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kurz angerissen*

Bruchstücke eines Argento-Spiegels, mühsam zur eigenen Vision zusammengeklebt. Ein wilder Goblin im Bastrock hätte für die wirre Montage der Szenen verantwortlich sein können, dabei steuert er lediglich die Klangkulisse bei. Hamburg und Budapest verschmelzen zur Gothic-Megacity. Eine Infrastruktur wie ein Pentagramm, in dessen Mitte der Turm einer Kathedrale thront. Erbaut auf einem Massengrab, durchlöchert von den Spuren moderner Zivilisation: Eine U-Bahn rast wie eine verirrte Pistolenkugel durch die Adern des blutgetränkten Bodens und lässt das mächtige Fresko in der Kirchenhalle erbeben.

Michele Soavis Vision, die dunkle Geschichte der Kirche in einen Horrorfilm zu gießen, ist eine zutiefst zerrissene. Seine großen Ambitionen sieht man ihm in der wirklich meisterhaften Komposition einzelner Sequenzen an. Wiederholt spielt er mit langen, schwebenden Kamerafahrten, die nahezu das Maximum aus den atmosphärischen Setpieces herausholen. Die Tonspur wird gelegentlich selbst zum Hauptquell des Horrors und das Bild fügt sich in Komplizenschaft der reinen Suggestion. Optische Spezialeffekte kommen trotzdem regelmäßig zum Zuge - und glänzen mit Vielfalt, Abwechslungs- und Einfallsreichtum, die niemals überstrapaziert wird. Berge aus lehmigen Menschenkörpern wie auf Peter Paul Rubens „Der Höllensturz der Verdammten“ oder die plötzliche Manifestation eines Gemäldes von Boris Vallejo erscheinen und verschwinden so plötzlich, als hätte man sie gar nicht gesehen, sondern bloß fantasiert.

Die Beseitigung der Spuren zur "Démoni"-Reihe von Lamberto Bava, mit der man "The Church" ursprünglich in Verbindung bringen wollte, hat allerdings klaffende Lücken im Drehbuch hinterlassen. Dass man mit einem Mittelalter-Prolog beginnt und einen enormen Zeitsprung in die Gegenwart vollzieht, mag ja für das Subgenre noch Konsens sein; so unterstreicht man schließlich die Macht des Bösen, die auf dem Überdauern von Jahrhunderten basiert. Doch einmal in der Gegenwart angekommen, gelingt es Soavi nicht, das Chaos zu jenem edlen Gemälde zu sortieren, das ihm vorschwebte. Den Subplots fehlt oft der Bezug zum Kernthema, sie funktionieren mitunter wie autonome Kurzgeschichten mit ihren eigenen visuellen Pointen, die eigene Stimmungen verfolgen und nur wenige Konsequenzen für das Universum haben, in dem sie spielen.

Ein Qualitätsmerkmal ist das nicht gerade. Und doch kann "The Church" große Freude bereiten, gerade weil es sich eben nicht um das Werk eines Meisters handelt, sondern um eine spektakuläre Ruine, die in hoher Taktfrequenz die besten Momente aus den Arbeiten von Argento oder Carpenter wie grelle Bitze aus Déjà-Vus ins Bewusstsein jagt.

*weitere Informationen: siehe Profil

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