Irgendwie war es ja klar, dass Julia Jentsch nach „Die fetten Jahre sind vorbei“ zu einem deutschen Schauspielstar werden würde, aber dass so schnell einen neuen Beweis ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten in die Kinos kommt, war nicht unbedingt zu erwarten.
In „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ spielt Julia Jentsch die Titelrolle. Und im Gegensatz zu ihrer natürlichen und unbekümmerten Darstellung der Jule in „Die fetten Jahre sind vorbei“ agiert sie hier sehr zurückgenommen. Mit wenigen Gesten vermag sie dem Zuschauer zu vermitteln, was in jeder Sekunde in ihr vorgeht. Zu Recht wurde sie auf der Berlinale für diese neue Glanzleistung mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.
Regisseur Marc Rothemund, der unter anderem für die deutsche Klamotte „Harte Jungs“ verantwortlich ist, beweist mit „Sophie Scholl – Die letzten Tage“, dass er weit mehr kann. Auch er wurde für diesen Film auf der diesjährigen Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.
Der Titel des Films entspricht exakt dem, was er in nüchternen Bildern zeigt: Die letzten Tage der jungen Frau, die zu einem der wichtigsten Symbole des deutschen Widerstandes geworden ist.
Dabei ist der Film in vier Akte gegliedert:
Im ersten Akt verteilt Sophie Scholl gemeinsam mit ihrem Bruder in der Münchner Universität ihre Flugblätter und beide werden von einem „pflichtbewussten“ Hausmeister dabei ertappt.
Der zweite Akt schildert das Verhör von Sophie Scholl durch den Gestapo-Beamten Robert Mohr.
Im dritten Akt geht es dann um die Gerichtsverhandlung unter Vorsitz des extra für den Prozess aus Berlin angereisten Gerichtspräsidenten Dr. Roland Freisler.
Und der vierte und letzte Akt schildert die letzten Stunden Sophie Scholls bis zu ihrer Hinrichtung durch das Fallbeil.
Diese strenge Gliederung wird nur hin und wieder durch Gespräche durchbrochen, die sie mit ihrer Zellengenossin Else Gebel führt.
Der Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ könnte durchaus auf einem gleichnamigen Theaterstück basieren, denn es gibt nur wenig Schauplätze, die Kamera beschränkt sich auf das nötigste und konzentriert sich ganz auf die handelnden Personen. Dadurch bekommt der Film eine Intensität, die sonst nur auf einer Theaterbühne zu erzielen ist.
Aber die Grundlage für den Film bildet nicht ein Theaterstück, sondern die originalen Gesprächsprotokolle, wodurch natürlich auch ein hoher Authentizitätsgrad erreicht wird. Dabei ist allerdings nicht immer klar, ob und was von den Autoren nun genau noch aus dramaturgischen Gründen hinzugefügt wurde.
Die Szenen des Verhörs, die in einem kargen Raum spielen, hinterlassen dabei den stärksten Eindruck. Julia Jentsch hat dabei in Gerald Alexander Held in der Rolle des Gestapo-Beamten Mohr einen ebenbürtigen Partner. Er führt seinen Job - vermeintlich souverän - aus, weil er sich gegenüber dem System verpflichtet fühlt. Er ist voller Bewunderung und Abscheu, später sogar Sympathie für die junge Frau, die für ihre Überzeugung in den Tod geht. Das alles drückt Held mit nur ganz wenigen Gesten aus. Nur manchmal verliert er die Fassung, vielleicht nur deshalb, weil er es so gelernt hat. Diese „Explosionen“ beeindrucken dann nicht nur Sophie Scholl, sondern auch den Zuschauer.
Julia Jentsch spielt in diesen Szenen genau so zurückhaltend aber nicht minder überzeugend und eindringlich. Sie leugnet zunächst alles, verstrickt sich in Widersprüche, und gibt schließlich - nach einiger Überwindung, weil sie sich der Konsequenzen bewusst ist – zu, die Plakate verteilt zu haben. In der Folge schwankt sie zwischen gespielter Souveränität und Furcht vor den Konsequenzen.
Die Verhandlung wird vermeintlich dominiert von Dr. Roland Freisler, der von André Hennicke verkörpert wird. Die Sätze von Freisler wirken aufgrund ihrer übermäßigen Betonung wie auswendig gelernt. Dadurch wird das System und seine hohlen Phrasen, auf denen es basiert, auf eindrucksvolle Weise entlarvt.
Gleichzeitig gelingt es Hennicke als Freisler dennoch, Autorität und Furcht zu verbreiten. Auch er bietet eine schauspielerische Glanzleistung.
Der Prozess und die Vernehmungen der Angeklagten ist eine Farce. Die Befragungen sind kurz und dienen gar nicht der Rechtsfindung. Freisler schreit die Angeklagten an und will nur schnell sein Todesurteil fällen, was schon vor der Verhandlung feststeht. Der Pflichtverteidiger versucht erst gar nicht, die Angeklagten zu verteidigen, sondern hält - aus Angst vor Konsequenzen - den Mund. Die Angeklagten selbst haben kaum die Gelegenheit etwas zu sagen. Aber die wenigen Sätze, die sie - ihren sicheren Tod vor Augen - sagen können, beeindrucken nicht nur die handverlesenen Zuschauer, sondern machen selbst Freisler für einige Momente sprachlos.
Als Zuschauer kann man den Prozess nur voller Scham verfolgen. Man ist geschockt von dem willkürlichen Umgang mit Recht, von der Menschenverachtung und der stillen Hinnahme von Unrecht durch die Zuschauer.
Selbst wenn sich nicht alles genau so abgespielt hat, wie in dem Film gezeigt wird: Ein besseres Bild für das menschenverachtende Nazi-Regime und seine Mitläufer ist schwer vorstellbar.
Der letzte Akt, der für Sophie Scholl viel zu schnell vorüber gegangen sein muss, kommt dem Zuschauer quälend lange vor. Sie spricht noch einmal mit ihrer Zellengenossin, schreibt einen Abschiedsbrief, spricht mit dem Pfarrer.
In diesen Szenen wünscht man sich, man könnte selbst etwas tun oder andere würden etwas tun. Man selbst kann aber nichts tun, fragt sich, ob man damals etwas getan hätte und muss diese Frage wohl mit „Nein!“ beantworten. Und man weiß, dass die anderen, die etwas hätten tun können, nichts tun werden. Man muss quälend lange mit ansehen, wie Sophie Scholls Hinrichtung immer näher rückt.
Sie beweist dabei in Gegenwart anderer eine unglaubliche Stärke, verliert nur die Fassung als sie alleine in der Zelle damit fertig werden muss, dass ihr nicht, wie angenommen, 99 Tage, sondern nur noch wenige Stunden bleiben.
Kurz vor ihrer Hinrichtung darf sie in einer völlig kitschfreien Szene ihre ebenso zum Tode verurteilten Freunde noch einmal sehen. Es wird kaum gesprochen. Es wird sogar gelächelt. Sie nehmen sich nur in den Arm. Spätestens hier muss man mit den Tränen kämpfen.
Die Hinrichtungen spielen sich dann bei dunkler Leinwand ab. Man hört nur das Heruntersausen des Fallbeils und das stumpfe Geräusch beim Herunterfallen der Köpfe. Kurz vor seiner Hinrichtung ruft Hans Scholl, der Bruder von Sophie Scholl, noch „Freiheit!“.
In „Braveheart“ gibt es am Ende eine ganz ähnliche Szene, in der William Wallace kurz vor seinem Tod auch „Freiheit!“ ruft.
Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die Wirkung dieser Szenen ist. Die Schlussszenen von „Braveheart“ habe ich schon fast vergessen, der Schrei von Hans Scholl wird mir wohl in Erinnerung bleiben.
9/10