Review

Thumbsucker
(Splendid)

Es gibt Filme, die sind so eindringlich, feinfühlig und intim inszeniert, dass sie sich schon beim ersten ansehen im Hirn des Betrachters verankern. Mir ging dies so bei Harold and Maude, Mike Nichols Reifeprüfung oder Willkommen im Tollhaus. Mike Mills erster Langfilm Thumbsucker ist auch solch ein Film. Hier gehen Story, Ensemble, Soundtrack und Regie eine wunderbare Verbindung ein, dass es erstaunlich ist, das Thumbsucker kein weltweiter Publikumsrenner des Independentkinos geworden ist. Allerdings haben manche großartigen Filme ihren Erfolg erst auf DVD. Dies war bei dem ähnlich gelagerten, aber nicht zu vergleichenden Donnie Darko, der sich auch mit einem heranwachsenden Menschen und seinen Sorgen und Ängsten beschäftigte, ähnlich.
Die Geschichte, basierend auf einen Roman von Walter Kirn, dreht sich um den Heranwachsenden Justin Cobb (unglaublich intensiv dargestellt von dem jungen Lou Taylor Pucci, der hier sein Debüt als Schauspieler gleich mit einer Meisterleistung zeigt, und dafür völlig zu Recht den silbernen Bären der Berlinale 2005 gewonnen hat.). Justin nuckelt noch am Daumen! Wo seine Mutter (Tilda Swinton) diese Angewohntheit akzeptiert, sich allerdings auch gedanklich und emotional frustriert immer weiter von ihrer Familie distanziert, versucht sein Vater (Vincent D´Onofrio), ehemals erfolgreicher Sportler, nach einer Verletzung jedoch frustriert und emotional abgeschottet, es ihm unter Druck abzugewöhnen. Dazu kommen für Justin noch ein psychologisierender Zahnarzt (Keanu Reeves), ein motivierter aber eigenbrötlerischer Lehrer (Vince Vaughn), die erste Liebe und viele andere alltägliche Problem.
Hierbei ist erstaunlich, wie kompakt sich das Ensemble, bestehenden aus einer großen Schar von hochklassigen Schauspielern dem liebevollen Drehbuch unterordnet, und einer Geschichte, die das Daumenlutschen als Aufhänger nimmt, alltägliche Sorgen, Ängste und Emotionen tiefgründig darzustellen. Keiner der Protagonisten wird hier vorgeführt, sondern jeder Charakter, und sei er/sie noch so skurril, ist liebevoll und ehrlich gezeichnet.
Ähnlich wie in dem Film Happiness zeigt sich, dass wahre Spannung aufkommt, wenn realistische und nachvollziehbare Emotionen und Handlungen gezeigt werden. Hier hat keiner der Figuren die ultimative Lösung für Lebensprobleme, oder verhält sich in jeder kritischen Situation korrekt. Genau das ist es, was Thumbsucker zu einem echten Erlebnis macht. Der Zuschauer erkennt sich in den gezeigten Figuren wieder. Die Schauspieler sind nicht der unnahbare Übermensch, sondern greifbare Wesen, die eben nicht alles können und wissen, sondern oft rat- und hilflos agieren.
Hier trifft Weisheit und Tiefsinn auf Chaos und Humor. Thumbsucker zeigt viele Facetten der Pubertät, wo eben auch in der Realität Drama und Witz Hand in Hand gehen.
Eine Veröffentlichung, die von Splendid liebevoll durch ihr quietschgrünes Layout sehr ins Auge fällt, und jeden Filminteressierten ansprechen dürfte, der ein Auge auf intelligente, realistische Unterhaltung wirft.
Auch beim Bonusmaterial setzt Splendid nicht auf Masse, sondern auf den Film abgestimmte Klasse. Neben der obligatorischen Trailershow ist hier das Hauptextra ein über 40 Minuten langes, informatives und unterhaltsames Interview zwischen dem Autoren Walter Kirn (in den USA ein viel beschäftigter und bekannter Literaturkritiker. Seine Romanvorlage Daumenlutscher liegt auch auf deutsch vor!) und dem Regisseur Mike Mills (Thumbsucker ist sein Debüt, vorher trat er mit Videoclips für Moby, Beastie Boys, Sonic Youth oder Beck in Erscheinung). Daneben gibt es noch ein etwa 20 Minuten langes Making of, wo neben dem Regisseur noch die Crew zu Wort kommt.
Thumbsucker ist ein wunderbarer Film, den ich jedem, der noch ein Gefühl für anspruchsvolle Geschichten mit liebevoll gestalteten Charakteren hat, wärmstens empfehlen kann.

CFS

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