Review
von Alex Kiensch
Ein jugendliches Gangster-Trio überfällt eine reiche Familie, um deren Wagen zu stehlen. Aus dem einfachen Raub wird schlagartig eine Geiselnahme samt Mord, als einer der drei beim Eintreffen einer Polizeistreife durchdreht. Sie verschanzen sich mit ihren Geiseln im Haus, während draußen die Spezialeinsatzkräfte Stellung beziehen. Mitten darin: Der ehemalige Chefunterhändler der Polizei Jeff Talley (Bruce Willis). Eigentlich wollte er sich mit solchen Situationen nie mehr auseinander setzen. Doch diesmal wird er gezwungen: Gangster haben seine eigene Familie entführt, um ihn zum Einsatz zu zwingen. Denn im Haus befindet sich etwas sehr Wertvolles.
In düsteren, stark montierten Bildern und von einer sehr einfallsreichen Kamera eingefangen, erzählt Regisseur Florent Siri die kurzweilige und durchaus spannende Geschichte der doppelten Geiselnahme und des zwischen alle Fronten geratenen Helden. Die Besetzung spielt größtenteils gut, die Inszenierung bleibt souverän auf hohem Niveau und die Story spitzt sich immer wieder dramatisch zu. Und dennoch verschenkt "Hostage" viel von seinem Spannungs- und Actionpotenzial.
Wobei das Verschenken in diesem Fall vorrangig im Übertreiben besteht. Anstatt sich auf eine Geiselnahme zu konzentrieren, werden es gleich zwei. Das ist durchaus eine originelle Idee und sorgt für eine dramatische Situation, geht aber auf Kosten der Realitätsnähe und Glaubwürdigkeit des Handlungskonstrukts. Und vor allem die Umsetzung dieser Doppel-Handlung scheitert schließlich: So benötigt der Film ein zweites Finale, um auch diese Gefahr in typischer Hollywood-Manier zu eliminieren. Das überstrapaziert das Interesse des Zuschauers ganz eindeutig.
Auch in anderer Hinsicht leidet der Film an zu viel: Trotz grundsätzlich guter Leistungen schießen die Darsteller in besonders dramatischen Szenen weit über das Ziel hinaus. Da wird melodramatisch geschrien und geschluchzt, und mit komisch verzogenen Mimen Entsetzen dargestellt. Das wirkt meist weniger glaubhaft denn unfreiwillig komisch. Und der Psychopath der Gruppe, hervorragend von Ben Foster verkörpert, wird am Ende gar zum Dämon emporgehoben, wenn er etwa wie in einem Horrorfilm auf allen Vieren durch Lüftungsschächte eilt oder im selbst angerichteten Flammenmeer zum finalen Showdown herein schreitet. Alles in allem kann man konstatieren, dass hier versucht wurde, eine Eskalation zu kreieren, die aber so plump und überzogen daher kommt, dass es die eigentlich spannende Story immer mehr stört.
Dazu passt auch der hoffnungslos übertriebene Score, dessen pompöses Krachen umso mehr irritiert, als hier der sonst so souveräne Alexandre Desplat verantwortlich zeichnete. Mitunter scheint es, als sollte das donnernde Geigen- und Schlagzeug-Gewitter die Spannung erzeugen, die den Szenen durch inhaltliche oder psychologische Dichte fehlt. Aber gegen die vielen Klischees, unglaubwürdigen Details und allzu bemühten Wendungen kommt auch ein krachender Soundtrack nicht an.
Das alles ist wirklich schade, denn visuell besticht "Hostage" immer wieder und besonders gegen Ende mit beeindruckenden, finsteren Bildkompositionen. Und bis zum übertriebenen Finale folgt man der Handlung auch gespannt. In diesem Fall wäre weniger eindeutig mehr gewesen.