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Wie der Titel schon sagt, werden hier die letzten Tage im Leben der Münchner Studentin Sophie Scholl gezeigt. Das ist zwar hinlänglich bekannt, auch das Ende, dennoch bleibt "Sophie Scholl - Die letzten Tage" kein Film über die Vergangenheit Deutschlands. Er ist nämlich viel mehr.

Zu Beginn scheint alles noch in bester Ordnung. Man sieht Sophie und ihren älteren Bruder Hans, wie sie in der Universität Flugblätter verteilen, die auf ihre Gesinnung, nämlich vollkommen anti-nationalsozialistisch, hinweisen, mit der Intention, die Studenten von der Wahrheit zu überzeugen. Dass der Krieg gegen die Alliierten ein Himmelfahrtskommando sei und er nicht gewonnen, aber schneller beendet werden könnte, wenn man doch endlich einsehen würde, wie aussichtslos das Alles ist. Sophie und Hans werden allerdings bei ihrem Vorhaben ertappt und anschließend in stunden- und nächtelangen Verhören mit den knallharten, aber auch völlig ignoranten Ermittlern des Reiches konfrontiert.

Wie dies endet, ist wie gesagt längst bekannt. Zumindest den Meisten. Doch das ist auch gar nicht der Zweck des Filmes. Es ist jedoch höchst interessant, mit anzusehen, wie unglaublich ignorant und auf dem Gesetz beharrend die Nationalsozialisten waren. Egal welche Position sie im Reich bekleideten. Der Schwerpunkt liegt auf den Verhören Sophie Scholls, durchgeführt von Ermittler Mohr. Diese nervenaufreibenden, an Intensität nicht mehr zu überbietenden Momente fesseln einen dermaßen, dass man meinen könnte, man selber säße gerade dem Ermittler gegenüber. Wenn man bedenkt, wie Sophie zunächst versucht, sich aus der Sache rauszureden und sich ein Alibi zu verschaffen, im Wissen, sie kann auch mit dem Tode bestraft werden, sofern man ihre Taten nachweisen kann, dann ist das so überragend gespielt von Julia Jentsch, dass man wirklich meint, Sophie Scholl zu sein. Sie muss mit dem Schlimmsten rechnen, muss aber vollkommen auf der Höhe sein, um sich nicht in Lügen und Widersprüchen zur verstricken. In dieser Ausnahmesituation einen kühlen Kopf zu bewahren ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, doch Sophie bewältigt dies mit Bravour. Und folglich auch Julia Jentsch. Man fühlt diese Hitze, man meint zu schwitzen, als Sophie diese vielen Fragen gestellt bekommt. Und man sieht Julia diese Angespanntheit förmlich an, ihre Mimik überragt auf voller Linie.

Ermittler Mohr ist zunächst der knallharte, gefühlskalte Staatsmann, der Sophies Gedanken und Intention für völlig naiv und staatsfeindlich abstempelt. Doch auch hier merkt man, wie Mohr Sekunde für Sekunde unsicherer wird, bis es dann schließlich wirklich so rüberkommt, als würde er anders denken, wäre er hier nicht der Ermittler. Ein Status, der ihm ein Denken von vornherein vorschreibt und eine eigene Meinung kaum möglich macht. Zumindest keine publike, eigene Meinung, die von der des Staates nur im Geringsten abweicht. Letztendlich versucht er sogar, Sophie den Vorschlag auf Strafminderung zu machen, wenn sie gesteht, dass sie von ihrem älteren Bruder von Anfang an nur beeinflusst wurde und auf sein Drängen hin diese Flugblätter veröffentlichen wollte. Da dem aber nicht so ist, geht Sophie dieses Angebot nicht ein, sie steht zu dem, was sie getan hat, auch wenn es mit dem Tode bestraft werden sollte.

Das ist schon harter Tobak, diese stundenlangen, im Film minutenlangen Dialoge, in denen der Zuschauer nicht verschont wird. Ihm werden solch intensiven, fesselnden Szenen gezeigt, wie ich sie seit langem nicht mehr gesehen habe. Das ist logischerweise Nichts fürs Mainstream-Kino, aber das will dieser Film auch zu keiner Sekunde sein. Dokumentarisch werden die letzten Tage der "Rebellin" gezeigt und stets das Datum eingeblendet. Angefangen vom Verteilen der Flugblätter, über die Verhöre, der Urteilsverkündung bis hin zur Exekution. Auch das Verkünden des Urteils macht einen vollkommen sprachlos. Wie der "Nazi-Richter" ohne jeden Kompromiss und mit massenweise Beleidigungen zum Ende seines Plädoyers kommt, die Pflichtverteidiger nur als Statisten auf ihren Plätzen sitzen, ohne ein einziges Wort zu sagen, muss man erstmal verkraften. Auch da identifiziert man sich so unglaublich mit dieser Person Sophie Scholl, man würde am Liebsten in die Verhandlung hineinplatzen und seine Meinung sagen, so ignorant und weltfremd der Richter und all seine Kollegen sind.

Hoffnung gibt es in diesem Film nur wenig. Angedeutet wird diese jedoch immer mit Sophies Blick gen Himmel, wie sie die Sonne am Horizont entdeckt und ihr dann, egal in welcher Situation, ein Lächeln übers Gesicht huscht. Sophie lässt sich eh nicht unterkriegen, sie kämpft innerlich gegen die Situation an, bleibt äußerlich stets ruhig und gelassen und verliert nur gegen Ende, kurz vor ihrer Hinrichtung, die Ruhe. Vollkommen verständlich natürlich. Doch auch in diesem Moment sieht sie das Positive, sie "freut" sich, dass die Verhandlung öffentlich ist und somit ihre Einstellung und Intention auch an die Öffentlichkeit kommt, sie vielleicht auf offene Ohren stößt. Als sie letztendlich Minuten vor ihrem Tode die 2 Mitverurteilten, darunter ihr Bruder, noch einmal sehen darf, ist das gleichsam traurig wie ermutigend, wenn man sieht, wie diese Personen denken. Ihrem Tode ins Auge sehend, ziehen sie aus der Situation doch noch was Positives und hoffen, dass ihr Tun nicht umsonst war und sie würdig sterben.

"Sophie Scholl - Die letzten Tage" fehlt eigentlich nicht viel von einem perfekten Film. Die Schauspieler sind allesamt überragend, vor allem natürlich Julia Jentsch, die Bilder sind stimmungsvoll und atmosphärisch, die Musik absolut gelungen und die Realität ja eh gegeben. Nur die Tatsache, dass für mich persönlich NOCH bessere Filme existieren, gibts

9,5/10 Punkte

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