Bruce Willis spielt den legendären Verhandlungstaktiker Jeff Talley, der allerdings keinesfalls die Details von Geschäftsverträgen verbal ausfechtet, sondern stattdessen in seiner Position als LAPD Cop bei Geiselnahmen den Einsatz von Schusswaffen auf beiden Seiten durch das gesprochene Wort verhindert. Gleich die Eröffnungssequenz zeigt, dass ihm sein Ruf anscheinend gerecht wird. Während unzählige SWAT-Cops auf dem Dach nach möglichen Schusswinkeln suchen, hat er den verrückten Familienvater an der Strippe, der droht seine Frau und seinen Sohn umzubringen. Von Anspannung ist bei Talley jedoch keine Spur: Entspannt liegt er auf dem Dach, lässt sich Sonnen und steckt sich während des Telefongesprächs einen Kamm in den Rauschebart. Er ist sich seiner Sache sehr sicher. Deswegen lehnt er auch die Option ab, den Verrückten eindeutig umzubringen, während dessen Frau in der Nähe, der Sohn aber in bestätigter Sicherheit ist. Auf ein Schild schreibt Talley "No one dies today".
Zehn Filmminuten später ist die Situation außer Kontrolle geraten. Talley hat seinen Gesprächspartner verloren. Nicht nur, dass der bewaffnete Familienvater ihm nicht mehr zuhört, er hat sich, seine Frau und sogar den Jungen erschossen. Talley gibt sich die Schuld am Tod der Familie, hätte er zuvor zumindest den Jungen sicher retten können. Die Tragödie nagt verständlicherweise an ihm. Ein Jahr später ist Talley Polizeichief von Bristo Camino. Kein L.A., keine allzu extreme Verantwortung – die gewöhnlichen Vorstadtverbrechen. Da seine Ehe zu scheitern droht, ist die Ruhe in dem Ventura County Örtchen genau das, was Talley nach all den traumatischen Ereignissen der Vergangenheit braucht. Und so ist er wohl auch ganz glücklich, als andere Spezialisten das Kommando übernehmen und Talley nach Hause schicken, als in seinem Bezirk eine Geiselnahme in dem gigantischen Anwesen des stinkreichen Walter Smith (Kevin Pollak) stattfindet. Er darf nach beruhigt in den Diner fahren - er hat keine Leichen mehr zu verantworten. Talley telefoniert noch einmal mit seiner Frau, sie versprechen sich gegenseitig eine Versöhnung.
"Hostage" ist einer der cleversten Thriller der letzten Zeit, denn nachdem die Vorkommnisse des Films unseren Filmhelden in spe in Ruhe lassen, öffnet sich eine weitere Storyebene des Thrillers – denn "Hostage" hat gleich zwei Geiselnahmen zu bieten: Der Überfall auf Smith ist von drei No-Future-Kids, die sich eigentlich nur des schicken Fuhrparks Smiths bemächtigen wollten, durchgeführt worden – und die nicht wissen, dass Smith Buchhalter für wichtige Männer ist. Wer diese maskierten, brutalen Männer sind, bleibt unklar. Mafia, FBI, internationale Gangster – tendenziell von allen ein bisschen. Da sich in Smiths Gewahrsam noch eine Disc mit brisanten Daten, als "Der Himmel kann warten"-DVD getarnt, befindet, wird Talley von diesen mysteriösen Männern erpresst: Er soll an den Tatort zurückkehren, das Kommando wieder übernehmen und die Situation in alter Talley-Manier auflösung – Hauptsache diese DVD oder mindestens Smith selbst gerät in die Hände der Drahtzieher. Wenn Talley versagt oder sich weigert, bringen diese Männer die gekidnappte Familie Talleys um. Der Köter musste bereits dran glauben.
Und genau da sind wir bei einem interessanten Punkt von "Hostage": Besonders zu Anfang scheint sich der Film nicht im geringsten für Hollywood-Konventionen zu interessieren: Der Hund gibt eine hässliche Tierleiche ab, zu Anfang stirbt eine ganze Familie, samt Kind, in Großaufnahme und das Mobiltelefon zu Beginn ist kein stylishes Product-Placement, sondern ein klobiges Ding, das sich nicht um Coolness oder Status bemüht. Besonders nach diesem unberechenbaren ersten Drittel des Films, in dem Hollywoods Heilige Kühe bereits getötet wurden, kann man "Hostage" kaum mehr einschätzen. Regisseur Florent Siri hatte bereits in der Eingangssequenz keine Skrupel den blutigen Halsschuss eines jungen Bubs zu zeigen – was soll da noch auf uns zukommen?
Es kommt so einiges, denn Siri spielt seinen komplexen Plot voll aus: Der Spannungsbogen bleibt bis zum knallharten Finale erhalten und hin und wieder nimmt "Hostage" eine kleine, aber feine Wendung. Zum Beispiel die furiose Mutation eines des jugendlichen Straftäters. Der Ruhigste des Trios, Mars, gespielt von Ben Foster, nimmt mit einem Mal dämonische Züge an: Wenn er in seiner manischen Boshaftigkeit die zwei Kinder Smiths durch einen Lüftungsschacht des Hauses jagt, erinnert er nicht an einen Menschen seines Alters, sondern an das Titelwesen aus "Alien". Als wären die Quasi-Mafia und ihre brutalen Methoden nicht schon genug für Bruce Willis, dieser junge Mann, der den Film zu einem infernalischen Horror verwandelt, stellt ihn auf eine besonders extreme, unerwartete Probe.
Nicht nur, dass "Hostage" auch noch eine wirklich ansprechende, ungewöhnliche Titelsequenz und einen wahrlich tollen Soundtrack zu bieten hat, auch ansonsten findet Regisseur Siri durchweg gute Scope-Bilder und vermeidet es glücklicherweise seinen Film trotz der ständigen Nutzung von modernem Sicherheits-Schnickschnack und Mobiltelefonen auch optisch zu einem High-Tech-Thriller zu machen. Der Look des Films bleibt weitestgehend kristallklar bis natürlich – nie zu sehr stilisiert oder verfremdet. Ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass Regisseur Siri in der Vergangenheit besonders durch die Inszenierung des High-Tech-Videospiels "Splinter Cell" aufgefallen ist. Doch für die Funktionalität des Thrillers "Hostage" nimmt sich Siri hier vornehmlich zurück und verzichtet auf allzu verkrampfte Technikspielereien.
Der Plot bekommt seinen einzigen Dämpfer, als der finale Showdown dann doch recht gewöhnlich ausfällt, jedoch an sich nicht mit der düsteren Grundatmosphäre des Thrillers bricht. Das beklemmende Kammerspiel, bei dem Willis und auch der Zuschauer ständig unter Druck stehen, funktioniert beachtlich gut: Nicht weil die Stellen, in denen der Film mögliche Schwächen mit extremer Action ausfüllt, sondern weil er die Action größtenteils nur an das Ende und nur an notwendige Stellen setzt. Ansonsten gibt es Nervenkitzel, der weitestgehend auf Klischees und allzu peinliche Stereotypen verzichtet. Das wird durch die durchweg gute Besetzung bereits verhindert, bei der der oben bereits erwähnte Ben Foster und der kleine Jimmy Bennett als minderjährige, aber raffinierte Geisel herausstechen. Nicht alles macht "Hostage" richtig – aber vieles. Viel mehr, als man es einem Hollywoodthriller, der Pyrotechnikeffekte beinhaltet, zutrauen möchte. Und so ist "Hostage" wahrlich eine angenehme Überraschung – zwei Stunden kurzweiliger Nervenkitzel und akzeptable psychologische Tiefe inklusive.