Review
von Alex Kiensch
Neben dem zeitlosen Klassiker „Schindlers Liste" befasste sich Hollywoods erfolgreichster Regisseur Steven Spielberg auch mit einem anderen großen Schauplatz des Zweiten Weltkriegs: „Im Reich der Sonne" erzählt die dramatische Geschichte des britischen Jungen Jim (der jugendliche Christian Bale), der während der japanischen Besatzung Chinas von seinen Eltern getrennt wird und zuerst auf der Straße und schließlich in diversen Internierungscamps ums Überleben kämpft.
Diese Geschichte, die auf einem Roman von James G. Ballard beruht, greift einen eher selten behandelten Aspekt der Historie auf - das Schicksal der britischen Kolonialherren in China während des Zweiten Weltkriegs. Mit dem für Spielberg typischen opulenten Aufwand ersteht hier ein visuell beeindruckendes Mahnmal wider den Krieg, das aber auch das schwierige Verhältnis zwischen europäischen Kolonialisten und Chinesen zumindest ansatzweise thematisiert. Dass die Handlung dabei konsequent aus kindlicher Perspektive geschildert wird, sollte ihm eigentlich alle Sympathien sichern - in diesem Zusammenhang ist es wirklich mutig, den zentralen Jungen als eher unsympathisches Upper Class-Kid zu charakterisieren.
Vielleicht fällt er auch ein wenig zu unsympathisch aus: Verwöhnt, großmäulig und einen Hauch zu selbstbewusst tritt Jim im luxuriösen Haushalt seiner Eltern auf, zeigt sich ebenso naiv wie fasziniert von japanischen Kampffliegern und versteht bis zur drastischen Eskalation den Ernst der Lage nicht. Aber auch während seiner traumatischen Zeit im Lager verhält er sich immer wieder auf egoistische und andere Gefangene gefährdende Art und Weise. Leider gelingt es weder Drehbuch noch Regie, die seelischen Verheerungen, die Krieg und Entbehrung mit dem Jungen anstellen, nachvollziehbar zu inszenieren. So bleibt Jim ein zwar cleverer, aber doch auch penetrant nervtötender Junge mit Privilegien, dem man nur sehr bedingt seine Sympathien schenken kann.
Auch fällt die Darstellung der Kriegsgräuel unter japanischer Besatzung erstaunlich zurückhaltend aus. Natürlich muss man sich überlegen, welche psychischen und physischen Grausamkeiten man zeigen will, wenn man einen familientauglichen Blockbuster inszeniert, aber die konkrete Gefahr und Brutalität des Kriegs gerät hier seltsam undifferenziert und wenig konkret. Selbst in den mitreißenden Massenszenen, in denen die chinesische Bevölkerung vor den Invasoren flieht, fehlt für Zuschauer, die nicht allzu genau über die japanisch-chinesische Historie des Zweiten Weltkriegs Bescheid wissen, allerlei Hintergrund und Detailgenauigkeit. So bleibt die Gefahr des Kriegs eher eine durchgehend subtile Grundlage des Handlungsgeschehens als eine konkrete Bedrohung.
Beide Punkte sind wirklich schade, weil sie viel Potenzial verschenken: Zum einen liefert der blutjunge Christian Bale schon hier eine beeindruckende, wirklich intensive Darstellerleistung (neben der sogar John Malkovich ein wenig verblasst), zum anderen fallen Ausstattung, Setting und Komparseneinsatz so aufwendig und spektakulär aus, wie man es von Spielbergs großen Blockbustern gewohnt ist. Vor diesem technischen Aufwand fällt jedoch die Spannung deutlich ab, wenn zum Beispiel einzelne Handlungsentwicklungen nicht recht nachvollziehbar eintreten - etwa die brutale Behandlung, die Malkovich urplötzlich von den japanischen Soldaten des Lagers erfährt.
Insgesamt besticht „Das Reich der Sonne" durch seinen epischen Atem, beeindruckende Bildkompositionen und den ausdrucksstarken Soundtrack von John Williams. Die großartigen Schauspieler kämpfen jedoch gegen ein eher unausgegorenes Drehbuch, das es nicht versteht, die anfängliche Spannung aufrecht zu erhalten. So schleichen sich immer wieder langatmige Passagen ein. Zusammen mit der eher unsympathischen Hauptfigur ergibt sich so ein eher schwaches Bild - da ist man von Spielberg unbedingt Besseres und Packenderes gewohnt.