Die Zeit, in der Peter Jackson als einziger, vorzeigbarer Regisseur Neuseelands galt, sollte spätestens mit diesem Beitrag von Brad McGann vorbei sein.
Mit seinem ansprechenden Drama über alte Familiengeheimnisse kann er sowohl erzählerisch als auch inszenatorisch punkten, nur in der ersten halben Stunde lässt er sich ein wenig zuviel Zeit.
Im Mittelpunkt steht der Fotograf Paul (Matthew Macfadyen), der als desillusionierter Kriegsberichterstatter nach 17 Jahren in seine Heimat in den Süden von Neuseeland zurückkehrt.
Nach der Beerdigung seines Vaters ist die Wiedersehensfreude nicht sonderlich groß, Pauls Bruder Andrew reagiert abweisend, seine Jugendliebe Jackie zeigt ebenfalls wenig Begeisterung. Indes freundet sich Paul mit Jackies 16jähriger Tochter Celia (Emily Barclay) an, dessen Vater er sein könnte, doch Celia verschwindet eines Tages spurlos.
Paul gilt als Hauptverdächtiger für ihr Verschwinden und muss sich notgedrungen mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen.
McGann lässt sich viel Zeit mit der Einführung der Figuren, besonders in der ersten Hälfte entstehen kaum Interaktionen, die das Geschehen vorantreiben. Lange agieren die Personen isoliert voneinander.
Wie Paul, ein in sich gekehrter Mann, dem die schrecklichen Eindrücke der Kriegsschauplätze anhaften, ebenso wie seine Vergangenheit, denn als er vor 17 Jahren seine Heimat verließ, geschah ein einschneidendes Erlebnis.
In Celia erkennt er jedoch einen Teil seiner jugendlichen Vergangenheit wieder, das Fernweh, die Kreativität, den Hang zum Lyrischen.
Nicht zuletzt wird dies durch die Vortragungen Celias aus dem Off unterstrichen, in denen Stück für Stück die titelgebende Poesie zum Vorschein kommt.
Dem Zuschauer wird eine Menge Geduld und Aufmerksamkeit abverlangt, die verschachtelte Erzählstruktur mit vielen Rückblenden (auch Flashbacks innerhalb Flashbacks) entschlüsselt gemächlich aber dramaturgisch gekonnt das Geheimnis um Pauls Familie.
So verflechtet McGann mit Celias Verschwinden ein paar Thrillerelemente, die dem Familiendrama ein wenig mehr Drive verleihen, auch wenn die Charakterstudien und damit verbunden, die Frage nach dem dunklen Punkten ihrer Vergangenheit immer im Vordergrund stehen.
Was zunächst ein wenig zäh und distanziert anmutet, entwickelt im zunehmenden Verlauf immer mehr Emotionalität, die in der schockierenden Auflösung ihren Höhepunkt findet.
Es ist ein lyrischer Stoff, der hier thematisiert wird. Eingebunden in wunderbare Landschaftsaufnahmen, unterstrichen von einem angepasst, verträumt melancholischen Score, festgehalten von einer erstklassigen Kamera, die ein paar denkwürdige Einstellungen liefert, die beim Betrachter hängen bleiben.
Ob eine Totale, die, eingebunden in Blaufilter, mit der kahlen Hügellandschaft die Leere eines Gemütszustandes unterstreichet, oder die Allee mit den blühenden Bäumen, die Hoffnung hervorrufen. Das Thema Hoffnung steht immer wieder im Vordergrund, nicht zuletzt durch ein Gemälde mit gleichem Titel.
Den Darstellern ist ebenfalls ein großes Lob auszusprechen.
Macfadyen glänzt in der Hauptrolle als ausgebrannter Fotograf, die Leere und Desillusioniertheit seines Charakters nimmt man ihm zu jeder Zeit ab.
Emily Barclay spielt hervorragend, die Jungdarstellerin gibt sich natürlich und spielt nuanciert. Aber auch die Nebenrollen sind hervorragend besetzt und enttäuschen nicht. Hier sei die Leistung von Jodie Rimmer hervorgehoben, die als geheimnisvolle, aber auch vom Schicksal gebeutelte Verflossene Pauls ein gekonntes Spiel hinlegt.
„Als das Meer verschwand“ hat sich mir erst im Nachhinein entfaltet, aufgrund der Emotionalität der Geschichte, den eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen und den vielen Symbolen, die erst gegen Ende ihre wahre Bedeutung aufzeigen.
Zwar hätte sich das Geschehen insgesamt ein wenig straffen lassen, vor allem in der ersten Hälfte, dafür wird man jedoch mit einem Familiendrama konfrontiert, dass vor allem durch seine ruhig erzählte Wucht profitiert.
Bewegung findet hier in den Köpfen der Protagonisten statt, weniger auf der Leinwand.
Wer sich damit anfreunden kann und bereit ist, sich einer symbolbehafteten, dialoglastigen Geschichte hinzugeben, wird am Ende nicht enttäuscht sein.
7,5 von 10