Review

„Das lieb‘ ich so an dieser Stadt: Wenn man einen Stock nach oben wirft, landet er mit Sicherheit auf einem Taxi oder einem Krankenwagen!“

Nach dem Vampir-Horrorfilm „Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“ versuchte die US-amerikanische Regisseurin Kathryn Bigelow, mit ihrem dritten Spielfilm „Blue Steel“ aus dem Jahre 1989, eine weitere Männerdomäne zu durchbrechen: Den Polizei-Thriller.

Megan (Jamie Lee Curtis, „Halloween“) kommt frisch von der Polizeischule und wird direkt Zeugin eines bewaffneten Ladenüberfalls. Als sie eingreift, sieht sie sich gezwungen, den Kriminellen (Tom Sizemore, „Natural Born Killers“) in Notwehr zu erschießen. Doch unbemerkt von Megan und anderen Zeugen wird die Waffe des Täters vom Supermarktkunden Eugene Hunt (Ron Silver, „Entity“) eingesteckt, der sich klammheimlich vom Tatort entfernt. Und der Börsenmakler entwickelt eine krankhafte Obsession für seine neugewonnene Macht, ritzt Megans Namen in die Munition und begeht wahllose Morde. Megan hingegen wird vom Dienst suspendiert, da es für ihre Vorgesetzten den Anschein hat, dass sie einen unbewaffneten Dieb erschossen hätte. Eugene indes ist nicht nur besessen von seinem Revolver, sondern auch von der jungen Polizistin, mit der er eine romantische Beziehung einzugehen versucht…

Statt eines knallharten „Cops“ in der Hauptrolle präsentiert Kathryn Bigelow, die zusammen mit Eric Red auch das Drehbuch verfasste, mit Jamie Lee Curtis als Megan Turner eine selbstbewusste junge Frau, die zu Beginn des Films gerade als frischgebackene Polizistin vereidigt wird und stolz wie Oskar ist. Dieser Schritt bedeutet für sie nicht eine einfache Berufswahl, sondern auch eine Emanzipation – gesellschaftlich sowieso, doch sind ihrem Falle die Gründe in erster Linie im privaten Bereich zu suchen: Ihr Vater (Philip Bosco, „Gottes vergessene Kinder“) ist partout dagegen, dass seine Tochter den Beruf der Polizistin ergreift und misshandelt zudem in unregelmäßigen Abständen ihre Mutter (Louise Fletcher, „Einer flog über das Kuckucksnest“). Somit dürfte aus psychologischer Sicht eine Reaktion auf selbst erfahrenes Unrecht und die Bewältigung des Ohnmachtsgefühls ebenfalls eine Rolle spielen – was selbstredend ebenfalls Teil einer Emanzipation ist, sowohl in geschlechtlicher Hinsicht, als auch auf der Gefühlsebene. Fragen nach den Gründen für ihre Berufswahl begegnet Megan mit Sarkasmus.

Eingebettet in schöne Bilder der endenden 1980er inklusive faszinierender Hubschrauberaufnahmen des leuchtenden nächtlichen New Yorks, und viele wunderbar illuminierte Szenen (man beachte in diesem Zusammenhang die gehäuft auftretenden durch Fenster einfallenden Sonnenstrahlen) ist „Blue Steel“ nur zeitweilig als Polizei-Action-Thriller zu betrachten. Dies ist während des beschriebenen Überfalls der Fall, der mit Megans vorsichtigen, nervösen Einschreiten spannend inszeniert wird und in deren Verlauf Megan eine ganze Schusssalve auf den Räuber abfeuert, der blutüberströmt unter der Wucht der Einschüsse durch die Scheibe fliegt – was zur Hölle waren das für Geschosse? In der Folge gerät „Blue Steel“ zum lupenreinen Psycho-Thriller, der Ron Silver als Eugene Hunt von der Leine lässt und aus dem Börsenspekulanten einen eiskalten, wahnsinnigen Mörder macht, im Großstadtdschungel passend zu seinem Nachnamen auf der Jagd nach Opfern, um sein manisches Machtbedürfnis zu befriedigen. Ron Silver umgibt die düstere Aura eines Wolfs im Schafspelz, eines nach außen hin biederen Anzugträgers, dessen vordergründig freundliches, charmantes Auftreten nur Teil eines perfiden Spiels ist, das er mit Megan spielt und sie zunächst auch erfolgreich um den Finger wickelt, bis sie ihn durchschaut – doch ihr niemand Glauben schenkt.

Die daraus resultierende Stimmung gelingt Bigelow, insbesondere nach dem Bruch in der Erzählweise, wenn der Wissensvorsprung des Zuschauers erlischt, spannend umzusetzen, indem sie eine unangenehme, beunruhigende Nähe Hunts zu Megan zulässt, die bisweilen gar in Ansätzen an Lee Curtis‘ Rolle in „Halloween“ erinnert, wenn auch unter gänzlich anderen Vorzeichen. Nicht nur bei Erschießungen arbeitet Bigelow mit dramatischen Zeitlupen, die Gewalteruptionen sind wohldosiert und relativ explizit, dadurch erschreckend und berührend, spielen jedoch nie die dominante Rolle des Films, der vielmehr zum Psycho-Duell zwischen zwei entgegengesetzten Charakteren gerät. Jamie Lee Curtis füllt ihre Rolle prima aus und agiert ebenso wie ihre Rolle auf Augenhöhe mit Silver. Das Finale ist konsequent, wenn auch innerhalb des Genre-Sujets nichts wirklich Besonderes. Woran es dem relativ linearen „Blue Steel“ aber wirklich mangelt, ist eine nähere Beleuchtung des Charakters Hunts, der Ursachen seiner offensichtlichen Persönlichkeitsstörung, der Hintergründe seiner Mordlust. Das wäre interessant gewesen und hätte „Blue Steel“ bestimmt zu mehr Tiefe verholfen, so aber bleibt Eugene Hunt lediglich ein austauschbarer, wenn auch besonders perfider Psychopath. Unterm Strich steht ein gelungener, gut besetzter und geschauspielerter, emanzipatorischer Film, der Bigelows inszenatorisches Geschick unterstreicht, in Bezug auf sein Drehbuch jedoch gern noch etwas Gewicht hätte vertragen können.

Details
Ähnliche Filme