Review

"Die Zahl der Toten wuchs fast dreimal so schnell wie die der jüdischen Toten während des Holocaust. Es war der effizienteste Massenmord seit den Atombomben von Hiroschima und Nagasaki" - Zitat von Philip Gourevitch

Einem unfassbaren Versagen der Weltgemeinschaft steht dieser Ausspruch gegenüber, als im April 1994 ein jahrzehnte langer Konflikt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen der Hutu und Tutsi eskaliert und über 1 Million Menschenleben fordert. Innerhalb weniger Monate wird der wesentlich kleinere Bevölkerungsteil der Tutsi und regierungskritischen Hutu systematisch von aufgeputschten marodierenden Horden massakriert. Eine bevorstehende Invasion der im Exil formierten Ruandischen Patriotischen Front befürchtend und angetrieben von den Hetzkampagnen des privaten Radiosenders RTLM die angesichts des ungeklärten Flugzeugabsturzes des ruandischen Präsidenten zum Mord an den Tutsi aufrufen, entlädt sich im Land ein Pulverfass aus Hass und Verzweiflung. Greueltaten unbeschreiblichen Ausmaßes sind die Folge.
Trotz intensiver Bemühungen vieler zivilgesellschaftlicher Gruppen beim Weltsicherheitsrat und bei Regierungen, auch in Deutschland, einzugreifen, zu vermitteln, Menschen Zuflucht zu gewähren, geschieht nichts. Das Wort „Genozid“ wird von den Mitgliedsstaaten so gut es geht vermieden,denn das hätte die internationale Gemeinschaft auf Grund der Konvention gegen den Völkermord verpflichtet, zu handeln. Am 21. April 1994 entschied der Sicherheitsrat, das UN-Kontingent von ca. 2.500 auf 270 Personen zu reduzieren. Inmitten dieses Desasters versucht ein ruandischer Geschäftsmann, gespielt von dem herausragenden Don Cheadle, seine Familie vor dem sicheren Tod zu bewahren, um letztendlich über 1200 Menschen das Leben zu retten.

Paul Rusesabagina, der seit 1996 in Brüssel lebt, ist Hotelmanager und in seinem Pass steht der Vermerk: Hutu. Er ist politisch nicht interessiert, zeigt Unverständnis gegenüber den in den Köpfen eingefahrenen Rassenideologien und hat sich stark von westlicher Lebensweise prägen lassen. Aber er merkt, dass die Zeichen auf Sturm stehen. Vielleicht ist es seine Intuition, die ihm dazu rät, mit jedem gut auszukommen und sich mit Geschenken und besonderen Diensten den in seinem Hotel verkehrenden Gäste gutzustellen. Als er eines Tages zu einem alten Geschäftspartner fährt, um neue Vorräte einzukaufen, bekommt er mit, dass zwischen Bierpaletten und Bohnen unzählige Macheten eingelagert werden. Auf den Straßen tummeln sich aggressive Gruppen der Hutu, die durch die Stadt ziehen, um Tutsi zu vertreiben oder zusammenzuschlagen.
In der Nachbarschaft kommt es zu Plünderungen und Brandanschlägen. Im ganzen Land brodelt es. Paul versucht mit Mühe, seine Gäste zu beruhigen und den normalen Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten. Dann eskaliert die Situation, als das Flugzeug von Staatspräsident Habyarimana von Raketen abgeschossen wird und das durch Bürgerkriege und Machtkämpfe erschütterte Land endgültig ins Verderben stürzt.

Was dann passiert entzieht sich jeder Beschreibung. Regisseur Terry George vermeidet es in seinem Film auch weitgehend die unmenschlichen und sadistischen Gewaltausbrüche der damaligen Zeit nachzustellen. Der Umstand, dass sich der Großteil des Films in dem Gebäudekomplex des Hotels abspielt, welcher lange Zeit verschont bleibt von Angriffen, macht explizite Gewaltdarstellung auch überflüssig. Vielmehr spielt sie sich im Kopf des Zuschauers ab, wenn er wie die Hauptdarsteller abgeschirmt durch die Mauern des Hotels aus der Ferne Gewehrsalven, Schreie und hasserfüllte Mienen der Schlächter wahrnimmt. Umso weniger funktioniert die Methode der Imagination, wenn sich die Protagonisten der direkten Gewalt der Mörder ausgesetzt sehen. Zu gemäßigt verläuft der Überfall auf das Hotel am Ende des Films, der Übergriff auf den Konvoi oder das sporadische Auftauchen des Militärs, dass die systematische Vernichtung der Tutsi koordiniert. In solchen Momenten verliert der Film etwas an Kraft und Nachvollziehbarkeit, wenn die Radikalität, mit der damals vorgegangen wurde, in den dramatischen Bildern des Ausnahmezustands ausgespart werden.
Ein weiteres Manko ist die allzu einseitige und falsche Darstellung der Hutu als Konfliktauslöser und Übeltäter. Wenn am Ende des Films die Truppen der Ruandischen Patriotischen Front den in einen Hinterhalt geratenen Flüchtlingen das Leben retten und weiter ins Landesinnere vordringen, um das Militär endgültig zu entmachten, wirkt das wie ein dramaturgisch sinnvoll eingeflochtener Schachzug im Script des Films, hinterläßt bei einem geschichtlich Bewanderten aber einen bitteren Beigeschmack und gibt vielmehr dem unkundigen Kinobesucher ein falsches Bild von den Krisenbeteiligten ab. Überhaupt werden die Beweggründe und geschichtlichen Hintergründe allenfalls angerissen, so dass der Film sich ausschließlich als eine Momentaufnahme des seit der Kolonialzeit Anfang des 20. Jahrhunderts vorherrschenden ethnischen Konflikts in Ruanda beschreiben lässt.

Die Stärke des Films liegt vielmehr in seinem politischen Statement, das direkt an die westliche Welt gerichtet zu sein scheint.
Wie konnten und können wir die Hilfeschreie Tausender überhören, wo uns doch dank weltumspannender medialen Präsenz alle Informationen auf dem Tisch liegen bzw. über die Fernsehbildschirme schimmern ? Worin liegt die Kraft des Gezeigten oder ist es für uns blos eine weitere Katastrophe, die wir uns beim Abendessen vor dem Fernseher antun müssen und uns allmählich abstumpfen lässt gegenüber dem Leid anderer ? Was können wir überhaupt dagegen tun ?
Umso erschreckender, dass die Menschen in Ruanda an unsere Hilfe geglaubt haben und all ihre Hoffnungen auf eine starke politische Koalition der Weltgemeinschaft gesetzt haben. Diese und etliche andere Fragen hat der Film in mir aufgeworfen und er hat mir ein Fundament gegeben, von welchem aus die politischen Hintergründe greifbar werden und emotional bewegen.
Beeindruckend ist auch die Darstellung Don Cheadles. Er spielt den in sich selbst zerrissenen Geschäftsmann, der so geblendet von erstrebenswerten Lebensstandards und heile Welt, selbst ein Stück weit die Arroganz und Ignoranz der westlichen Welt verkörpert. Einzig auf das Wohl seiner Familie bedacht, hat er im weiteren Verlauf der Geschichte keine andere Wahl, als den hunderten Hilfesuchenden Unterschlupf in seinem Hotel zu gewähren. Sehr mitreißend, mit welch ausgeklügelten Taktiken er seine „Gäste“ durch die immanente lebensbedrohlich Situation manouvriert.
Nick Nolte steht ihm dabei als guter Cop des Westens in Uniform eines UN-Colonel zur Seite, der auf zynische Weise die Unbedeutendheit der Katastrophe für die westliche Zivilisation auf den Punkt bringt: „You're not even a nigger. You're African.“

Auf jeden Fall eine Unmenge an Gesprächsstoff und hoffentlich auch ein Umdenken, zumindest aber ein Gewahrwerden lassen vor unserem eigenen desaströsen Fehlverhalten, wenn wir angesichts solchem Elends die Verantwortung gegenüber anderen Menschen spüren, gleichzeit aber auch unsere Unfähigkeit, ihnen zu helfen.

Eine sehr wertvolle und bittere Erfahrung...

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