richard zu verdrängen? Nun, nicht ganz, doch hat diese Verfilmung neben einigen Schwächen auch gute Momente vorzuweisen.

Bei der Laufzeit von über drei Stunden - der Film wurde als Zweiteiler mit den Titeln „Die Insel des Robinson" und „Robinson und Freitag" konzipiert - ist es erstaunlich, dass der Einsteiger bereits mit Crusoes Schiffsreise beginnt und die Vorgeschichte nur in spärlichen Rückblenden gekleidet wird. Sein Anwesen, die Plantagen, das Umfeld und die ihm nahe stehenden Personen wie die Adoptivtochter Isabella werden nur skizzenhaft wiedergegeben. Eine intensive Bindung zur Hauptperson wird aufgrund der dieser fehlenden Vertiefung nur bedingt hergestellt, aber das kann ja vielleicht noch später ausgebaut werden. Der fehlende Schiffbruch, denn Crusoe wird als Meuterer in einem Boot in der Nähe einer Insel ausgesetzt, nährte dann noch die vage Hoffnung, die Macher wollten den Helden ganz ohne Hilfsmittel auf dem Eiland landen lassen, denn die eigentliche Geschichte war ja, dass er sich aus den Wrack nach Herzenslust bedienen konnte. Das wäre ja mal spannend gewesen, wie er völlig ohne Hilfsmittel sein Leben bestreiten will. Doch die Freude wollte man uns nicht machen. Wenig später strandete das Schiff nämlich doch noch, und die anschließende Bergungsaktion war erfolgreich.

So romantisch die Vorlage auch ist, und ich liebe einfach Inselabenteuer dieser Art, irgendwie muss man sich auch fragen, mit welchem Konzept man hier eigentlich punkten wollte. Crusoe als Überlebenskünstler funktionierte jedenfalls nur in vagen Ansätzen. Sein zusammengeschustertes Zeltlager in der Nähe des Strandes sah eher nach einem kurzzeitigen Urlaubstrip aus. Es ist verständlich, dass man mit einer ungewöhnlichen Extremsituation des unbedingten Überlebens erst mal fertig werden muss, doch sind die folgenden Momente eher dazu angetan, das komödiantische Talent von Richard dann doch wieder aufleben zu lassen. Wenn er versucht, Palmen zu fällen und ihm dabei Kokosnüsse auf den Schädel fallen, oder in eine seiner selbst gebastelten Tierfallen tappt, dann wirkt dass erst komisch, ist dann allerdings eher Mitleid erregend. Auch wenn man nach tagelanger Arbeit endlich ein Floß zurecht gezimmert hat, dieses allerdings vergisst, am Ufer festzumachen und quasi die gesamte Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes den Bach runtergeht, will man sich am liebsten nur noch an den Kopf greifen. Richard überspielt teilweise seine Rolle für meinen Geschmack einfach zu stark.

Robinson Crusoe in der Rolle eines Missionars ist da bedeutend tiefgründiger ausgefallen. Die Befreiung des Ureinwohners, den er später den Namen Freitag geben sollte, sah auf den ersten Blick wie ein rein humanitärer Akt aus, doch Crusoe setzte mit seiner Tat seinen sehnlichsten Wunsch um: Endlich nicht mehr allein auf dieser Insel sein und außerdem einen Diener an seiner Seite zu haben. Diese soziale Unterordnung entsprach ganz seinem gängigen Weltbild aus seiner Heimat: Sklaven, die für die Weißen arbeiten. Doch hier auf der zivilisationslosen Insel gelten andere Gesetze, genauer gesagt keine, oder hier herrscht nur der gesunde Menschenverstand. Anfangs noch zweifelnd, ob sein Herrscher-Diener-Denken haltbar sei, erkennt er seinen Mitbewohner als Freund an, als es darauf ankommt, gemeinsam den Gefahren auf der Insel zu trotzen. Und schön zu sehen, dass diese immer mehr in den Vordergrund rückende Gleichberechtigung auch auf die Auseinandersetzung mit dem religiösen Glauben übertragen wird. Denn anders als in der Buchvorlage tritt Crusoe hier nicht einseitig als Bekehrer auf, der dem unkultivierten Wilden das Christentum eintrichtern möchte. Auch Freitag führt ihn in die Welt seiner Geister und Götter ein, zeigt ihm seine Rituale und Bräuche. Das gipfelt später in einem gemeinsamen Tanz ums Feuer. Ein gut verfilmter Kontrast zwischen zwei verschiedenen Kulturkreisen und einer der intensiveren Momente des Films.

Bei der wundersamen Wiederkehr in die südamerikanische Heimat schlägt der Film dann desillusionierte Töne an. Crusoe, der von Freitag begleitet wird, muss ansehen, dass sein ins Wanken geratenes und schließlich gestürztes Weltbild nicht ohne weiteres auf die ganze Menschheit angewandt werden kann. Seine Auflehnung gegen die Sklaverei konnte zu dieser Zeit keinen Erfolg haben. Die Brandschatzung seiner Besitztümer und eine heillose Flucht zeigen deutlich, dass die Welt keine idyllische Insel ist. Hier wird auch noch mal deutlich, das Dafoes Werk eben nicht nur ein trivialer Abenteuerroman war, sondern durchaus als gesellschaftskritisches Werk gelten konnte, wenngleich die Botschaft auf simple Art und Weise dem Betrachter näher gebracht wurde. Ursachenforschung für den Grund der damaligen Verhältnisse bleiben ebenso außen vor wie Wege der Veränderungen. Doch Crusoe Wandel ist für die damalige Zeit schon mehr, als man hoffen durfte, seine Reise nach Europa, um seine Thesen zu verbreiten, wirkt zwar letztlich wie ein naiver Schlusspunkt, nötigt aber in seiner Konsequenz dennoch Respekt ab.

Wie kann man nun Thierry Chaberts Version des Defoe-Klassikers einordnen? Nun, Licht und Schatten halten sich in etwa die Waage. Das verdankt der Film auch zu einem Großteil der unausgewogenen schauspielerischen Leistung von Pierre Richard, dem hier unweigerlich bei einem solch von außen abgeschottetem Szenario die tragende Rolle zufallen musste, allerdings seinen Cast nicht immer souverän ausfüllt. Das spiegelt dann natürlich auf den gesamten Film zurück, der dann doch in vielen Passagen unausgegoren wirkt und etwas planlos und zähflüssig vor sich hintreibt. Ich will ja gerne glauben, dass die jahrelange Einsamkeit auf einem Eiland auch Langeweile bedeuten muss, aber man sollte dass nicht auf den Film übertragen, dem einige Kürzungen vielleicht auch gut getan hätten. Wer das Buch gemocht hat, sollte trotzdem mal einen Blick riskieren.

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