Völkermord als Thema für ein Hollywooddrama – nicht unbedingt der einfachste Stoff, den Terry George sich für „Hotel Ruanda“ aussuchte, umso besser gefällt das Ergebnis.
Sein Protagonist Paul Rusesabagina (Don Cheadle) ist Hotelmanager in Ruanda. Hutu contra Tutsi lautet das Credo vieler, doch Paul hängt eigentlich einer dritten Ideologie an: Er ist überzeugter Kapitalist. Andere mögen ihn dazu drängen sich zu seiner Hutu-Zugehörigkeit zu bekennen, viel wichtiger für Paul ist seine Stellung im Hotel und sein gesellschaftliches Vorankommen, das er mit sozialen Kontakten, Gefallen und Deals vorantreibt. Damit ist der spätere Wohltäter dem durch Spielbergs Film besonders populär gewordenen Oskar Schindler nicht unähnlich, doch „Hotel Ruanda“ basiert ebenso auf realen Ereignissen wie „Schindlers Liste“.
An sich sind die Zeichen auf Frieden gestellt, der Präsident des Landes will mit Tutsi-Rebellen über Frieden verhandeln. Wie man durch den Film erfährt, für Amerikaner und Europäer vor allem durch die Figur des fragenden Kameramannes Jack Daglish (Joaquin Phoenix) vermittelt, wurde die Einteilung in Hutu und Tutsi willkürlich von weißen Kolonialherren vorgenommen, welche die eine Gruppe als ihre Helfer sahen, mit denen sie die andere Gruppe unterdrückten, ehe sie das Land sich selbst überließen. „Hotel Ruanda“ steckt voll harscher Kritik, denn die geschaffenen Feindschaften bestimmen das Leben des Landes, obwohl viele sie für nichtig halten – so auch Hutu Paul, dessen Frau Tatiana (Sophie Okonedo) und Kinder Tutsi sind.
Als die Nachricht die Runde macht, dass der Präsident von Tutsis ermordet worden sei, bricht ein Bürgerkrieg aus, der in eine ethnische Säuberung übergeht. Paul bringt seine Familie und seine Tutsi-Nachbarn ins Hotel, das bald zum Rückzugsort für die Verfolgten wird. UN-Soldaten und andere Weiße sind anwesend, doch wie lang wird das die Hutu aufhalten…
Gelegentlich erkennt man deutlich was bei „Hotel Ruanda“ hätte schiefgehen können, denn hin und wieder trägt Terry George in Pathosmomenten etwas dick auf, inszeniert Pauls flammende Reden etwas zu idealisiert. Zum Glück bleibt es bei diesen Einzelmomenten, denn in geballter Form hätten sie „Hotel Ruanda“ vermutlich unerträglich gemacht. Zum Glück bleibt der Film die meiste Zeit über nüchtern, präsentiert den Völkermord trotz eines weitgehenden Verzichts auf drastische Bilder so, dass er Unwohlsein beim Zuschauer hervorruft – eine Szene, in der Paul und ein Hotelangestellter feststellen müssen, dass die im Nebel liegende Straße aufgrund von Leichenbergen so holprig ist, kann symptomatisch für die Momente genannt werden, die an die Substanz gehen.
Konsequent wählt der Film die Perspektive der im Hotel Verweilenden, viele der Gräuel bekommen sie nur durch Hörensagen mit, die allgemeine politische Lage können sie nicht einschätzen, ebenso wenig ob der Präsident tatsächlich von Tutsi ermordet wurde – gerade aus diesem Geflecht mangelnder, spärlicher und eventuell falscher Informationen zieht „Hotel Ruanda“ einen Teil seiner Spannung, lässt den Zuschauer genauso wie die Figuren die Ungewissheit spüren, gibt dem Publikum keinen Wissensvorsprung. Der tatsächliche Paul Rusesabagina stand dem Team als Berater zur Verfügung und – trotz einiger kritischer Momente – eine gewisse Idealisierung des Mannes ist klar zu erkennen, andrerseits kann seine Leistung auch nicht wegdiskutieren.
Ebenfalls hoch anzurechnen ist der Verzicht auf den moralischen Holzhammer. Das Nichteingreifen der westlichen Welt ermöglichte den Völkermord teilweise, den ein westliches Kolonialsystem quasi initiiert hatte. Etwas platt mag es wirken, wenn Kameramann Jack noch betonen muss wie schmutzig er sich fühlt, wenn er einer Tutsi, mit der in den Federn war, bei seiner Abreise nicht mehr als Geld geben kann, doch gerade diese Geste verdeutlicht die Dekadenz einer kapitalistisch fixierten Gesellschaft, die lieber aus wirtschaftlichen denn aus humanitären Gründen gegen gewalttätige Unterdrücker vorgeht. Glücklicherweise belässt es „Hotel Ruanda“ nicht bei dieser Schelte, stellt mit dem UN-Kommandeur Colonel Oliver (Nick Nolte) eine Gegenfigur zu den feigen Westlern des Films auf: Im Rahmen seiner Möglichkeiten (und das sind nicht viele) tut er für Paul und die Tutsi was er kann, doch auch ihm bleibt irgendwann nur die Kapitulation vor den Umständen – die jedoch nicht wirklich seine Schuld ist.
Ein weiterer Grund dafür, dass „Hotel Ruanda“ so gut funktioniert sind die Leistungen aller Beteiligten. Vor allem Don Cheadle gibt als Held wider Willen alles und kann den Film tragen, Nick Nolte, dessen gealterter Soldat ein wenig wie ein Requiem auf seine früheren Actionrollen wirkt, gibt großartigen Support. Joaquin Phoenix ist mit Elan dabei, hat aber nur wenige Szenen, der Rest des Cast rekrutiert sich größtenteils aus Unbekannten, die aber allesamt überzeugen. Abgesehen davon hätte zuviel Starpower vom Anliegen des Films abgelenkt, das über pure Unterhaltung hinausgeht.
In den etwas weniger gelungenen Momenten merkt man die vielen Fallstricke in Richtung nervigen Mitleidskinos, denen „Hotel Ruanda“ glücklicherweise ausweicht. Ein starkes Drama, das die Situation der im Hotel Schutzsuchenden packend wiedergibt und dank seines Verzichts auf Kitsch und Plattheiten zu überzeugen weiß.