Ähnlich wie „Subway“ und „Nikita“ wird auch Luc Bessons „Im Rausch der Tiefe“ zum Cinéma du look gezählt, aber trotz seiner Präferenz für das Visuelle gegenüber dem Plot erreicht der Taucherfilm nicht die optische Extravaganz der beiden genannten Filme.
Immerhin der Auftakt ist recht spielerisch: In schwarz-weiß erzählt er die Vorgeschichte der beiden Hauptfiguren als kleine Jungs an der griechischen Küste. Beide tauchen gerne, der eine ist jedoch ein kleiner Bully, der den anderen, introvertierten Knirps gern herausfordert, mit seiner Clique im Rücken, ein Zeichen von Unsicherheit während dieser Machtdemonstration. Der stille Jacques hingegen liebt das Idyllische des Unterwasser-Seins, von dessen Flora und Fauna man während des Auftakts ironischerweise am meisten sieht. Der Vater von Jacques ist professioneller Taucher, der jedoch bei seiner Arbeit das Leben verliert, nachdem sein Atemschlauch durch Felsen aufgeschnitten wird und er ertrinkt, im Beisein von Jacques. Es ist die Keimzelle all dessen, was noch folgen soll, durch den Stil und das Alter der Hauptfiguren abgegrenzt vom Hauptpart.
Zwei Dekaden später sind beide erwachsen, beide tauchen für den Lebensunterhalt, jedoch auf unterschiedliche Weise. Enzo Molinari (Jean Reno) ist ein Showman, der als Rettungstaucher arbeitet, wobei er eingeschlossene Personen mit viel Tamtam rettet. Jacques Mayol (Jean-Marc Barr) hingegen taucht heimlich, still und leise, aktuell bei einem Forschungsprojekt in den Anden, bei dem die Auswirkungen der Isolation im Eiswasser auf Taucher getestet werden. Hier begegnet ihm die Versicherungsagentin Johana Baker (Rosanna Arquette), die sich sofort für den stillen Sportler interessiert, womit Besson seine dritte Hauptfigur einführt.
Als Johana hört, dass Jacques an den Tauchmeisterschaften in Sizilien teilnimmt, erfindet sie einen angeblichen Versicherungsfall, um ihm auf den Nacken ihrer Firma hinterher zu reisen. Vor Ort ist auch Enzo, der als Jacques‘ sportlicher Rivale ebenso auftritt wie als Rivale um Johanas Gunst…
Ehe gesundheitliche Gründe nach einem Unfall ihn davon abhielten, wollte der begeisterte Taucher Besson eigentlich selbst Meeresbiologe werden. Vielleicht überlegte er aus diesem Grund zwischenzeitlich sogar die Mayol-Rolle höchstselbst zu übernehmen, fragte außerdem seinen „Subway“-Hauptdarsteller Christopher Lambert ebenso für den Part an wie Mickey Rourke, ehe er sich für Jean-Marc Barr entschied. Barr ist okay in der Rolle, die nicht unbedingt zugänglich für das Publikum ist: Introvertiert, dass es fast autistische Züge hat, schweigsam, bisweilen sogar undurchsichtig. Den dankbareren Part des Enzo gab Besson an seinen Stammschauspieler Jean Reno, der mit sichtlicher Freude den Lebemann spielt, wenn auch mit der groben Kelle. Allerdings ist die Rolle auch als reinstes Italienerklischee geschrieben: Enzo tritt großspurig auf, futtert am liebsten Pasta mit Meeresfrüchten, kuscht selbst als Erwachsener noch vor der herrischen Mama usw. Die dritte im Bunde ist Rosanna Arquette, die vor allem gut aussehen muss, sonst vom Drehbuch aber oft im Stich gelassen wird: Sie ist ein besserer Zaungast der Rivalität der beiden Frenemies und muss verzweifelt merken, dass sie nie in einen vollwertigen Platz in Jacques‘ Leben haben wird.
Warum sich die toughe Versicherungsagentin so holterdiepolter in den Taucher verliebt, das kann das Drehbuch kaum klarmachen, auch die daraus resultierenden Handlungsabläufe stammen aus dem Wolkenkuckucksheim: Die naheliegende Lösung für ein forciertes Wiedersehen ist natürlich ein erlogener Versicherungsfall, den ihre Chefs ihr trotz mäßig überzeugender Erklärungen abkaufen, nach Auffliegen des offensichtlichen Betruges wird sie gefeuert und versteht anscheinend nur so semi warum. Die beiden männlichen Figuren sind konsequent, aber statisch gezeichnet. Jacques lebt nur für das Meer, stellt Rekorde im Tauchen auf, aber scheint sich kaum um den Ruhm und den Sport zu scheren. Er flüchtet sich ins Wasser, verbringt gern Zeit mit seinen Delphinen, mit denen er nach der ersten Liebesnacht mit Johana schwimmen geht, während er sie am Strand stehen lässt. Eigentlich ein eindeutiges Zeichen, aber die Gute rennt ihm doch immer weiter hinterher. Enzo hingegen ist der Rivale, der seinen Jugendfreund zu den Wettkämpfen einlädt, weil er weiß, dass er sich dann nur wirklich als bester Taucher fühlen kann, wenn er auch Jacques schlägt. Dabei will der Italiener dem Franzosen nichts Böses, auch wenn er ihn sportlich wie amourös übertrumpfen will: Er gibt Jacques Ratschläge, später auch für die Beziehung mit Johana, er steht mit beiden Beinen im Leben.
So ist Enzo dann auch für die meisten humorigen Momente des Films verantwortlich, in denen „Im Rausch der Tiefe“ dann mit am besten funktioniert. Denn als Drama gibt das Ganze nur wenig her, da die Figuren eben zu statisch sind. Es gibt auch keine Dreiecksgeschichte, da sich Johana umgehend für Jacques entscheidet und Enzo nur ein wenig hilf- wie erfolglos baggern kann. Da sind die Delphine und der Ozean die größeren Rivalen um ihren Männe. So zieht sich der Film, vor allem im mehr als zweieinhalb Stunden langen Extended Cut. Immer wieder gibt es Zeitsprünge zur jeweils nächsten Lebensphase der Beteiligten, oft abrupt, was eine echte Nachvollziehbarkeit erschwert und den Film episodenhaft erscheinen lässt. Die Tauchgänge sind dann das eigentliche Herzstück von „Im Rausch der Tiefe“, doch deutlich weniger an der Zahl, als man angesichts des Titels annehmen möchte. Noch dazu gibt es dort oft kaum mehr als das große Blau der Tiefsee zu sehen, Original- und internationaler Verleihtitel sagen es bereits, sodass es dann auch kaum etwas ausmacht, ob nun vor Ort oder in einem Wassertank gedreht wurde.
Eines muss man Besson jedoch lassen: In den Tauchszenen kann er die Faszination für den Sport im Allgemeinen rüberbringen, aber auch die Besessenheit der beiden Rivalen visualisieren. Sie erleben einen wahrhaftigen Rausch der Tiefe, stellen immer neue Bestmarken auf, setzen dabei aber ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel. Doch durch die Inszenierung versteht man den selbstzerstörerischen Impuls der beiden, die aus unterschiedlichen Motiven handeln, Meerverbundheit contra Ehrgeiz. Auch sonst gibt es ein paar nette inszenatorische Kabinettstückchen, etwa die schnittlose Sequenz, in der die beiden Rivalen während einer Feier einen Spontanwettbewerb im Luftanhalten im Pool veranstalten, sich dabei einerseits wie kleine Kinder verhalten, andrerseits ihr Leben aber für dieses kindische Wetteifern riskieren, auch in diesem Rahmen. In solchen Szenen kann Besson seinen Film immer wieder prägnant auf den Punkt bringen, was ihm insgesamt dann nicht gelingt, da sich viele Szenen einfach nach Füllmaterial anfühlen, nach Dingen, die nicht benötigt werden, die der Regisseur und Co-Autor dann nicht aus dem Film werfen wollte. „Im Rausch der Tiefe“ basiert auf dem Wettbewerb der realen Taucher Jacques Mayol und Enzo Maiorca, die jedoch arg fiktionalisiert wurde, gerade wenn man den Ausgang des Films mit der Realität vergleicht. Dafür hat das Ende durchaus Nachhall, obwohl oder gerade weil man es in seiner Konsequenz kommen sieht.
„Im Rausch der Tiefe“ war für Luc Besson ein Passionsprojekt, dem es in seinen besten Momenten auch gelingt die titelgebende Faszination für das Tauchen und die Ehrfurcht vor den Weiten des Ozeans zu vermitteln. Leider gibt es auch noch einen Film drumherum, mit statischen Figuren und viel Drama, das eigentlich keines ist, noch dazu überlang und weitaus wenig tauchlastig als angenommen. Jean Reno hat sichtlich Spaß an der Enzo-Rolle, „Im Rausch der Tiefe“ hat auch einige schöne Szenen, macht insgesamt aber nicht so wirklich satt.