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Nach den Anschlägen des 11.Septembers gab Bruce Willis bekannt, nie wieder einen „Stirb Langsam“-Film drehen zu wollen. Es schein, als hätte ihn jene Tragödie dazu bewogen, seine Karriere als Action-Held (und damit auch die filmische Jagd auf Terroristen) ein für alle Mal an den Nagel zu hängen…
Drei Flops (“Hart´s War“/“Tears of the Sun“/“the whole 10 Yards“), zwei interessante Gastauftritte (“Charlie´s Angels 2“/“Ocean´s 12“) sowie eine Synchronsprecher-Rolle (im dritten „Rugrats“-Teil) später, ist er nun also in „Hostage“, der Verfilmung eines Romans von Robert Crais, zu sehen, die von der Materie her nahtlos an die guten alten „John McClane“-Zeiten anknüpft. Tja, so ist das mit Vorsätzen in Hollywood…
Nach Abschluss der Dreharbeiten schienen die Chancen für ein erfolgreiches Comeback jedoch denkbar schlecht zu stehen, denn die Produktionsfirma („Miramax“) zerstritt sich mit ihren Chefs bei „Disney“, worauf „Hostage“ immer wieder angekündigt und verschoben wurde, bis man ihn schließlich im März mit einem Minimum an Werbung in die US-Kinos brachte, wo er eher mäßig abschnitt. Im Endeffekt schien man das Projekt (aufgrund seiner Inhalte) eher als einen Testlauf für die eventuell doch wieder anstehende Produktion von „Die Hard 4.0“ zu betrachten, denn Willis gilt zwar noch immer als ein Star der A-Liste, doch sein Name allein kann schon lange nicht mehr für den Erfolg eines Projekts garantieren – und in „Hostage“ taucht neben ihm nur noch Kevin Pollack („End of Days“) als bekanntes Gesicht auf, welcher aber erst recht nicht als Publikumsmagnet gilt…

Jeff Talley (Bruce Willis) ist ein ehemaliger Verhandlungsführer bei Geiselnahmen, welcher, nachdem er ein Blutbad nicht verhindern konnte, seinen Dienst beim LAPD gegen einen ruhigeren Posten als Polizeichef einer Kleinstadt eingetauscht hat. Als drei Teenager (Ben Foster, Jonathan Tucker, Marshall Allman) einen kostspieligen Wagen stehlen wollen und dabei vom Besitzer überrascht werden, nehmen sie den Buchhalter Walter Smith (Kevin Pollack – „Usual Suspects“) und seine beiden Kinder (Michelle Torn, Jimmy Bennett) in dessen hochmodernen Villa als Geiseln. Talley scheint nun unfreiwillig eine Chance der Trauma-Bewältigung zu erhalten, denn der Vorfall fällt in seinen Zuständigkeitsbereich, weshalb er sich dann auch mit vollem Einsatz ans Werk macht.
Die Lage spitzt sich jedoch zu, als plötzlich maskierte Gestalten auftauchen, Talleys Frau (Serena Scott Thomas – TV´s „Nash Bridges“) und Tochter (Rumer Willis – Bruce´s echte Tochter) entführen sowie den Cop dazu anweisen, ihnen eine bestimmte DVD mit wichtigen Daten des Syndikats aus der inzwischen (von innen und außen) hermetisch abgeriegelten Villa zu beschaffen – ansonsten würden sie seine Familie töten. In Folge dessen steht Talley vor einer schier unlösbaren Aufgabe: Die DVD beschaffen, die Geiseln im Haus sowie die eigene Familie retten und nach Möglichkeit die Kriminellen beider Situationen zur Strecke bringen – was sich letztendlich noch schwieriger gestaltet, da Talley inzwischen vorort das Kommando abgegeben hat…

„Hostage“ ist zum Glück nicht ganz so einfallslos und abgedroschen wie sein Titel ausgefallen – allerdings bietet die Story auch nicht viel mehr als eine Kombination bekannter Versatzstücke aus „Panic Room“, „Glass House“, „the Negotiator“, „Home Alone“(!), den „Die Hard“-Filmen sowie einer Vielzahl gängiger Action-Thriller.

Der Film eröffnet mit erstaunlich ansprechenden „Opening Credits“ im Comic-haften Schwarzweiß-Look mit einzelnen farbigen (roten) Elementen, wobei die Namen der Beteiligten auf Fahrzeugen und Gebäuden einer urbanen Umgebung stehen, in dessen Mitte eine Geiselnahme stattfindet. Wüsste man es nicht besser, könnte man glatt denken, man sitzt bereits im nächsten Werk des Herrn Willis – nämlich der lang und sehnlichst erwarteten „Sin City“-Verfilmung, welche mit demselben Farbdesign arbeitet. Nach dem fließenden Übergang in den Film hinein bekommt der Zuschauer eine fehlgeschlagene Verhandlungssituation präsentiert, die zwar vorhersehbar, aber packend umgesetzt wurde. Anschließend wird die weiterführende Handlung zügig vorangetrieben, doch leider entwickelt sich gegen Mitte der Laufzeit eine Phase des Leerlaufs mit viel Lärm um nichts, bis am Ende das Tempo wieder ansteigt und alles in zwei überzogene wie konsequente Showdowns mündet, welche (zusammen mit dem Anfang) die absoluten Höhepunkte darstellen. Vor allem das „erste Finale“ in der brennenden Villa ist ein optischer Hochgenuss…

Der französische Regisseur Florent-Emilio Siri, der zuvor „das tödliche Wespennetz“ sowie zwei „Splinter Cell“-Spiele inszenierte, liefert solide Handwerkskunst ohne herausragende Attribute ab, wobei seine „Hollywood“-Noir Einflüsse, die klaustrophobischen Innenaufnahmen sowie die Actionszenen durchaus überzeugen können. Seinem Hauptdarsteller gelingt es auch tatsächlich, den Film mit seiner Präsenz zu tragen – schließlich ist die Rolle des charismatischen Haudegens Willis wie auf den Leib geschrieben (bis hin zum finalen Sturm auf die Villa in überstrapazierter Zeitlupe). Trotzdem sind die vorhandenen Charaktere im Endeffekt alle entweder eindimensional oder unbedeutend ausgefallen – psychologische Tiefe sucht man leider vergebens (dabei hätten die Figuren durchaus Potential gehabt).

Das Problem des Films stellt eindeutig das mäßige Skript dar: Wäre Talley dazu bereit, eine fremde Familie zu opfern, um seine eigene zu retten? Diese Frage allein hätte soviel Reiz bieten können, doch im Endeffekt stellt sie sich nie wirklich, denn es steht zu jeder Sekunde außer Frage, dass Bruce die Kids im Inneren im Stich lassen könnte. Die Situation im Haus ist auf jeden Fall interessanter als jene draußen, denn die Verschwörung um die geheimnisvollen Killer und Hintermänner wirkt schlichtweg unausgegoren. Viele interessante Ansätze werden zudem nicht weiterverfolgt, wie etwa die schon fast paranoide Angst der Reichen vor Neidern oder Kriminellen – wahrscheinlich kamen diese Elemente in der Romanvorlage besser zur Geltung, doch hier bleiben etliche Fragen unbeantwortet.
Im Endeffekt handelt es sich jedoch „nur“ um einen Action-Thriller, der gar nicht mehr darstellen will (dass so etwas aber geht, hat „the Negotiator“ ja bewiesen), und so verzeiht man schon mal, wenn sich ein Einbrecher-Teen als psychopathischer Killer entpuppt oder ein Kind cleverer ist als „Kevin“ (der „allein zuhaus“). Ich persönlich hätte mir gerade im Mittelstück etwas mehr Spannung und Tempo gewünscht, doch Willis-Fans sollten auf ihre Kosten kommen.

Fazit: „Hostage“ ist ein ziemlich formelhafter Action-Thriller, welchen man aus den Versatzstücken etlicher anderer Produktionen zusammengeschustert hat – und trotzdem bietet er recht gute Unterhaltung mit einigen gelungenen Actionszenen sowie einem Bruce Willis in „alter Höchstform“ … 7 von 10.

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