Sophie Scholl - Ein überflüssiger Film! Ein neuerlicher Versuch ein bis zum letzten Tropfen ausgelutschtes Thema noch einmal aufzuwärmen! Der Verlauf des Filmes längst bekannt, Scholl muss getötet werden ein unausweichliches Faktum! Der Film dazu noch ein Remake, das seine Auszeichnungen wahrscheinlich nur als pädagogischen Firlefanz wegen Aufarbeitung einer historischen Erbschuld bekommen hat...
Ich muss zugeben, dass ich voll von Vorurteilen war, als ich mich dann doch in der Spätvorstellung in ein recht leeres Kino (ich war der einzige in meiner Reihe) gesetzt habe, da ich für meine HFF-Bewerbung noch einen guten deutschen Film für meine Top-5-Liste gesucht habe und mir dieser Film gleich mehrmals von meinen Arbeitgebern und einigen anderen empfohlen worden war.
Dann begann der Film und ich - ein wenig gelangweilt in pseudointellektueller Besserwisserpose – guckte schon das erste Mal verschmitzt, als dieser Nazi-Film (die sich gerne alle so ungemein ernst nehmen) mit einer ausgelassenen Sophie, die zu einem Lied von „Billie Holiday“ im Takt trommelt.
Darauf begibt sie sich in ein verlassenes Atelier, wo die Mitglieder der intellektuellen-Widerstandsorganisation „Weiße Rose“ schon auf sie warten. Die weiße Rose verschickt Flugblätter mit der Wahrheit über Stalingrad, dem NS-Regime und der Judenverfolgung, bemalt Wände mit regimefeindlichen Parolen und versucht das System von innen auszuhöhlen.
Es folgt eine ziemlich klischeebehaftete Szene mit schwachem Dialog, die uns kurz die Hauptperson (die Geschwister Scholl), die Weiße Rose und ihre Aufgabe vorstellen. Dann werden „ketzerische“ Flugblätter an verschiedene Haushalte in München per Post verschickt und da ihnen die Briefumschläge ausgehen (was 1943 sehr plausibel war, hier aber irgendwie wie ein billiger Vorwand wirkte) beschließen sie die Flugblätter in der Uni zu verteilen.
Ich nun – da es schon ziemlich spät ist und ich recht müde bin – gerade in der Überlegung meine Augen kurz auszuruhen – beschließe nun doch, zumindest noch ein paar Minuten wach zu bleiben, was sich sehr gelohnt hat, wie ich jetzt finde.
Als die Geschwister Scholl in der LMU (wer die Uni kennt, empfindet hier ein bedrückendes Gefühl der Irritation, da sie 1943 gleich ausgesehen hat wie heute und die Studenten gleich wie heute dort studiert haben) Flugblätter vor die Seminarräume legen und heimlich in die Aula werfen, werden sie gefasst und zum Verhör gebracht.
Von da an erreicht der Film eine ungeahnte Steigerung, die vor allem der exzellenten Hauptdarstellerin Julia Jentsch zu verdanken ist. Der Ermittler Mohr scheint hält das Ganze am Anfang für eine Aktion naiver, junger Rebellen. Die hochintelligenten Sophie schafft es aber bei der Protokollierung der Ereignisse jeden erdenklichen Beweis durch überlegtes Antworten, einleuchtende Erklärungen und geschickt verteilte stichhaltige Wahrheiten als schwaches Indiz zu entmachten und wäre um ein Haar frei gesprochen geworden, wären nicht noch Beweise in der Wohnung der Scholls gefunden worden.
Von da an beginnt das eigentliche Verhör zwischen Sophie und Mohr, der schon bald sein Bild der naiven Studentin revidieren muss: er hat eine hochintelligente, moralische über ihm stehende junge Frau vor sich, die genau wusste was sie tat. Während des Verhörs, das auf Aufzeichnungen aus neueren Stasi-Archiven beruht, gerät Mohr immer wieder in Bedrängnis und manchmal scheint er selbst zu merken, dass sein gegenüber eigentlich Recht hat und er selbst nur mehr Teil einer gräulichen Apparatur ist, deren Ende schon längst besiegelt ist.
Sophie nötigt ihn derartigen Respekt ab, dass er schließlich versucht sie durch ein umfangreiches Geständnis von der Todesstrafe zu bewahren („Leute wie sie braucht das Reich!“). Sophie denkt aber nicht daran jemanden zu verraten und ist mit ihren knapp 21 Jahren (vielleicht nötigt auch gerade das mir derartigen Respekt ab) bereit die Todesstrafe zu akzeptieren.
So langsam beschlich mich ein seltsam Gefühl der Betroffenheit und obwohl ich mich nicht erinnern kann, bei welchem Film ich zum letzten Mal geweint haben, habe ich feuchte Augen bekommen und konnte mir – ich gebe es offen zu – nachdem ich noch mal die leeren Sitze rechts und links neben mir kontrolliert hatte, die ein oder andere Träne nicht verkneifen.
Der Schauprozess hat nur Gestapo-Mitglieder zum Publikum und der Richter der das Verfahren mit „Heil Hitler“ eröffnet ist mit seinen politischen Hasstiraden von einer objektiven Person soweit entfernt, dass es lächerlich erscheint.
Auch wenn der Richter selbst wohl ein wenig zu laut schreit um Ernst genommen zu werden, bleiben die Geschwister ruhig. Sie allein scheinen sehend in diesem Raum voll von Blinden und (obwohl vielleicht nicht ganz realistisch, aber das ist an dem Punkt der Emotionalität, an den man inzwischen befördert wurde auch nicht mehr wichtig!) der ein oder andere Gestapo-Offizier scheint dem Plädoyer der Geschwister-Scholl zuzustimmen.
„Bald schon werden Sie hier stehen!“ ruft Sophie dem Richter von der Anklagebank aus zu und behält damit Recht.
Der Rest der Geschichte ist historische Gewissheit, der Gang zum Schafott.
Ich verlasse diesen Film ziemlich mitgenommen, immer noch mit feuchten Augen und tief berührt. Und auch den anderen Kinobesuchern scheint der Film sichtlich nahe gegangen zu sein (im Gegensatz zum Big Project „Der Untergang“, wo die Leute kopfschüttelnd und spöttelnd den Saal verlassen haben).
Ich frage mich nicht mehr, ob der Film alle kategorischen Maßstäbe erfüllt, die Thematik wahrheitsgemäß aufgearbeitet hat oder anspruchsvoll genug war. Der Film hat mich berührt, wie selten einer zuvor. Und ist nicht genau lachen und weinen der Grund, wieso man früher einmal ins Kino gegangen ist?
5 von 5 Punkten.