Review

Der kam langsam, aber hart: vor ca. 10 Jahren landete die schmucke Cinestrange - DVD als einer der letzten Käufe bei meinem damaligen Filmdealer, der nach kurzer Phase im Onlinehandel den Laden dicht machte, in meiner Sammlung in wartete dort mit quasi mönchsartiger Geduld auf Ihren Einsatz. Ehrlich gesagt lockte mich von allen Argumenten, die der Film mit sich bringt, vor allem der Audiokimmentar mit Christian Keßler und Markus Stiglegger, weniger der Film selbst. Zudem erinnerte der Titel mich stark an Bavas "Wilde Hunde" , der mir zumindest namentlich als Klassiker bekannt war erhoffte mir einen ähnlichen Schlag in die selbe oder zumindest die benachbarte Kerbe.

Weit gefehlt: "Come Cani arrabiati" wirkt schon fast parodistisch und das auf eine Art und Weise, bei der ich mir nie ganz sicher war, wie beabsichtigt dies von Regisseur Mario Inperoli war. Jedenfalls rate ich dringend an, eine Waschwanne unter den Fernseher zu legen, da Imperolis Werk noch ein ganz anderes emotionales Extrem prägt: der zelluloidgewordene Wutbürger schäumt intensiver als Menthos und Cola. 

Gleich zu Beginn stimmt der Film ein Loblied auf die miserable Erziehung an, als Gangstersöhnchen Tony mit einem Studentenkumpel einen Stadionraub während eines Fussballspiels verpatzt (was will man in einem Stadion rauben? Bier? Konfiszierte Pyrotechnik? Es ist mir schleierhaft) und dabei in Zeitlupe einen Polizisten exekutiert. Dessen Liebste suizidiert sich (ebenfalls zeitlupig gefilmt) hochschwanger per Fenstersturz, worauf der junge Kommissar Muzi (Jean-Pierre Sabagh) auf den Fall und noch weitere Schweineigeleien von Tonys Gang angesetzt wird. 

Und dessen Arbeitsmethoden haben sich nicht gewaschen: Mittäterinnen Informationen aus den Rippen pimpern, die Kollegin auf den Strich schicken und Tonys Familie auf den Sack gehen gehören neben dem Griff zur Knarren und dem obligatorischen Faustschwung in die Magengegend zu den ungewöhnlichen Ermittlungstaktiken des offenkundig frustrierten, aber fähigen Bullen.

Es gibt ihn doch noch im italienischen Kino, den gerechten Zorn der gesellschaftlichen Mitte. Mit anderen Worten wird hier eher selten gegen Zeit typische Feindbilder wie Unterschichtler, Linke oder gar Schule geschossen, stattdessen tritt Muzi nach oben. Andere Poliziotesci-Klischeeklassiker treibt man hier allerdings auf die amüsante Spitze: selbstverständlich ist Muzis Vorgesetzter nicht nur dessen lautester Kritiker, sondern auch noch Kassenwart der Schmiergeldstelle und verdächtig seinen Vorzeugebeamten ob seiner Abneigung gegen den reichen Tony und seine Sippe des Kommunismus und natürlich fordert dessen kackbratzige Dreierbande den Bullenbubermütigst heraus. Ein gefesselter Fluchtversuch einer traumatisierten Geisel der Drei darf übrigens der schrägen Musikauswahl der Regie sei Dank zu einem makaberen Sketch ausarten, der mit Blei in der Birne endet und Tonys kriminelles Verhalten wirkt stellenweise wie ein Rebellions - und Abnabelungsversuch gegenüber Vati. Aber auch hier wird nie motivisch klar, was Tony und Co. geritten und dazu getrieben hat, sich freizeitmaßig an "A Clockwork Orange" zu orientieren. Am sehr zynischen Schluss des Filmes zählt sich jedenfalls nichts davon aus, es sei denn für den Zuschauer, der hier eines der zynischsten Filmenden seiner Zeit erleben darf. Ich kriege mein fieses Grinsen immer noch nicht aus der Fresse gewischt, so Leid es mir tut.

Zugegeben: von Paola Senatore abgesehen ist mir ausnahmslos jeder der Beteiligten ein unbeschriebenes Blatt, was den Film aber nur umso erfrischender macht. Das gepaart mitl einigen der schäbigsten Drehorte und sadistischsten Gewaltakte des Genres hatte mich glatt vom Stuhl gehauen, hatte ich den Film nicht von der Couch aus gesehen. Mein Fazit lässt sich an der Stelle mit einem alten deutschen Sprichwort zusammebfassen: Was lange fährt wird endlich Wut. Schönes unterschätztes Ding, dieser Film

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