"Hotel Ruanda", viel beachtet, aber auch viel gescholten - ein Film über den ruandischen "Schindler" des Bürgerkriegs. Ein Hotelmanager (Paul Rusesabagina, gespielt von Don Cheadle) versucht Flüchtlingen Herberge zu bieten um deren sicheren Tod zu verhindern. Die Verfilmung ist spannend, geht einem nahe und sorgt für Betroffenheit beim Zuschauer.
Doch muß generell dieser Zuschauer erstmal in zwei Schubladen gesteckt werden um eine weitere Bewertung vornehmen zu können. Zum einen haben wir den unbedarften Zuschauer, der nichts oder wenig über die tatsächlichen Hintergründe des Völkermordes an den Tutsi weiß - sicherlich die Mehrheit. Doch da gibt es auch noch den informierten Zuschauer, der über den seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt zwischen Hutu und Tutsi weiß, den Bürgerkrieg aktiv verfolgt hat und demzufolge auch den Film richtig einzuordnen vermag.
"Hotel Ruanda" zeigt letztlich nur einen sehr kleinen Ausschnitt über den Völkermord, beleuchtet weder Hintergründe noch tatsächliches Ausmaß der Greueltaten. Der Film zeigt, wie ein einzelner Mann um seine Familie kämpft, Flüchtlingen Unterschlupf gewährt und durch geschickte Verhandlungen und Bestechungen ein gewisses Maß an minimalster Sicherheit erreicht und so überleben kann. Der Film zeigt aber auch, wie sich die Welt abwendet und Ruanda seinem Schicksal überlassen möchte, wie die UNO wegschaut, die eigenen Blauhelme kaum unterstützt und sich ein gewisses Maß an Mitschuld am unbehelligten Gemetzel der verfeindeten Völker aufbürdet.
Für den Zuschauer der ersten Kategorie ist "Hotel Ruanda" ein ernsthafter Film, ein spannendes Drama, ein gut gemachter Thriller der ergreifend den Focus auf eine einzelne Familie und deren Schicksal richtet mit einem ausgewogenen Maß an Doku-Eigenschaft und packenden Szenen. Blutigste und brutalste Szenen fehlen wie in "Blood Diamond" fehlen, was sicherlich auch zu seiner Glaubwürdigkeit beitragen mag. Auch der Score paßt - nein, zu meckern gibt es so gesehen eigentlich nichts. Dieser Zuschauer bekommt das geliefert was er erwartet hat: ein spannender Film mit dem Prädikat "historisch wichtig" - das muß man gesehen haben um mitreden zu können. Don Cheadle spielt den Paul Rusesabagina glaubwürdig und hingebungsvoll - Nick Nolte als frustierter UNO-General nehmen wir wohlwollend zur Kenntnis.
Doch für den etwas aufgeklärteren Zuschauer ist "Hotel Ruanda" unbefriedigend. Hintergründe über den seit langem schwelenden Konflikt vermisst man gänzlich, auch der letztliche Auslöser der Greueltaten und das gesamte Ausmaß läßt sich nur erahnen und ist trotz eindrucksvollen Szenen unzureichend dargestellt. Flüchtlingsströme, Hinrichtungen und ein paar Leichen auf dem Boden - das kennt man aus vielen Filmen und spiegelt keineswegs die besondere Schwere der Taten in Ruanda auch nur annähernd wieder. Das gesamte Leid der Bevölkerung, die psychischen Auswirkungen auf die Hinterbliebenen der Opfer werden größtenteils unter den Tisch gekehrt zugunsten des Familienporträts von Paul Rusesabagina.
Wer also über detailliertere Kenntnisse über die Zeit der 90er in Ruanda verfügt wird enttäuscht sein. Auch viele Betroffene äußerten Kritik am Film: so wurden die Verhältnisse im Hotel als zu angenehm geschildert, als ein Idyll im umkämpften Gebiet - doch dem war keineswegs so. Viel mehr Menschen auf engstem Raum, Konflikte untereinander, Hunger, Durst, Krankheiten, Vergewaltigungen und andere Verbrechen gab es auch hier - im Film nicht dargestellt. Zudem wurde "Hotel Ruanda" komplett in Südafrika gedreht, entsprechend stellt auch die Kulisse ein weit freundlicheres Bild als die damalige Realität dar.
Nun denn, sei's drum: der Film ist für sich allein betrachtet ein hervorragender und dramatischer Thriller, dem entgegen Befürchtungen der Realitätsanspruch nichts von seinem Unterhaltungswert rauben kann. Und wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, dem bieten sich zahlreiche weitere Informationsmöglichkeiten - unter anderem auch "Shooting Dogs", eine neue Produktion über den Genozid in Ruanda.
(8/10)