Review

Gesamtbesprechung

Ich muss immer wieder feststellen, dass der Zahn der Zeit nur allzu deutlich am eigenen Erinnerungsvermögen nagt, wenn es um alte Filme geht, die man mindestens fünfundzwanzig Jahre nicht mehr gesichtet hat. Und um so schöner, dass fast vergessene Perlen immer wieder an das Tageslicht befördert werden und die eigene Kindheit wieder lebendig wird. So neulich geschehen durch die sowjetische (später russische) Kultserie „Nu pogodi!", die ich jüngst wieder entdecken durfte, den modernen Medien - dem Internet - sei Dank für meine Fündigkeit. Sofort fiel mir wieder ein, wie wir Kinder gebannt auf die heimische Leinwand starrten, welche mit wenigen Handgriffen aufgebaut war. Wenn Vati die Filmrollen aus den schon reichlich abgegriffenen Schuber zog und seinen knatternden 8mm-Projektor anwarf und die flackernden Bilder uns in ihren Bann zogen.

Erstaunt war ich, dass es auch bis heute immer wieder neue Folgen gegeben hat und die Serie offiziell zwanzig Teile hervorgebracht hat. Eine gute Gelegenheit war damit gegeben, das Gesamtwerk mal zu begutachten und eine heutige Wertung abzugeben. Dabei ist es kaum verwunderlich, dass die Serie trotz der immerwährenden Grundidee „Wolf jagt Hase" einige Veränderungen unterworfen war, was bei einer zeitlichen Spanne von fast vierzig Jahren wohl auch nicht ausbleibt. Merkwürdig dabei ist, dass die Folgen einfach nur durchnummeriert wurden und keine offiziellen Titel trugen, ich werde mich notfalls an die inoffiziellen deutschen Bezeichnungen halten, falls ich näher auf eine spezielle Folge eingehe.

Wolf und Hase - dass ist eine immerwährende Hassliebe zweier herzig gezeichneten Trickfilmfiguren, die ohne einander einfach nicht auskommen können. Der Wolf ist stets auf der Jagd nach dem Langohr und holt sich dabei regelmäßig blaue Beulen, während der Hase natürlich permanent entwischt. So könnte man meinen, dass die Rollen „böser Wolf" und „guter Hase" eigentlich klar verteilt sind, aber so einfach ist es wohl nur auf den ersten Blick, denn beide Figuren haben auch weitere Charaktereigenschaften, die sich im Laufe der Folgen mal mehr, mal weniger offenbaren.

Erstaunlich, dass die Sympathiewerte dennoch eher beim Wolf zu finden sind. Während der Hase mit seinem eher unauffälligen Erscheinungsbild und blassem Charakter lediglich als langweiliges Jagdobjekt herhalten muss, hat man beim Wolf in die Vollen gegriffen: Er ist ein pöbelnder Tyrann, fast immer mit einer Fluppe im Maul und ein wahres Raubein, welches auch mal gerne Mülleimer wegkickt, so geschehen in der Episode 1 (Am Strand). Dabei grüßt er auch noch frech die Miliz und stülpt seine Hosentaschen nach außen, um seine Ehrlichkeit zu unterstreichen. Man könnte meinen, dass die Macher einen augenzwinkernden Seitenhieb auf die rebellische Jugend der 70er Jahre werfen wollten. Dazu passt auch der dazugehöriger fahrbare Untersatz, ein Motorrad, mit dem der Unhold in Episode 3 (Im Straßenverkehr) auf die Pirsch geht. Die Pleiten, die der Wolf dabei erlebt, lösen neben Gelächter zu weil auch Mitleid aus, denn dass sich der Hase dauernd rettet, liegt nicht an seiner Schläue, sondern eher an der Blödheit des Verfolgers. Denn immer kurz vor dem Ziel, in der Gewissheit, den Hasen gefangen zu haben, lässt der Wolf großkotzig seine Muskeln spielen und gibt dem Hasen die Möglichkeit, erneut zu fliehen. Im Kontrast dazu stehen die offenbar vorhandenen Begabungen des Wolfes, denn der Bursche ist immerhin Gitarrenspieler und kann ganz passabel tanzen.

Die Klassiker-Folgen stammen ohne Zweifel aus den 70ern, also bis etwa Episode 12 (Im Museum). Für meinen Geschmack drohte der Serie sogar schon vorher die Puste auszugehen. Mit Episode 7 (Die Seereise) hatte „Nu pogodi!" nämlich eine Art Höhepunkt zu verzeichnen: Die beiden Widersacher verbrüderten sich an Bord eines Schiffes, nachdem sie in Teamarbeit ein Leck im Frachtraum abgedichtet hatten. Meine Lieblingsszene, die im krassen Gegensatz zu den vorherigen Geschehnissen stand, ist die folgende: Beide sitzen nach der Rettungsaktion keuchend auf einer Kiste. Der Wolf will sich eine Pfeife anstecken und bietet dem Hasen auch eine an. Der lehnt dankend ab und zieht eine Karotte hervor und hält diese dem Wolf vor die Nase, der sich darauf hin angeekelt abwendet. Das anschließende Versöhnungstänzchen auf dem Deck hätte eigentlich ein gelungenes Schlussbild abgegeben.

Denn bereits mit den nächsten Folgen gab es bereits die ersten Durchhänger, wie zum Beispiel bei der Episode 11 (Im Zirkus), mit der uns die bis dahin langweiligste Folge präsentiert wurde. Die Interaktion von Wolf und Hase hatte nicht mehr den Pfiff der frühen Jahre und erschöpfte sich zumeist in simplen Verfolgen und Wegrennen, ohne dieses Grundkonzept mit weiteren Ideen anzureichern. In den 80ern verflachte die Serie weiterhin. Schade auch, dass die ehemals originelle Musikuntermalung - man mag es kaum glauben, wie passend sowjetische Schlager sein können - nicht mehr so konsequent eingesetzt wurde. Zwar ist es ganz interessant, wenn zum Beispiel in Episode 14 (Erfindermesse) neumodische Synthi-Musik die Geschichte begleitet, doch unter dem Kontext des sich wandelnden Zeitgeistes fängt der ursprüngliche Charme der Serie an zu bröckeln, wie auch die Jagd zwischen piepsenden und quäkenden Robotern deutlich zeigt. Mit der letzten Folge aus den 80ern - Episode 16 (Im Märchenland) - versuchte man dann noch einmal, mit innovativen Ideen die Serie zu retten, doch die Verlagerung des Plots in märchenhafte Gefilde und die erstmaligen Beteiligung von Menschenwesen in der Rolle von Nebenfiguren können kaum noch was retten.

Der Niedergang setzte sich in den 90ern ungebremst fort. Regisseur Kotjonotschkin war ohnehin nicht mehr mit von der Partie und ab sofort schmückte ein kurzer Werbetrailer die Eingangssequenz und Product Placement hielt fröhlichen Einzug, die Namen aus der Telekommunikationsbranche verkneife ich mir lieber. In der Charakterisierung wandelte sich der Wolf vom Straßenrowdy hin zum versnobten neureichen Russen, was sich in einem teuren Lebensstil inklusive luxuriöser Behausung und Nobelkarossen äußerte. Auch damit wird man sich als Fan der ersten Stunde nicht unbedingt anfreunden können. Für meinen Geschmack jedenfalls ist „Nu pogodi!" damit in der Bedeutungslosigkeit versackt.

Fazit: Eine Bewertung mit einer Note fällt mir diesmal echt schwer. Wenn ich den Schwerpunkt auf die ersten zehn Folgen lege, dann dürfte die obige vielleicht passen. Ich kann allerdings auch verstehen, dass eine Serie über fünf Jahrzehnte und zwei Gesellschaftssysteme verteilt eine merkwürdige Eigendynamik nehmen kann und man über daraus resultierende Schwächen hinwegsehen sollte. Auf alle Fälle sind die beiden Figuren zu ihren besten Zeiten würdige Konkurrenten zu „Tom und Jerry" gewesen und bis heute leider fast nur in östlichen Gefilden noch in angenehmer Erinnerung geblieben.

Details
Ähnliche Filme