Review

Ich kann mir vorstellen, dass ein Titel wie „the Mummy an' the Armadillo“ eigentlich nur zwei Reaktionen auszulösen vermag: Entweder erweckt er eine gewisse Neugier für das Projekt – oder er schreckt ab. Die meisten denken ohnehin sicher, es würde sich „nur“ um ein Horror-Trash-Gemisch der „Güteklasse B“ handeln, doch dem ist nicht so – wer mit solchen Erwartungen an den Film herangeht, wird vermutlich gar noch stärker enttäuscht werden als der „normale“ Mainstream-Zuschauer. Tatsächlich handelt es sich nämlich um einen Kammerspiel-artigen Psycho-Thriller, mit dem Regisseur und Drehbuchautor J.S.Cardone („the Forsaken“) sein eigenes Bühnenstück adaptierte. Getreu der Vorlage entwickelt sich die gesamte Handlung aus den umfangreichen Gesprächen der Hauptprotagonisten heraus, entfaltet sich über den Verlauf einer Unwetter-geplagten Nacht und findet nahezu an einem einzigen, isolierten Ort (dem kleinen Hauptraum eines abgelegenen Diners) statt. Wahrhaft klassisches Ausgangsmaterial also – und die Tatsache, dass das Werk im Jahre 2004 diverse Auszeichnungen verschiedener Independent-Festivals erhalten hat (u.a. für das Drehbuch sowie die schauspielerischen Leistungen), ließ mich optimistisch und gespannt ans Sichten herangehen…

Ein schweres Gewitter, welches aktuell zu vereinzelten Überschwemmungen in dieser ansonsten ziemlich ausgedörrten Gegend des amerikanischen Südwestens führt, zwingt die junge Sarah (Clare Kramer), Ehefrau eines Predigers, auf ihrer Fahrt entlang der berühmten Route 66 dazu, an einem einsamen Diner etwas abseits der Straße Zuflucht zu suchen. Das Geschäft dort läuft schlecht, seit keine direkte Anbindung an den Highway mehr besteht, und so trifft sie dort nur auf die freundliche Bedienung Billie (Lori Heuring). Früher versuchte man die Touristen noch mit kleinen „Attraktionen“, wie einer Sammlung ausgestopfter Tiere oder einer echten Mumie, welche ein Indianer mal in der Wüste entdeckt hat, anzulocken, doch inzwischen verirrt sich so gut wie keiner mehr hierher, weshalb die Ausstellungsstücke sichtbar Staub angesetzt haben und allem nur einen stärker trostlos-schrägen Eindruck verleihen. Die beiden Frauen kommen ins Gespräch, und es wird schnell ersichtlich, dass sie jeweils nicht ganz offen sind – bei Sarah treten mit der Zeit einige Widersprüche in ihren Erzählungen auf, während Billie anscheinend bestimmten Themen ausweicht. Das Verhalten ersterer, als der örtliche Deputy Sheriff (Wade Williams) kurz vorbeischaut und von der schwierigen Lage draußen berichtet, gibt ebenfalls Rätsel auf, und die Atmosphäre zwischen den zwei Frauen wird zunehmend von Misstrauen geprägt. Kurz darauf erscheint die (sichtlich von Goth- und Punk-Einflüssen inspirierte) Jackie (Jodi Lyn O´Keefe) vorort, verkauft Billie ein ausgestopftes Tier und berichtet, dass sich ihre Mutter gerade in der Stadt hoffnungslos betrinkt, worauf sich jene Sorgen zu machen beginnt und am liebsten nach ihr sehen würde – nur hat sie gerade keinen Wagen zur Verfügung, worauf Sarah ihr ihren anbietet. Im Gegenzug soll sie auf das Restaurant aufpassen und kann sich in dieser Zeit gerne („on the house“) nehmen, was sie möchte.

Zwar verhält sich Jackie nun ihr gegenüber noch abweisender, doch sie erhält von ihr den Rat, lieber hier zu verschwinden, bevor „etwas schlimmes“ passiert – dann geht auch sie und lässt Sarah allein, welche sich folgend neugierig in den privaten Räumen im hinteren Bereich des Gebäudes umsieht. Als sie wieder zurück nach vorne kommt, wird sie plötzlich von der betrunkenen Let (Betty Buckley), Billie´s Mutter, mit einer Waffe bedroht, deren geistig behinderter (Zieh-) Sohn Wyatte (Brad Renfro) sie daraufhin sofort an einen Stuhl fesselt. Es ist unverkennbar, dass die ältere Dame ebenfalls einige psychische Probleme hat, was vermutlich mit ihrer allgemeinen Verbitterung bezüglich ihres Lebens und ihrer Familie in Zusammenhang steht. Schließlich verliert Let, nach einer quälend langen Phase voller Beleidigungen bzw Anschuldigungen, das Bewusstsein und wird von Wyatte ins Bett gebracht, doch auch ihn kann Sarah nicht dazu bringen, sie loszubinden. Im Laufe eines offenen Gesprächs ist er gerade kurz davor, sie über einige Hintergründe der Situation aufzuklären, als plötzlich Billie´s Bruder Jesse (Johnathon Schaech) mit zwei Mädels (Busy Philipps, Amanda Aday) auftaucht, die er in der Dorf-Disco aufgerissen hat. Für alle Beteiligten entwickelt sich die Lage daraufhin (erneut) auf eine noch angespanntere Ebene, welche die beiden Girls wenig später auch nicht mehr beisitzen wollen, worauf sie wieder verschwinden und Sarah allein in der Gewalt der Familie zurücklassen, von denen Jesse allem Anschein nach der mit den größten Problemen und Aggressionen ist. Die Nacht ist noch lang – und viele Geheimnisse warten auf ihre Offenlegung…

Wie eingangs erwähnt, handelt es sich bei „the Mummy an' the Armadillo“ um die Verfilmung eines Theaterstücks, die sich im Sinne der gesamten Umsetzung streng an ihre Vorlage hält: Ich schätzte mal, dass rund 95 Prozent des Films in einem (nicht gerade geräumigen) Raum stattfinden. Nur ganz kurze Sequenzen ermöglichen es dem Zuschauer, sich ein Bild von der näheren Umgebung zu machen, beispielsweise einem Keller, zwei Schlafzimmer auf der Rückseite sowie dem kleinen Parkplatz vor dem Gebäude. Wenn man sich die Inhaltsangabe durchliest (und vielleicht die Reputation des Regisseurs mit in Betracht zieht), könnte man eventuell denken, ein Werk in der Tradition von „Wrong Turn“, „TCM“ oder „Blackwoods“ präsentiert zu bekommen, doch dem ist nicht so. Tatsächlich erinnern nur die ersten Einstellungen an diese Titel, denn während der Opening Credits legen helle, von lauten Soundeffekten unterstützte Blitz-Einblendungen immer wieder den Blick auf bestimmte „Gegenstände“ (die Mumie, ausgestopfte Tiere etc) frei, welche wichtige Elemente für den Verlauf bzw die Auflösung der Handlung darstellen. Gleich im Anschluss wird das Tempo jedoch bis zum Finale hin stark zurückgefahren, es folgen eine ganze Reihe verschiedener Gespräche, die alles beinhalten, was man zum Verständnis benötigt (erst gegen Ende wird ein zentrales Ereignis der Vergangenheit in Form einer Rückblende veranschaulicht, was den Climax zusätzlich unterstreicht). Wer Action sucht, wird keine finden. Man muss sich die Entfaltung wirklich wie auf einer Bühne vorstellen, da das Setting nur sehr begrenzt ist, und Cardone gelingt es durchaus gut, diesen Eindruck umzusetzen, denn nichtsdestotrotz erhält man keineswegs das Gefühl, man würde eine sterile Kulisse betrachten. Letzteres wird hauptsächlich dadurch verhindert, dass die unaufdringliche Kameraarbeit größtenteils auf weit arrangierte Aufnahmen verzichtet, sondern stattdessen zwischen den einzelnen Perspektiven wechselt und meist nahe am Geschehen dran ist, ohne dabei auf irgendwelche optischen Spielereien zurückzugreifen (das laute und hell aufblitzende Gewitter draußen zähle ich mal nicht mit dazu, schließlich findet dieses Stilmittel ebenfalls im Theater Verwendung). Wer es also bereits in der Schule öde fand, sich im Rahmen eines Tagesausflugs irgendwo mal ein Stück anzusehen (und diese kulturelle Ausprägung auch in der Folgezeit nicht für sich entdecken konnte), der wird vermutlich nach spätestens 20 Minuten entnervt aufgeben bzw sollte es von Vornherein schlichtweg lassen.

Wohlmöglich liegt die falsche Erwartungshaltung mancher Betrachter an dem Regisseur sowie der beteiligten Cast, von denen man nämlich normalerweise ganz andere (sprich: deutlich „leichter“ zu konsumierende) Kost gewohnt ist. B-Film-Routinier J.S.Cardone („the Slayer“) hat eine solide Besetzung für sein Projekt gewinnen können, von denen die meisten ihre Erfahrungen vornehmlich in TV-Serien gesammelt und bereits mehrfach mit ihm zusammengearbeitet haben. In der Hauptrolle überzeugt Clare Kramer (TV´s“Buffy, the Vampire Slayer“/“Skulls 3“) als augenscheinlich etwas naive Sarah, dessen Perspektive der Betrachter aufgrund der Ausrichtung veranschaulicht bekommt. Sie ist die durchgehende Konstante und bildet in fast allen Szenen den Mittelpunkt des Geschehens. Es gelingt ihr, die nötigen Emotionen mitsamt des inneren Kampfes, trotz ihrer nicht gerade gefestigten Natur ihr Geheimnis vor den anderen behüten zu wollen, glaubhaft zu vermitteln. Lori Heuring (“8mm 2“/“Mulholland Dr.“) steht ihr in nichts nach als Billie, die gerne weg von diesem Gott-verlassenen Ort möchte, jedoch ihre Familie nicht im Stich lassen will, welche weniger gut mit den Schatten der Vergangenheit zurechtkommt. Also stellt sie sich vor, wie es ist, ein neues Leben zu beginnen. Der einzige Schritt in diese Richtung ist allerdings bloß eine Affäre mit dem verheirateten Sheriff (Wade Williams aus „American Crime“), von der sie tief im Inneren weiß, dass es sich um eine Sackgasse handelt. Betty Buckley (“Carrie“/“Frantic“) hat einen intensiven Auftritt als verbitterte Mutter, die dem Alkohol verfallen ist, vermutlich um die Depressionen zu übertünchen, an denen sie leidet. Brad Renfro (“Ghost World“/“Bully“) spielt den geistig zurückgebliebenen Wyatte auf eine authentisch wirkende Weise (er erhielt dafür gar einen Preis beim Sedona Festival). Als die beiden „Provinz-Luder“ Carol Ann und Bevers sind Busy Philipps (TV´s“Dawson´s Creek“/“White Chicks“) und Amanda Aday (“Crazy in Alabama“) zu sehen – ihr Auftritt sagte mir nicht allzu sehr zu, denn ich fand ihre Rollen von der Ausrichtung her etwas nervig (keine Anmerkung am Rande: Philipps hat in letzter Zeit wohl ein wenig zugenommen, während Amanda eindeutig in Sachen Körperfülle nach ihrem Dad („Meat Loaf“ Aday) kommt). Jodi Lyn O´Keefe (TV´s“Nash Bridges“/“Crow 3“) ist (wie immer) hübsch anzusehen, verbleibt aber, gerade im Vergleich zu den anderen Beteiligten, blass. Johnathon Schaech (“An American Quilt“/“Road House 2“) rundet das Ensemble mit der für ihn typischen Kombination aus Charme und Bedrohlichkeit zufrieden stellend ab. Zu erwähnen ist noch, dass bis auf Kramer alle nur eine recht eingeschränkte Screen-Time besitzen, da sie jeweils nur zu bestimmten Zeiten im Diner auftauchen.

Minimalistische Kammerspiele können zweifellos funktionieren, doch in einem solchen Fall müssen nahezu alle Komponenten harmonieren sowie den Kern der Sache punktgenau treffen – und da gerät dieser Thriller leider leicht ins Straucheln. Die ersten 13 Minuten bestehen aus einem einzigen Gespräch zwischen Sarah und Billie, welches zu beeindrucken weiß: Die düstere Stimmung wird aufgebaut und man merkt sogleich, dass beide etwas zu verbergen haben, weshalb unweigerlich ein ungutes, intensives Gefühl aufkeimt. Das Auftauchen des Sheriffs, mitsamt seiner Warnung an Billie, sie möge „bitte aufpassen, dass dieses Mal nichts passiert“, verstärkt diesen Eindruck weiter. Leider entwickelt sich dann, so gegen Ende des ersten Drittels, eine Phase, in der Wyatte (nach Jackies eher belanglosen Szenen) in den Mittelpunkt gerät, dessen „retardierter Junge, der sich nicht gegen die Familie zur Wehr setzen kann bzw will“-Part man allerdings bereits in der Vergangenheit zu oft gesehen, zumal hier keine neuen Impulse hinzukommen. Anschließend taucht Jesse mit den beiden Girls auf, welche mir ohnehin vom ersten Moment an auf die Nerven gingen – erst nach ihrem Verschwinden gewinnt der Verlauf wieder an Momentum, kann jedoch den Standard des Einstiegs nicht mehr erreichen. Alle Charaktere sind auf die eine oder andere Weise merkwürdig, die Requisiten im Raum verstärken diesen Effekt noch zusätzlich, aber vielleicht hätte man die eine oder andere Rückblende einfügen sollen, um die Story wenigstens visuell einen Tick „aufzupeppen“ – „Silence becomes you“ hat das jüngst sehr gut hinbekommen.

Geübte Krimi-Fans dürften kein Problem damit haben, mindestens zwei er drei Schlusskniffe im Voraus zu erahnen (wobei der letzte zudem nicht wirklich zu begeistern vermag), allgemein kann die Entwicklung einen nicht genügend mitreißen bzw fesseln. Sicher, ein Mindestmaß an Spannung ist jederzeit vorhanden und das beengte Setting vermittelt ein Gefühl der Ausweglosigkeit, doch letzten Endes ist die erzählte Geschichte nicht stark genug, um den Anspruch eines Charakterstücks vollends zu erfüllen. Cardones Inszenierung ist subtil und macht darüber hinaus guten Gebrauch von seinem Gespür für nette Horror-Ambiente (der Film ist extrem düster gehalten sowie einigermaßen Reich an Atmosphäre), nur war seine eigene Vorlage allem Anschein nach nicht reichhaltig genug, um innerhalb dieses Mediums vollends überzeugen zu können. Eine Laufzeit von knapp 60 Minuten, mit deutlichen Straffungen im Mittelteil, wäre wohl optimal gewesen – oder man hätte, so oberflächlich das jetzt auch klingen mag, einfach einige reißerischere Elemente hinzufügen sollen. Das solide und keineswegs langweilige Endergebnis kann man sich als Fan solcher Szenarien getrost durchaus mal ansehen, sofern man die Ruhe, Bereitschaft und Ausdauer dafür besitzt – nur sollten die Erwartungen nicht unbedingt sehr hoch angesetzt werden.

Fazit: „The Mummy an' the Armadillo“ ist ein ruhiger, düsterer, stimmiger und Dialog-lastiger Independent-Psycho-Thriller, der einige ansehnliche schauspielerischen Leistungen aufzubieten vermag, allerdings als Verfilmung des gleichnamigen Bühnenstücks inhaltlich nicht die nötige Qualität besitzt, um über die gesamte Lauflänge hinweg zu überzeugen … für den glatten Durchschnitt reicht es in meinen Augen nicht mehr ganz, daher nur „4 von 10“.

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